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30.11.2022

09:08

Konjunktur

Neue Corona-Lockdowns würgen Wirtschaft in China ab

Von: Sabine Gusbeth

Wichtige Konjunkturindikatoren für Industrie und Dienstleistung deuten eine weitere Abkühlung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt an. Zudem bringen die Proteste die Staatsführung in die Zwickmühle.

Das Land hat bisher keine nachhaltige Öffnungsstrategie in der Pandemie. Bloomberg

Nahezu leere Straßen in Peking

Das Land hat bisher keine nachhaltige Öffnungsstrategie in der Pandemie.

München Die Situation in der chinesischen Wirtschaft hat sich im November weiter verschlechtert. Die steigende Zahl von Lockdowns infolge neuer Rekorde bei den Coronainfektionen haben die Stimmung in Industrie und Dienstleistungsgewerbe stärker eingetrübt als erwartet. Das zeigen die offiziellen Einkaufsmanagerindizes (PMI), die am Mittwoch veröffentlicht wurden. Die ersten Konjunkturindikatoren für November fielen damit schlechter aus als erwartet.

Der PMI für die Industrie fiel von 49,2 Punkten im Vormonat auf nur noch 48 Punkte, den schwächsten Wert seit April. Noch schlechter ist die Lage in der Dienstleistungsindustrie. Dort fiel der PMI von 48,7 auf 46,7 Punkte. Werte unter 50 bei dem wichtigen Konjunkturbarometer deuten auf einen Abschwung hin.

Chinas Wirtschaft war im dritten Quartal um 3,9 Prozent gewachsen. Damit hatte sie sich stärker als erwartet von den Corona-Lockdowns im Frühjahr, unter anderem in der Finanzmetropole Shanghai, erholt. Diese hatten im zweiten Quartal dafür gesorgt, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt de facto stagnierte. Das Anfang des Jahres von der chinesischen Staatsführung ausgegebene Wachstumsziel von 5,5 Prozent gilt als nicht mehr erreichbar.

Die Internationale Währungsfonds (IWF) hatte bereits am Dienstag angekündigt, möglicherweise seine Prognose für Chinas Wirtschaftswachstum erneut nach unten korrigieren zu müssen. Das erklärte IWF-Chefin Kristalina Georgiewa mit Verweis auf die Coronarestriktionen und die Probleme auf dem Immobiliensektor. Der IWF geht derzeit noch von einem Wachstum von 3,2 Prozent aus.

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    Experten befürchten, dass es noch schlimmer kommen könnte: In gewissem Maße könnte das tatsächliche Wachstum im November sogar „schlechter ausfallen als im April und Mai, als Shanghai und einige andere Großstädte komplett abgeriegelt wurden“, warnt ein Analystenteam der japanischen Investmentbank Nomura um China-Chefvolkswirt Lu Ting. Die Teil-Lockdowns in einer steigenden Zahl von Städten könnten dem Land teurer zu stehen kommen als vollständige Sperrungen in nur einigen wenigen Städten.

    Proteste bringen Staatsführung in Zwickmühle

    Die Proteste gegen die strikten Coronamaßnahmen in vielen chinesischen Städten am vergangenen Wochenende haben Peking in eine Zwickmühle gebracht, warnen denn auch die Experten des Analysehauses China Beige Book. Entweder die Staatsführung verkrafte den sprunghaften Anstieg der Covidfälle, oder sie werde nicht in der Lage sein, die Wirtschaft zu öffnen. Sie verweisen darauf, dass typischerweise im November noch kein Hoch an Covidinfektionen erreicht sei, dieses komme erst im Winter. „Das erste Quartal 2023 könnte daher noch schlimmer werden“, fürchtet Managing Director Shehzad Qazi.

    Noch ist das volle Ausmaß der Auswirkungen auf die Lieferketten nicht absehbar, da – anders als noch im Frühjahr – vielerorts versucht wird, Coronaausbrüche mit kleineren, lokaleren Lockdowns einzudämmen. Mit mäßigem Erfolg: Die Zahl der Coronainfektionen war zuletzt auf ein Rekordhoch gestiegen. Das macht auch deutlich, dass die chinesische Staatsführung trotz der jüngsten Proteste kaum Spielraum für eine Lockerung der strikten Null-Covid-Politik hat. Experten befürchten bei steigenden Coronazahlen schnell eine Überforderung des Gesundheitssystems und zahlreiche Tote. Denn viele Chinesen, insbesondere vulnerable Gruppen, sind nicht ausreichend immunisiert.

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    Bereits seit September führen die steigende Coronazahlen in China zu neuen Mobilitätsbeschränkungen im überregionalen Fernverkehr, wie eine Analyse der französischen Investmentbank Natixis ergab. Dies gilt als Frühindikator für wachsende Probleme in den Lieferketten. Der Hauptgrund für die wachsenden Probleme der Industrie sei die mangelnde Versorgung mit Vorprodukten, so die Nomura-Analysten.

    Noch würden die Unterbrechungen der Lieferketten aufgrund der „Soft Lockdowns“ in Peking und vielen anderen Städten Chinas nicht voll durchschlagen, hatte Jens Hildebrandt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer (AHK) in China bereits am Donnerstag gegenüber dem Handelsblatt betont. Allerdings stellten sich die deutschen Unternehmen in China bereits auf „auf schwerwiegende Auswirkungen in der Produktion ein.

    Zahlreiche Angestellte gelangten derzeit durch die verschärften Maßnahmen nicht zu ihren Arbeitsplätzen. „Dass beinahe drei Jahre nach Ausbruch der Pandemie immer noch keine Exitstrategie zur Null-Covid-Politik in Sicht ist, stößt bei der deutschen Wirtschaft zunehmend auf Unverständnis“, kritisierte Hildebrandt. Auch der Präsident der EU-Handelskammer in Peking, Jörg Wuttke, sprach von einer „katastrophalen Situation“.

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