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18.03.2021

11:00

Konjunkturprognosen

Ökonomen fürchten einen Stop-and-go-Aufschwung bis zum Sommer

Von: Donata Riedel

DIW, RWI und IfW erwarten ein Hin und Her von Lockdowns und Lockerungen – bis die Impfungen helfen. Auf das Jahr gesehen ist das Kieler Institut am optimistischsten.

Wichtig für eine Erholung der Konjunktur sei, dass die Exportgeschäfte sich erholen. dpa

Hafenkräne in Hamburg

Wichtig für eine Erholung der Konjunktur sei, dass die Exportgeschäfte sich erholen.

Berlin Lockdown-Lockerungen trotz steigender Corona-Infektionszahlen – bei gleichzeitig schleppendem Impftempo: Dieser Beschluss von Kanzlerin und Ministerpräsidenten war Anfang März gerade aus ökonomischer Sicht ein Fehler. Denn: Er hat die deutsche Wirtschaft auf einen Stop-and go-Kurs aus Lockdowns und Lockerungen geschickt, sagen die Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Für die Binnenwirtschaft ist das Gift, weil eine dauerhafte Erholung in den vom Jo-Jo-Lockdown betroffenen Bereichen Gastronomie, Hotels, Veranstaltungen, Kultur und körpernahe Dienstleistungen demnach erst im Sommer einsetzen kann, wenn – hoffentlich – 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sein werden. „Eine rasche wirtschaftliche Erholung ist nur bei einer erfolgreichen Eindämmung der Corona-Pandemie möglich“, sagte der Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) Torsten Schmidt.

Am Donnerstag haben das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das Institut für Weltwirtschaft (IfW) und das RWI-Essen ihre Frühjahrsprognosen veröffentlicht. Das DIW in Berlin erwartet für 2021 ein Wirtschaftswachstum von 3,0 Prozent und für 2022 dann 3,8 Prozent. Optimistischer ist das IfW-Kiel: Es rechnet mit einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 3,7 Prozent in diesem und 4,8 Prozent im nächsten Jahr; das RWI entsprechend 3,6 und 3,0 Prozent Wachstum.

Die Unterschiede resultieren aus der jeweiligen Einschätzung, wie stark die Industrie die Gesamtkonjunktur hierzulande nach oben ziehen kann: Da sind die Kieler besonders optimistisch. „Maßgeblich ist, dass sich das Exportgeschäft erholt“, schreibt das Team um IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths in seiner Prognose.

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    Die Industrie ist bereits seit dem vergangenen Sommer auf Wachstumskurs – und die zweite Corona-Welle hat ihr bisher kaum geschadet. Darin sind sich die Institute einig. China und inzwischen auch die USA sind wesentliche Treiber der Weltkonjunktur. Die weltweite Produktion lag laut IfW bereits im vierten Quartal 2020 wieder auf Vorkrisenniveau. In diesem Jahr soll sie um 6,7 Prozent und 2022 um 4,7 Prozent wachsen.  

    Konjunkturlokomotiven China und USA

    In China war es die erfolgreiche Eindämmung der Infektionen, in den USA ist es das gigantische Konjunkturpaket von 1,9 Billionen Euro, verbunden mit einer erfolgreichen Impfkampagne, die der Wirtschaft Schwung verleihen.

    Grafik

    In den USA erwartet die Notenbank Fed dieses Jahr ein Wachstum von 6,5 Prozent – das ist eine Rate, die man sonst nur aus Schwellenländern wie China kennt. Davon profitiert auch die deutsche Industrie, weil die Nachfrage nach ihren Produkten in beiden Ländern groß ist.

    Die neuen Erfolge der Exportwirtschaft zeigen, dass zumindest eines richtig war an der Corona-Strategie: die Industrie von Lockdowns zu verschonen. Diesen Weg sind auch die übrigen EU-Regierungen gegangen: Die Lieferketten und der grenzüberschreitende Handel wurden im zweiten Lockdown nicht unterbrochen.

