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17.03.2021

14:19

Konjunktur

Wirtschaftsweise senken Prognose – doch ab Sommer ist kräftige Erholung möglich

Von: Donata Riedel

Trotz des monatelangen Lockdowns zeigt sich die Konjunktur in Deutschland laut Sachverständigenrat robust. Dennoch ist die Sorge vor einer dritten Welle groß.

Sobald alle Geschäfte wieder geöffnet sind, rechnet der Sachverständigenrat mit einer starken Nachfrage der Konsumenten. dpa

Innenstadt von Siegburg

Sobald alle Geschäfte wieder geöffnet sind, rechnet der Sachverständigenrat mit einer starken Nachfrage der Konsumenten.

Berlin Die Wirtschaftsweisen haben ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr von 3,7 auf 3,1 Prozent gesenkt. Im ersten Quartal 2021 werde die Wirtschaftsleistung Lockdown-bedingt einmal mehr schrumpfen: um zwei Prozent im Vergleich zum vierten Quartal 2020, erwarten die Weisen. Damit sind sie etwas pessimistischer als etwa das Statistische Bundesamt, das im laufenden Quartal ein leichtes Minus, Stagnation oder gar ein leichtes Plus für möglich hält.

Der Sachverständigenrat erwartet jedoch spätestens ab dem zweiten Halbjahr eine kräftige Erholung, die sich im Jahr 2022 auf vier Prozent beschleunigen soll. Ein ähnlich hohes Wachstum, und zwar in Höhe von 3,0 Prozent, erwarteten zuletzt auch die Bundesregierung und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

„Mit dem allmählichen Voranschreiten der Impfung der Bevölkerung in den meisten fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist zu erwarten, dass die Pandemie so weit eingedämmt werden kann, dass insbesondere keine Überlastung der Gesundheitssysteme mehr droht“, heißt es in dem Konjunkturbericht, den der Sachverständigenrat Wirtschaft an diesem Mittwoch veröffentlicht hat.

„Im Zuge der dann weiter sinkenden Infektionszahlen und möglichen Lockerungen dürfte insbesondere der private Konsum wieder kräftig anziehen“, erwarten die Wirtschaftsweisen. In der Folge dürften dann auch die zuletzt stark eingebrochenen privaten Investitionen wieder anziehen.

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    Trotz des derzeit stockenden Impfprogramms halten die Ökonomieprofessoren Veronika Grimm, Monika Schnitzer, Achim Truger und Volker Wieland es für möglich, dass in Deutschland bis Ende Juli 70 Prozent der Bevölkerung geimpft werden können. Voraussetzung: Das Vakzin von Astra-Zeneca wird nach dem vorsorglichen Aussetzen wieder eingesetzt, das Impftempo in den Impfzentren wird beschleunigt, und Haus- und Betriebsärzte werden künftig einbezogen.

    Denn eines steht für die Wirtschaftsweisen fest: Erst wenn die Pandemie tatsächlich durch Impfungen eingedämmt ist, können sich die Geschäfte der aktuell geschlossenen Gaststätten, der Hotels, Innenstadtläden, Veranstalter und anderer personennaher Dienstleister nachhaltig erholen.

    „Ein schneller Impffortschritt und der konsequente Einsatz von Schnelltests sind in dieser Phase der Pandemie zwei entscheidende Hebel, damit es auch für die gesamte Wirtschaft bergauf gehen kann“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Die Konjunktur sei weiterhin gespalten: Während die Industrie vergleichsweise gut durch die Krise komme, litten Dienstleistungen und Handel unter den Corona-Beschränkungen.

    Das größte Risiko für die Wirtschaft ist dem Sachverständigenrat zufolge eine dritte Infektionswelle - „und zwar dann, wenn sie zu Einschränkungen oder gar Betriebsschließungen in der Industrie führen würde“, sagte Wieland.   

    Die Lockerungen von Anfang März sieht der Rat kritisch – weil sie seiner Ansicht nach nicht gut vorbereitet waren. „Lockerungen muss man sehr gut vorbereiten und vor allem eine umsetzbare Teststrategie haben, um Ansteckungen zu verhindern“, sagte die Wirtschaftsweise Grimm. Auch dass die Gesundheitsämter die Kontaktnachverfolgung nicht digitalisiert haben, sondern möglichen Infizierten hinterher telefonieren müssten, koste wertvolle Zeit. 

