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26.09.2022

11:51

Konjunktur

Niedrigster Wert seit 2020: Stimmung der deutschen Wirtschaft verschlechtert sich

Die Energiekrise, hohe Inflation sowie der Ukrainekrieg belasten die Wirtschaft weiter. Unternehmen in Deutschland schauen im September pessimistischer auf die kommenden Monate.

Der ifo Geschäftsklimaindex ist im September auf 84,3 Punkte gefallen, nach 88,6 Punkten im August. dpa

Containerhafen

Der ifo Geschäftsklimaindex ist im September auf 84,3 Punkte gefallen, nach 88,6 Punkten im August.

Berlin Die Stimmung in den Chefetagen deutscher Firmen ist so schlecht wie seit den Anfängen der Corona-Krise nicht mehr. Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel im September von 88,6 auf 84,3 Punkte und damit auf den tiefsten Stand seit Mai 2020, wie das Münchner Ifo-Institut am Montag zu seiner Umfrage unter rund 9000 Führungskräften mitteilte.

Ökonomen hatten nur mit einem Rückgang auf 87,0 Punkte gerechnet. „Die deutsche Wirtschaft rutscht in eine Rezession“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. „Der Pessimismus mit Blick auf die kommenden Monate hat deutlich zugenommen.“ Die Befragten äußerten sich zu Geschäftslage und Aussichten noch skeptischer als zuletzt. Auch die Industriestaaten-Organisation OECD gibt sich pessimistisch und erwartet 2023 ein Schrumpfen der deutschen Wirtschaft.

„Wir sehen ein dickes Minus auf allen Fronten“, sagte Ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe im Reuters-Interview. „Vor allem die energieintensiven Branchen blicken äußerst pessimistisch auf den Winter.“ Die Industrie schaue mit großer Sorge auf das nächste halbe Jahr, erläuterte Ifo-Chef Fuest. „Die Erwartungen waren zuletzt im April 2020 so pessimistisch.“ Die Stimmung habe sich in nahezu allen Branchen verschlechtert.

Der gesamte Ifo-Index signalisiere mehr denn je eine Rezession im Winterhalbjahr, betonte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Der Energiepreisschock lasse die Kaufkraft der Konsumenten einbrechen und mache die Produktion vieler Unternehmen unrentabel. „Deutschland ist durch die massiv verteuerten Energieimporte ärmer geworden“, sagte Krämer. „Wir stehen vor einem wirtschaftlich schwierigen Winter.“ DZ Bank-Chefvolkswirt Michael Holstein rechnet mit einem konjunkturellen Abwärtsstrudel. „Für das Jahr 2023 erwarten wir einen Rückgang der Wirtschaftsleistung in Deutschland um knapp zwei Prozent.“

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rechnet für das kommende Jahr mit einem Schrumpfen um 0,7 Prozent - das sind 2,4 Punkte weniger als noch im Juni prognostiziert. Im laufenden Jahr traut die OECD der deutschen Wirtschaft ein Wachstum von 1,2 Prozent zu, 0,7 Punkte weniger als bisher. „Die globale Wirtschaft hat dieses Jahr ihr Momentum verloren.“ Die Weltwirtschaft dürfte dieses Jahr um 3,0 Prozent zulegen, 2023 aber nur noch um 2,2 Prozent.

Lieferengpässe und Preisdruck belasten die Firmen

Dies spürt auch die deutsche Industrie, denn ihre Lieferengpässe haben sich wieder verschärft, wie Wohlrabe zu Reuters sagte. Zwei Drittel aller Unternehmen klagten über Engpässe, das sind rund vier Prozentpunkte mehr als im August. Keine Entspannung sei bei der Inflation in Sicht. „Die Preiserwartungen sind wieder gestiegen, mehr als jedes zweite Unternehmen hat Preiserhöhungen angekündigt.“

Stimmen zum Ifo

Ralf Umlauf, Helaba

Dies mahnt zur Vorsicht, zumal Lageeinschätzungen und Erwartungen gleichermaßen gesunken sind, und deutet auf ein Schrumpfen der deutschen Wirtschaft im Herbst und Winter hin. Kurzfristig lässt sich wegen anhaltend hoher Gas- und Konsumentenpreise, der Versorgungsunsicherheit, der geopolitischen Risiken und der steigenden Zinsen nicht erkennen, dass die Stimmung der deutschen Wirtschaft schon bald auf Erholungskurs geht. An dem Plan der EZB, die Zinsen zu erhöhen wird dies kurzfristig kaum etwas ändern, denn ein konjunktureller Abschwung wird in Kauf genommen.

