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24.11.2022

11:22

Konjunktur

„Rezession dürfte weniger tief ausfallen, als viele erwartet haben“ – Ifo-Index steigt überraschend deutlich

Von: Julian Olk

Im Oktober sahen die Unternehmen noch pessimistischer in die Zukunft. Volle Gasspeicher und die Hilfen der Regierung in der Energiekrise ändern jetzt die Stimmung.

Die Aufwärtstendenz beim Geschäftsklima zog sich durch alle Branchen – vom Verarbeitenden Gewerbe, über Dienstleistungen bis hin zum Handel und dem Bauhauptgewerbe. dpa

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Die Aufwärtstendenz beim Geschäftsklima zog sich durch alle Branchen – vom Verarbeitenden Gewerbe, über Dienstleistungen bis hin zum Handel und dem Bauhauptgewerbe.

Berlin Die Stimmung in den Chefetagen deutscher Firmen hat sich im November überraschend deutlich aufgehellt. Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg auf 86,3 Zähler von revidiert 84,5 Punkten im Vormonat, wie das Münchner Ifo-Institut am Donnerstag zu seiner Umfrage unter rund 9000 Führungskräften mitteilte.

Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten lediglich mit einem Anstieg auf 85 Punkte gerechnet. Mit den laufenden Geschäften waren die Unternehmen zwar weniger zufrieden, aber der Pessimismus mit Blick auf die kommenden Monate ließ merklich nach. Ifo-Präsident Clemens Fuest sagt: „Die Rezession dürfte weniger tief ausfallen, als viele erwartet haben.“

Die Aufwärtstendenz beim Geschäftsklima zog sich durch alle Branchen – vom verarbeitenden Gewerbe über Dienstleistungen bis zum Handel und zum Bauhauptgewerbe. Mit der Revision des Vormonatswerts zeigt sich nun auch, dass sich das Ifo-Geschäftsklima schon den zweiten Monat in Folge verbessert hat. „Die deutsche Wirtschaft sendet Hoffnungssignale aus“, erklärt Fuest.

Das bislang milde Klima, volle Gasspeicher und die sich konkretisierenden Pläne für LNG-Terminals sprechen aus Sicht des Ökonomen für eine leichte Aufhellung des Konjunkturbilds. Fritzi Köhler-Geib, Chefökonomin der staatlichen KfW-Förderbank, sagte: „Der deutliche Anstieg der Ifo-Geschäftserwartungen ist gerechtfertigt, denn die Unternehmen waren zuletzt so uferlos pessimistisch wie bisher nur vor den größten Rezessionen.“

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    Einbrüche wie in der Finanz- oder Coronakrise seien jedoch nur bei einem Gasmangel wahrscheinlich. Dass ein solcher im Winter in Deutschland eintritt, gilt inzwischen angesichts voller Speicher und beobachtbarer Einsparungen von Industrie und Haushalten als unwahrscheinlich.

    Rezession dürfte weniger tief ausfallen

    Vor wenigen Wochen galt es unter Konjunkturprognostikern noch als ausgemachte Sache, dass Deutschland im Winterhalbjahr in eine Rezession rutscht, also zwei Quartale in Folge schrumpft. Dies ließe auch die Wachstumsrate im Gesamtjahr 2023 in den negativen Bereichen rutschen. Wie weit die deutsche Wirtschaft schrumpfen könnte, da gingen die Meinungen auseinander.

    Grafik

    Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) etwa zeigte sich äußerst pessimistisch und sah für das Gesamtjahr 2023 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um drei Prozent kommen. Die jüngste Konjunkturprognose vom Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen hingegen ging schon von deutlich mehr Entspannung aus und sah nur noch ein Minus von 0,2 Prozent.

    So haben sich in der Zwischenzeit nicht nur der Ifo-Geschäftsklimaindex, sondern auch weitere Frühindikatoren überraschend gebessert. Der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft stieg im November um 1,3 auf 46,4 Punkte. Das teilte der Finanzdienstleister S&P Global am Mittwoch zu seiner monatlichen Umfrage unter rund 800 Unternehmen mit.

    Dennoch verharrte das an den Finanzmärkten viel beachtete Barometer den fünften Monat in Folge unter der Marke von 50, ab der es ein Wachstum signalisiert. Laut Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer ist der Anstieg trotzdem ein gutes Zeichen: „Wir bekommen eine Rezession, aber keinen Kollaps.“

    Das sagen Ökonomen zum unerwartet starken Anstieg des Ifo-Index

    Jörg Krämer, Chefökonom Commerzbank

    „Der deutliche Anstieg der Ifo-Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate zeigt, dass die Unternehmen eine gewisse Verbesserung der konjunkturellen Rahmenbedingungen erkennen. So ist das Risiko einer Gasrationierung in den zurückliegenden Wochen deutlich gesunken, und die Bundesregierung hat ihr Entlastungspaket massiv aufgestockt. Außerdem hat der Schmerz bei den Materialengpässen nachgelassen. Ich erwarte weiter eine Rezession, mehr denn je aber keinen wirtschaftlichen Kollaps.“

