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18.01.2022

04:00

Konjunktur

„Gravierendes Problem für globale Lieferketten“ – Chinas rigide Coronapolitik gefährdet den Welthandel

Von: Dana Heide, Julian Olk

China will Omikron mit drakonischen Mitteln stoppen – auf Kosten der Lieferketten. Vor allem die deutsche Wirtschaft ist betroffen. Auch weil China ein Impfstoffproblem hat.

Chinas Reaktion auf Omikron bedroht den internationalen Handel VIA REUTERS

Container-Stau

Am Containerhafen in Ningbo Zhoushan stapeln sich die Warenlieferungen.

Berlin, Peking Ein mehrere Meter hoher blickdichter Zaun, Stacheldraht, Sicherheitskräfte, ein Polizeiwagen – beim Anblick des Kunlun-Hotels im Herzen Pekings könnte man meinen, dass sich die Luxusherberge auf eine Invasion vorbereitet. Dabei ist das Hotel lediglich eine von mehreren Dutzend Einrichtungen in der chinesischen Hauptstadt, in denen Athleten und Mitreisende für die am 4. Februar beginnenden Olympischen Winterspiele untergebracht werden sollen – allerdings abgeschirmt vom Rest Pekings.

Denn aus Sicht der chinesischen Staatsführung stellen die Besucher aus dem Ausland tatsächlich so etwas wie eine Invasion dar. Jeder der Tausenden Einreisenden könnte potenziell das Coronavirus einschleppen. Und darauf reagiert die Staatsführung rigide.

Nachdem mehrere Städte in verschiedenen Provinzen Chinas Infizierte gemeldet hatten, ergriffen die Lokalregierungen in den vergangenen Wochen teils heftige Maßnahmen, um die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Und als am Wochenende der erste Omikron-Fall in Peking registriert wurde, rief der stellvertretende Chef der Pekinger Gesundheitsbehörde die Bevölkerung auf, den Kauf von Waren aus Übersee zu minimieren. Ein Brief aus Kanada habe das Virus übertragen.

Experten warnen bereits seit Monaten, dass ein großflächiger Ausbruch des Coronavirus die rigide Null-Covid-Strategie, die Chinas Staatsführung seit Beginn der Pandemie verfolgt, an die Grenzen führt, ja eine Katastrophe in der Volksrepublik zur Folge hätte. Die hochansteckende Omikron-Variante erhöht den Druck nun gewaltig, zumal die chinesischen Impfstoffe wenig Schutz gegen die Variante bieten.

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    Die Sorgen in der Wirtschaft wachsen, dass Chinas Abriegelungen erneut zur Belastung für den Welthandel werden. Schon jetzt setzen auch deutschen Unternehmen im Land die coronabedingten Produktionsstopps zu. Von dort könnten sich die Konsequenzen in die Welt ausweiten. Mit jedem stillgelegten Unternehmen in China wachsen die potenziell negativen Folgen für die Weltwirtschaft – angesichts Chinas entscheidender Rolle im internationalen Warenverkehr.

    „Absolut ein Grund zur Sorge“

    Die aktuelle Lage in China sei für die Weltkonjunktur „absolut ein Grund zur Sorge“, sagt Klaus-Jürgen Gern, Weltkonjunktur-Leiter am Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW): „Es spricht viel dafür, dass China den gerade erst wieder leicht erholten internationalen Handel wieder komplett aus der Bahn wirft.“

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    Dies würde auch dem deutschen Außenhandel schwer zusetzen, befürchtet Gern. Denn aus keinem Land bezieht die deutsche Wirtschaft so viele Waren wie aus China. Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts gab zu Beginn der Pandemie im April 2020 knapp ein Drittel der deutschen Industrieunternehmen an, auf chinesische Vorprodukte angewiesen zu sein.

    Wie ernst die Lage ist, zeigt ein Blick in die jüngere Corona-Vergangenheit. Da hatte Chinas strikte Null-Covid-Strategie der Weltkonjunktur immer wieder empfindliche Rückschläge versetzt. So genügte im August 2021 ein einziger mit dem Coronavirus infizierter Hafenarbeiter, dass die Lokalregierung einen kompletten Terminal in Ningbo schloss – immerhin dem zweitgrößten Hafen der Welt. Mehr als 50 Containerschiffe stauten sich, weltweit stockten die Transporte via See.