Fritzi Köhler-Geib, KfW

Die kalte Jahreszeit beginnt, und die Stimmung in den Unternehmen folgt den Temperaturen auf dem Weg nach unten – leider sehr nachvollziehbar. Denn schon bald wird sich zeigen, ob Deutschland tatsächlich ohne Gasmangellage über den Winter kommt; die Herausforderungen in der bevorstehenden Heizperiode sind jedenfalls enorm.

Die hohen Speicherstände von inzwischen gut 90 Prozent machen es zwar plausibel, dass Rationierungen in den gasintensiven Industrien vermieden werden können. Bei einem außergewöhnlich kalten Winter oder unzureichenden Energiesparerfolgen im Haushaltsektor stünde es gleichwohl Spitz auf Knopf. Und mit dem De-Facto-Lieferstopp russischen Gases haben die Abwärtsrisiken für die bereits auf moderatem Rezessionskurs steuernde Wirtschaft jüngst noch weiter zugenommen.

Jens-Oliver Niklasch, LBBW

Ein neuerlicher herber Rückschlag für die Konjunktur. Selbst die Lage kühlt sich jetzt rasch ab. Eine Rezession gilt ohnehin schon als ausgemacht, aber es kann durchaus noch schlimmer kommen. Die Erwartungen sind inzwischen im Panikbereich angelangt, was wir zuvor so nur auf dem Höhepunkt der Corona-Angst gesehen haben.

Es wird somit höchste Zeit für stabilisierende Maßnahmen der Politik. Unternehmen und Haushalte müssen endlich wieder Planungssicherheit in Sachen Energie - Preise und Verfügbarkeit - zurückgewinnen. Den meisten Unternehmen und Haushalten ist inzwischen klar, dass große Kosten auf sie zukommen. Dennoch sollte jetzt zumindest eine gewisse Obergrenze der Gesamtlast erkennbar werden.

Jörg Krämer, Commerzbank

Das Ifo-Geschäftsklima ist im September förmlich eingebrochen. Dieser wichtige Frühindikator deutet mehr denn je auf eine Rezession im Winterhalbjahr.

Der Energiepreisschock lässt die Kaufkraft der Konsumenten einbrechen und macht die Produktion vieler Unternehmen unrentabel. Deutschland ist durch die massiv verteuerten Energieimporte ärmer geworden. Wir stehen vor einem wirtschaftlich schwierigen Winter.

Zuletzt waren die Verbraucherpreise in Deutschland im August um 7,9 Prozent gestiegen. Die Bundesbank rechnet für September mit einem weiteren Preisschub und hält zweistellige Inflationsraten in den kommenden Monaten für möglich.

Im Dienstleistungssektor brach das Ifo-Barometer ein. Insbesondere das Gastgewerbe befürchtet demnach schwere Zeiten. Im Handel hat sich das Geschäftsklima nochmals verschlechtert. „Im Einzelhandel fielen die Erwartungen sogar auf ein historisches Tief.“ Auch am Bau sank der Index merklich.

Im Frühjahr hat die deutsche Wirtschaft trotz der Folgen des Ukraine-Krieges noch ein Mini-Wachstum von 0,1 Prozent geschafft. Derzeit sind die Perspektiven wegen der verschärften Energiekrise und der hohen Inflation aber düster. Die Bundesbank rechnet damit, dass die Wirtschaft im zu Ende gehenden Sommer-Quartal voraussichtlich etwas schrumpft, dann Ende 2022 und Anfang 2023 sogar merklich Fahrt verliert.

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