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31.01.2022

16:00

Konjunktur

Wirtschafswachstum in Europa: Süden legt zu, Deutschland und Österreich weit abgeschlagen

Von: Julian Olk

Die Euro-Zone leidet unter der Pandemie, das Wirtschaftswachstum ist im vierten Quartal zurückgegangen. Doch unter den Ländern zeigen sich erhebliche Unterschiede.

Das BIP der Bundesrepublik ging im vierten Quartal um 0,7 Prozent zurück. dpa

Containerhafen Duisburg

Das BIP der Bundesrepublik ging im vierten Quartal um 0,7 Prozent zurück.

Berlin Das Wirtschaftswachstum der Euro-Zone hat sich Ende 2021 abgeschwächt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist von Oktober bis Dezember im Vergleich zum Vorquartal um 0,3 Prozent gestiegen, wie das Statistikamt Eurostat am Montag auf Basis vorläufiger Zahlen mitteilte. Im Sommer war das BIP noch um 2,3 Prozent gewachsen.

Im Gesamtjahr 2021 legte die Wirtschaftsleistung im Euro-Raum laut der vorläufigen Schätzung um 5,2 Prozent zu. Ende des vergangenen Jahres hatte sich die Konjunkturlage eingetrübt. Lieferprobleme, steigende Preise und das Aufkommen der neuen Coronavirus-Mutante Omikron setzten der Wirtschaft zu.

Doch die Spannweite der unterschiedlichen Entwicklungen des Wirtschaftswachstums im vierten Quartal ist groß. Während manche Länder deutlich gewachsen sind, stagnierten viele andere. Und die Wirtschaft einiger Staaten schrumpfte sogar – allen voran die von Deutschland und Österreich.

Die neuerliche Coronawelle hat die Bundesrepublik hart getroffen. Das BIP ging im vierten Quartal um 0,7 Prozent zurück. Simon Junker, Konjunkturexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), beobachtet: „Die derzeit enorm hohen Corona-Infektionszahlen bremsen die deutsche Wirtschaft aus.“

Die hohen Infektionszahlen wirken sich deutlich auf die kontaktintensiven Dienstleister aus. So sanken etwa die Umsätze im Gastgewerbe bereits im November knapp zweistellig. Unternehmensumfragen, Daten zu Restaurantreservierungen sowie Mobilitätsdaten deuten auf weitere Rückgänge hin.

Deutschland: Geringe Impfbereitschaft als Problem

Experten führen die Probleme auch auf die vergleichsweise geringere Impfbereitschaft in der Bevölkerung zurück. Während 74 Prozent der Deutschen vollständig immunisiert sind, kommen Länder wie Dänemark auf 80 oder Portugal auf 90 Prozent. Zwar befindet sich die deutsche Sieben-Tage-Inzidenz mit einem Wert von rund 1300 etwa im Durchschnitt in Europa.



Doch die verschärften Zugangsvoraussetzungen im Einzelhandel oder bei Dienstleistern wirken sich durch die geringere Impfquote überproportional auf die Umsätze der Unternehmen aus. Das liegt nicht nur daran, dass Ungeimpfte teils ausgeschlossen sind, sondern auch daran, dass generell die Sorge vor Ansteckung zu- und die Mobilität damit abnimmt.

Hinzu kommt, dass Deutschland besonders auf den Außenhandel angewiesen ist und daher unter den globalen Lieferengpässen leidet. Das Schrumpfen der deutschen Wirtschaft führt der Chef des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo), Gabriel Felbermayr, auch darauf zurück.

In Deutschland habe die Industriekonjunktur im Gegensatz zu anderen Ländern zuletzt besonders gelitten, sagt der frühere Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW).