    Die Schäden der Pandemie bleiben daher insgesamt wohl geringer als nach der Finanzkrisen-Rezession 2009. Das betonte auch der Sachverständigenrat-Wirtschaft in seinem Konjunktur-Update am Mittwoch. Die Wirtschaftsweisen erwarten ein Wachstum von 3,1 Prozent in diesem und vier Prozent im nächsten Jahr.

    Konsumnahe Branchen leiden

    Die Last der Pandemie tragen somit allein die konsumnahen Branchen. In ihnen wächst die Arbeitslosigkeit trotz Kurzarbeit, und inzwischen fürchten viele Betriebe um ihre Existenz, wie das Ifo-Institut in einer ebenfalls am Donnerstag veröffentlichten Umfrage herausfand.

    „Besonders gefährdet unter den großen Wirtschaftszweigen fühlte sich im Februar der Einzelhandel mit 34,5 Prozent der Firmen, vor den Dienstleistern mit 26,3 Prozent“, sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe.

    Der Zwang zur Insolvenzanmeldung war 2020 krisenbedingt gelockert worden. Alle Konjunkturforscher erwarten, dass dies viele Insolvenzen in dieses Jahr aufgeschoben hat. „Die Liquiditätspuffer sind bei vielen Unternehmen aufgebraucht“, sagte RWI-Experte Schmidt. Das DIW erwartet eine Zunahme der Insolvenzen um 20 bis 30 Prozent. Vor allem in der Modebranche seien nicht länger nur kleine, sondern auch mittelgroße Händler betroffen.

    Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer geht allerdings nicht davon aus, dass es eine gesamtwirtschaftliche Pleitewelle geben wird: Sie erwartet, dass die Insolvenzen eher nicht größere Geschäfte treffen würden und die Wirtschaftsstrukturen intakt bleiben.  

    DIW-Präsident Marcel Fratzscher weist zudem darauf hin, dass die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz von Anfang März neue Unsicherheit in Wirtschaft und Gesellschaft getragen hätten: „Die Politik hat Vertrauen verspielt und Glaubwürdigkeit verloren, weil sie zu zögerlich handelt und zuletzt deutlich von ihrem Kurs abgewichen ist“, sagte er.  

    Deutschland hinkt bei Modernisierung hinterher

    Die DIW-Experten würden es für einen großen Fehler halten, wenn sich Deutschland jetzt allzu sehr auf seine Exportstärke verlassen würde. „Wichtige Modernisierungsvorhaben bei der Digitalisierung, Verkehrsinfrastruktur, Bildung und beim Klimaschutz werden andernorts schneller vorangebracht als hierzulande“, sagte Fratzscher. Die Konjunkturpakete der USA und Japans etwa seien viel stärker investiv ausgerichtet. Deutschland drohe daher, abgehängt zu werden.

    Umso wichtiger wäre es jetzt, die geplanten Zukunftsinvestitionen zügig umzusetzen. Während die Wirtschaftsweisen davon ausgehen, dass die vorhandenen Mittel aus den deutschen Hilfspaketen und dem Europäischen Aufbaufonds ausreichen, sieht Fratzscher auch darüber hinaus Spielräume des Bundes, auch wenn die Schuldenstandsquote 2021 voraussichtlich auf 71 Prozent des BIP steigen wird. Denn noch immer sind die Zinsen für deutsche Staatsanleihen negativ, der Fiskus verdient also an der Schuldenaufnahme.

    Fratzscher betonte, dass jeder zusätzliche Euro an öffentlichen Investitionen 1,60 Euro zusätzliches Bruttoinlandsprodukt schafft. Ein höheres BIP-Wachstum würde mittelfristig durch höhere Steuereinnahmen auch dazu beitragen, die Schulden wieder zu reduzieren, so das DIW.

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