    Jens-Oliver Niklasch, LBBW

    „Wir rücken vor aus der Zone der Untergangsangst in den Bereich normaler Rezessionssorgen. Die Erwartungen waren katastrophal, jetzt sind sie nur noch düster. Dazu haben vermutlich der erfolgreiche Aufbau der Gasspeicher und die fiskalpolitischen Maßnahmen beigetragen. Außerdem scheinen die Lieferketten wieder etwas stabiler. Aber machen wir uns nichts vor: Das sind die Indikatorwerte einer Rezession. Für Erleichterung besteht daher ungeachtet des deutlichen Anstiegs wenig Anlass.“

    Andreas Seuerle, Dekabank

    „Die deutliche Korrektur der Geschäftserwartungen war überfällig und folgerichtig. Drei Gründe sprachen hierfür: Erstens wurden von der Bundesregierung deutliche Entlastungspakete geschnürt, die helfen, die Konjunktur zu stabilisieren. Zweitens rutscht das Sechs-Monats-Zeitfenster, für das die Geschäftserwartungen abgefragt werden, in den Mai und damit in eine Phase, in der witterungsbedingte Versorgungsengpässe keine Rolle mehr spielen sollten. Drittens waren die Geschäftserwartungen unter dem Eindruck des Ukraine-Kriegs und der von diesem ausgehenden Unsicherheit kollabiert und signalisierten einen Konjunktureinbruch wie in der Hochphase der Corona-Krise. Damit rechnet aktuell niemand mehr. Dass Deutschland in eine Rezession abrutscht, ist unstrittig, aber es wird nicht der befürchtete Absturz werden.“

    Thomas Gitzel, VP Bank Chefvolkswirt

    „Hurra, der Weltuntergang bleibt aus! Gasmangellage, Blackout, fehlende Materialien und Finanzmarktkrise waren die Schlagworte der vergangenen Wochen. Doch zum allgemeinen Erstaunen verzeichnete die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal ein besser als erwartetes Wachstum. Die aktuelle Lage ist also weit weniger schlimm als die allgemeine Stimmung. Dies reflektiert auch der Ifo-Geschäftsklimaindex. Es klafft ein großes Loch zwischen der Einschätzung der Unternehmen zur aktuellen Lage und den weiteren Geschäftsaussichten.“

    Im dritten Quartal hatte sich die Wirtschaft noch erstaunlich robust gezeigt. Hatten die meisten Ökonomen für den Zeitraum Juli bis September schon mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung gerechnet, stieg das Bruttoinlandsprodukt in dieser Zeit überraschend um 0,3 Prozent.

    Dass es dennoch im Winter zu einer Rezession kommen dürfte, begründen Experten vor allem damit, dass der private Konsum einbrechen dürfte. Die hohen Energiepreise schränken gerade bei einkommensschwachen Haushalten die Konsummöglichkeiten ein.

    Definition: Was ist eine Rezession?

    Rezession im eigentlichen Sinn

    Im üblichen Konjunkturschema ist die Rezession der Abschwung nach einem wirtschaftlichen Boom. Das Schema zeigt jetzt aber eigentlich einen Aufschwung an, nachdem die meisten Folgen der Coronapandemie vorüber sein sollten. IfW-Vizepräsident Stefan Kooths hält Rezession daher aktuell nicht für den passenden Begriff: „Es bestehen weiterhin wichtige Auftriebskräfte, die für einen fortgesetzten Aufschwung sprechen.“

    Technische Rezession: Wirtschaftswachstum

    Eine populäre technische Definition der Rezession ist hingegen, dass eine Volkswirtschaft zwei aufeinanderfolgende Quartale mit schrumpfender Wirtschaftsleistung vorweist. Daran ist Deutschland aktuell noch knapp vorbeigeschlittert. Im vierten Quartal 2021 hatten die Auswirkungen der Pandemie für ein Minus von 0,3 Prozent gesorgt, im ersten Vierteljahr 2023 stand dann ein leichtes Plus von 0,2 Prozent.

    Technische Rezession: Wirtschaftsauslastung

    Die führenden Institute definieren eine Rezession etwas komplizierter: Sie stellen die Frage, wie hoch die Wirtschaftsleistung in Deutschland im Optimalfall wäre, wenn also alle Arbeiter und Maschinen genau wie vorgesehen genutzt würden. Das ist das sogenannte Produktionspotenzial. Ist die Wirtschaft wie aktuell in der Krise, produziert sie weniger, als sie laut Potenzial eigentlich könnte. Steigt diese Unterauslastung zwei Quartale in Folge an, sprechen die Institute von einer technischen Rezession.

    Eine solche hat schon ein Dreivierteljahr lang vorgelegen, vom dritten Quartal 2021 bis zum ersten Quartal 2022. Laut den Institutsprognosen nimmt die Unterauslastung seitdem aber wieder ab, ab 2023 soll sich Deutschland dann sogar in einer Überauslastung wiederfinden.

    Bislang ist davon aber noch nicht viel zu sehen. Das aktuelle Konsumbarometer des Handelsverbands HDE signalisiert, dass die Verbraucher bereit sind, ungewöhnlich viele Ersparnisse aufzulösen, um ihr gewohntes Konsumniveau aufrechtzuerhalten.

    Würde darüber hinaus die Sparquote, die im langjährigen Mittel bei gut zehn Prozent liegt, um zwei Punkte sinken, stünden zusätzliche 40 Milliarden Euro für Konsumzwecke zur Verfügung. Hinzu kommen die Gas- und Strompreisbremse, deren Entlastungsvolumen jeweils etwa 33 Milliarden Euro betragen soll.

    Mit Agenturmaterial

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