Österreich: Neuerlicher Lockdown hat Wirtschaft hart getroffen

Noch deutlich schlechter als in Deutschland lief es in Österreich. Der vierte Lockdown dort hat Wirtschaftsforschern zufolge die Konjunktur Ende 2021 gelähmt und neuerlich Milliarden Euro an Wertschöpfung verschlungen. Im vierten Quartal ging das österreichische BIP um 2,2 Prozent zurück. Das ist die mit Abstand schlechteste konjunkturelle Entwicklung bislang unter den Euro-Ländern.

Grafik

Wifo-Chef Felbermayr sagt: „Der Lockdown hat uns ungefähr drei Milliarden Euro gekostet, das sind in etwa 350 Euro pro Österreicher.“

Insgesamt habe sich die Coronapandemie in Österreich bisher mit rund 43 Milliarden Euro niedergeschlagen. Darin seien jedoch auch Garantien enthalten, die möglicherweise nicht vollständig wirksam würden.

Ohne die Einschränkungen wäre das BIP den Wifo-Berechnungen zufolge aber um 0,7 Prozent gewachsen. Allerdings hatten viele mit noch ärgeren Auswirkungen gerechnet.

„Die Folgen des Lockdowns waren hart, sind aber schwächer als bei den vorhergehenden ausgefallen“, sagt Helmut Hofer, Konjunkturforscher am Wiener Institut für Höhere Studien. Der wieder aufgekommene Tourismus und staatliche Unterstützungsmaßnahmen hätten die Konjunktur abgefedert.

Insgesamt sei das vierte Quartal besser gelaufen als zuletzt erwartet, da vor allem der Tourismus über Weihnachten zugelegt habe.

Neben Deutschland und Österreich schrumpfte die Wirtschaftsleistung bloß noch in Lettland, allerdings mit minus 0,1 Prozent nur gering. Von einigen Ländern fehlen noch die Zahlen.

Commerzbank-Ökonom Christoph Weil rechnet bei denen noch mit konjunkturellen Rückschlägen, etwa in den Niederlanden. Dort hatte es ähnlich wie in Österreich erneut harte Einschränkungen gegeben.

Südeuropa: Impfungen, Durchseuchung und Wetter stützen die Wirtschaft

Besonders der Süden Europas kommt hingegen glimpflich durch die verschärfte Pandemielage. Das gilt allen voran für Spanien, das mit einem Plus von zwei Prozent das stärkste Wachstum im vierten Quartal hingelegt hat, gefolgt von Portugal mit 1,6 Prozent.

Commerzbank-Ökonom Weil sagt: „Im Süden und Westen des Euro-Raums blieb das Infektionsgeschehen bis zum Jahresende weitgehend unter Kontrolle, sodass es hier zu keiner merklichen Verschärfung der Coronaregeln kam.“

Die Wirtschaft Spaniens ist im Schlussquartal am stärksten gewachsen. dpa

Restaurant auf Mallorca

Die Wirtschaft Spaniens ist im Schlussquartal am stärksten gewachsen.

In Spanien wird die bessere konjunkturelle Lage vor allem auf das Pandemiemanagement zurückgeführt. Spanien gehörte in der Pandemie lange zu den Ländern mit den meisten Infektionsfällen. Doch das hat sich vor allem dank der hohen Impfrate geändert: Fast 90 Prozent der über Zwölfjährigen sind geimpft, mehr als 80 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Die Medizinzeitschrift „The Lancet“ publizierte kürzlich einen Artikel, der die Frage aufwarf, ob Spanien bereits eine Herdenimmunität erreicht habe. Für die niedrigen Fallzahlen ist neben der hohen Impfquote nach Ansicht von Experten auch die hohe Durchseuchung der Spanier nach einer besonders verheerenden ersten Welle und vier weiteren Wellen die Erklärung.

Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main, erklärte im NDR, vermutlich sei das wärmere Wetter der Grund, dass es eine so außerordentlich niedrige Inzidenz gebe. Auch im in der Vergangenheit so gebeutelten Italien legte die Wertschöpfung im vierten Quartal immerhin um 0,6 Prozent zu.

mit Agenturmaterial

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