    Auch derzeit sind es wichtige Hafenstädte, denen eine Abriegelung zur Eindämmung des Coronavirus droht. Schanghai, Shenzhen und Tianjin haben Fälle der Omikron-Variante gemeldet, teilweise gab es in den wichtigen Logistikzentren bereits Verzögerungen durch Pandemie-Präventionsmaßnahmen.

    Zwar sei der Betrieb des Hafens in Tianjin stabil, sagte ein Vertreter der dortigen Tianjin Port Group der staatlichen Zeitung „Global Times“. Man werde auch weiterhin den reibungslosen Ablauf der Liefer- und Industrieketten in den Regionen „in vollem Umfang“ gewährleisten. Dennoch wecken die jüngsten Fälle in der Wirtschaft schlechte Erinnerungen.

    Mit dem Hafen in Dalian in der nordöstlichen Provinz Liaoning ist ein weiterer großer Hafen von Omikron betroffen. Beschränkungen beim wichtigen Anlaufpunkt auf der Halbinsel Liaodong könnten nicht nur die generellen Lieferengpässe, sondern auch die Energiepreiskrise verschärfen. Laut der Analyseplattform Fleetmon machen Tanker für Öl, Gas oder Kraftstoff ein Viertel des Verkehrs am Hafen Dalian aus.

    Deutsche Wirtschaft besonders betroffen

    Viele deutsche Unternehmen haben begonnen, ihre Lieferketten umzustellen. „Doch einen Koloss wie China ersetzt man nicht einfach so“, sagt Gern. Umso mehr, als die Volksrepublik nicht nur wichtiger Lieferant, sondern auch das zweitwichtigste Abnehmerland deutscher Produkte ist. Insbesondere die deutsche Automobilindustrie ist auf den chinesischen Markt angewiesen. „Werden große Teile der chinesischen Bevölkerung isoliert, schadet das dem Absatz vieler deutscher Branchen schwer“, erläutert Gern.

    Schon im Dezember hatten die generellen Coronamaßnahmen in China den Konsum gedrückt. Das Wachstum der Einzelhandelsumsätze verlangsamte sich auf 1,7 Prozent. Im November hatte der Zuwachs noch bei 3,9 Prozent gelegen.

    Wie schnell sich Beschränkungen in China auf die Weltkonjunktur auswirken, sei aufgrund der dünnen Datenlage noch unklar, erklärt Feodora Teti, stellvertretende Leiterin des Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft. So oder so würde gerade die deutsche Volkswirtschaft besonders beeinflusst, „weil sie nach wie vor erheblich unter den schon bestehenden Lieferengpässen leidet“.

    Impfstoff schützt offenbar nur unzureichend vor Omikron

    Eine schnelle Abkehr von der Null-Covid-Strategie scheint trotz aller Risiken unwahrscheinlich. Das liegt auch daran, dass der chinesische Impfstoff laut Experten nur unzureichend vor einer Ansteckung mit dem Virus schützt.

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    Der Charité-Virologe Christian Drosten hatte bereits im Dezember gewarnt: „Der Impfstoff, der in China verwendet wurde, hat eine schlechte Wirksamkeit gegen Omikron. Das ist eine echte Gefahr für die Weltwirtschaft.“ Ausländische Impfstoffe wie Biontech oder Moderna sind in der Volksrepublik nicht zugelassen.

    Experten rechnen damit, dass China die rigide Politik zur Eindämmung noch verstärken wird. In Anbetracht von Chinas Null-Covid-Politik bedeute das häufige und umfangreiche Sperrungen, die sich stark auf die globale Wirtschaftstätigkeit auswirken würden, prognostiziert Olivier Blanchard vom Peterson-Institut für internationale Ökonomie.

    China gerate aufgrund der geringen Effektivität seines eigenen Corona-Impfstoffs in eine Sackgasse, warnt Jürgen Matthes, Leiter des „Kompetenzfelds Internationale Wirtschaftsordnung und Konjunktur“ beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Ein so infektiöses Virus und eine No-Covid-Strategie passen nicht zusammen.“ Immer neue Lockdowns in China dürften zu erneuten gravierenden Problemen in den globalen Lieferketten führen", ist auch er überzeugt.

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