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16.11.2021

16:00

Neue Studie

Wirtschaftliche Erholung vergrößert Schere zwischen Arm und Reich

Von: Julian Olk

Im Aufschwung steigt die Ungleichheit, in der Krise sinkt sie – die Pandemie bestätigt dies umso mehr. Das zeigt eine neue Studie – und befeuert damit die Debatte um die Coronahilfen.

Befindet sich die Wirtschaft in der Krise, sinkt die Ungleichheit. Im Aufschwung jedoch steigt dafür die ungleiche Verteilung der Einkommen. imago/Westend61, Gerhard Westrich/laif

Blick vom Belziger Ring auf Marzahn und die Ahrensfelder Berge (l.).

Befindet sich die Wirtschaft in der Krise, sinkt die Ungleichheit. Im Aufschwung jedoch steigt dafür die ungleiche Verteilung der Einkommen.

Berlin Die deutsche Wirtschaft kommt langsam wieder in Gang. Was grundsätzlich eine gute Nachricht ist, bedeutet für die Ungleichheit der Einkommen in Deutschland jedoch das Gegenteil.

Das zeigt eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Forscherinnen und Forscher haben erstmals für Deutschland untersucht, welche Zusammenhänge es zwischen konjunktureller Lage und der Verteilung der Einkommen gibt.

Das Ergebnis für die vergangenen 40 Jahre: Befindet sich die Wirtschaft in der Krise, sinkt die Ungleichheit. Im Aufschwung jedoch steigt dafür die ungleiche Verteilung der Einkommen.

Sowohl der Vergleich der ärmsten mit den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung als auch die Analyse des Gini-Koeffizienten bestätigt den Befund. Der Gini-Koeffizient ist das bekannteste Maß für die Ungleichheit und setzt die Einkommen der gesamten Bevölkerung ins Verhältnis.

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    Je ungleicher die Einkommensverteilung, desto höher der Koeffizient. In Wirtschaftskrisen sinkt der Gini-Koeffizient laut Studie um 0,4 Prozentpunkte pro Jahr, in Erholungsphasen steigt er um 0,15 Prozentpunkte jährlich.

    Arme Menschen sollen im Aufschwung besonders beachtet werden

    Während der Coronapandemie hat sich das besonders stark gezeigt. Im Krisenjahr 2020 ist der Gini-Koeffizient gar um einen Prozentpunkt gefallen. „Das bedeutet aber eben, dass nun im Aufschwung die Ungleichheit umso stärker steigen dürfte“, warnt Geraldine Dany-Knedlik, die die DIW-Studie gemeinsam mit Alexander Kriwoluzky angefertigt hat.

    Die Ergebnisse der Studie dürften die aktuelle Diskussion um die Verlängerung der Coronahilfen befeuern. Die Zuschüsse für Unternehmen, der vereinfachte Zugang zum Kurzarbeitergeld und andere Maßnahmen laufen zum Jahresende aus. Doch die aktuell steigenden Infektionszahlen lassen nun Forderungen nach einer Verlängerung der Hilfen laut werden.

    Grafik

    Das Bundesarbeitsministerium hat bereits die Ausweitung des Kurzarbeitergelds um weitere drei Monate vorgeschlagen. Wirtschaftsminister Peter Altmaier ist sich mit seinen Länderkollegen einig, die Überbrückungshilfe für Unternehmen zu verlängern. Doch es gibt Widerstand, viele Politiker und Ökonomen wollen am geplanten Ende der Hilfsmaßnahmen festhalten.

    Einzelne Branchen, etwa körpernahe Dienstleistungsbetriebe, könnten erneut stark von der wieder aufkommenden Pandemie getroffen werden. Generell aber gilt ein Abbruch des wirtschaftlichen Aufschwungs als unwahrscheinlich – mit entsprechenden Folgen für die Ungleichheit.

    Denn vom Aufschwung profitieren vor allem die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung. Diese haben einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Einkommen durch Vermögen, etwa vermietete Wohnungen oder Aktienrenditen, die besonders schwankungsanfällig sind und deren Renditen gerade wieder besonders stark steigen.

    DIW-Forscherin Geraldine Dany-Knedlik findet deshalb: „Wenn Forderungen nach dem Ende von Krisenprogrammen aufkommen, müssen die Armen gesonderte Beachtung finden.“ Das sieht auch der Wirtschaftsweise Achim Truger so: „Das Kurzarbeitergeld, aber auch der Kinderbonus haben sich als Instrumente der Abfederung bewährt.“ Vieles spreche daher dafür, die Coronahilfen zu verlängern.

    Staatliche Unterstützung hilft den Einkommensschwachen

    Die DIW-Studie zeigt, dass staatliche Unterstützungsmaßnahmen gegen die Ungleichheit funktionieren. Die Forscherinnen und Forscher hatten für die Untersuchung Umfragen sowie Steuerdaten von mehreren Zehntausend Personen ausgewertet und sie mit der Entwicklung der deutschen Wirtschaft seit 1980 ins Verhältnis gesetzt.

    Schon bei den Bruttoeinkommen ist der Trend zu erkennen, dass die Ungleichheit in der Krise sinkt und im Aufschwung wächst. Doch die Effekte bei den Nettoeinkommen, also inklusive staatlicher Transfers, sind noch stärker. „Das liegt daran, dass staatliche Umverteilungsmaßnahmen durch die Sozialversicherungen oder finanzielle Hilfspakete in Krisen wirken“, sagt Dany-Knedlik.

    Hinzu komme, dass einkommensschwache Personen staatliche Hilfen selten sparten, sondern sie eher ausgäben: „Eine weitere Unterstützung dieser Personen würde also dafür sorgen, dass der Aufschwung noch gestützt würde.“

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