    Die Industrie profitiert stark vom anziehenden Welthandel

    Die erste gute Nachricht der Wirtschaftsweisen ist, dass die Nachfrage der Konsumenten nach dem Ende von Einschränkungen kräftig ausfallen wird. Ihre zweite gute Nachricht ist, dass die meisten Wirtschaftsbereiche den zweiten Lockdown bisher weitaus besser verkraften als den ersten: „Deutsche Wirtschaft trotz längerem Shutdown robust“, betiteln die Weisen denn auch ihr Gutachten.

    Bis Ende dieses Jahres werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wieder die Höhe des Vorkrisenniveaus des vierten Quartals 2019 erreicht haben. Am Jahresende 2020 fehlten ihm dazu noch 3,9 Prozent.

    Grafik

    Wie das erste Quartal 2021 ausfällt, hängt vor allem davon ab, wie stark die Industriekonjunktur anzieht. Dass gerade für die Exporteure die Geschäfte wieder gut laufen, stellt auch der Sachverständigenrat fest. Der Welthandel erholt sich kräftig, er erreichte bereits Ende 2020 wieder sein Vorkrisenniveau. Weil die Erholung kräftiger ist als erwartet, haben sich die Frachtkosten vervierfacht.  

    Chemie und Maschinenbau wachsen stark, die Autoindustrie verzeichnete zum Jahreswechsel eine Delle – aber vor allem deshalb, weil es Lieferengpässe bei Halbleitervorprodukten gab. Bereits seit Februar läuft es für die Branche wieder besser.

    Die Industrie wird voraussichtlich – außer vom deutschen und von europäischen Konjunkturprogrammen – auch vom 1,9 Billionen Dollar schweren US-Konjunkturpaket profitieren: In der gesamten Euro-Zone dürfen die Volkswirtschaften laut Sachverständigenrat für 2021 mit einem Zusatzplus von 0,4 bis 0,7 Prozent rechnen. Ähnliche Größenordnungen erwartet auch die OECD.

    Die Konjunkturpakete – in Verbindung mit niedrigen Zinsen – stützen die Wirtschaft weltweit. Unterschätzt werde in vielen Ländervergleichen allerdings die Wirkung „automatischer Stabilisatoren“ der europäischen Sozialstaaten, die meist nicht vollständig zu den Hilfspaketen hinzugezählt würden: Arbeitslosengeld etwa und die für den Erhalt der Unternehmensstrukturen äußerst segensreiche Kurzarbeit, so die Weisen. Nach ihren Berechnungen sind in Europa die echten Ausgaben für Wirtschaftshilfen bisher in Deutschland und Griechenland von über zehn Prozent des BIP am höchsten.

    Die Hilfspakete in den USA, Großbritannien und Japan erreichen demnach allerdings mehr als 15 Prozent. Bürgschafts- und Kreditprogramme kommen in allen Industrieländern dazu. Ihr Umfang ist in der EU größer als in den USA, Kanada und Australien, die in der Krise fast ausschließlich auf Zuschüsse und Steuererleichterungen setzen.

    Die Inflation zieht an    

    In diesem Jahr der Erholung erwarten die Wirtschaftsweisen eine Inflationsrate von 2,1 Prozent, im nächsten 1,9 Prozent. Wie das Statistische Bundesamt am Dienstag vorrechnete, tragen vor allem Sondereffekte dazu bei: Die Mehrwertsteuer ist wieder höher als im zweiten Halbjahr 2020 – und erhöht die Inflation um etwa einen Prozentpunkt im Jahresdurchschnitt. Einen weiteren Prozentpunkt tragen die CO2-Abgabe und der höhere Ölpreis zur Inflationsrate bei.

    Zudem wirkt ab Juli ein „Basiseffekt“: Das ganze zweite Halbjahr 2020 gab es in Deutschland negative Inflationsraten.

    Dass eine neuerliche Rezession trotz langem Lockdown unwahrscheinlich ist, signalisierte am Mittwoch auch das Rezessionsbarometer des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). In der Drei-Monats-Prognose für März bis Ende Mai zeigt der Indikator, der die aktuellsten verfügbaren Daten über die Wirtschaftslage bündelt, eine mittlere Rezessionswahrscheinlichkeit von 13,3 Prozent an – nach 24,2 Prozent im Februar.

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