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24.02.2022

18:07

Ukraine-Krieg

Sechs Prozent Inflation, 70 Milliarden Euro Schaden: Gaspreise und Sanktionen bedrohen die deutsche Konjunktur

Von: Julian Olk

Der Angriff Russlands lässt die Gaspreise steigen. Das könnte die Inflation anheizen – und für Schaden in der gesamten Wirtschaft sorgen. Auch die Sanktionen bringen Probleme.

Deutschlands Handelsbeziehungen mit Russland sind nicht besonders ausgeprägt, dennoch könnte enormer Schaden durch die Eskalation entstehen. getty.images

Hamburger Hafen

Deutschlands Handelsbeziehungen mit Russland sind nicht besonders ausgeprägt, dennoch könnte enormer Schaden durch die Eskalation entstehen.

Berlin Die Invasion Russlands in der Ukraine könnte deutliche Folgen für die Konjunktur in Deutschland haben. „Der Konflikt bringt schwindendes Vertrauen von Investoren, möglicherweise Handelssanktionen oder Produktionsausfälle mit sich“, sagt Galina Kolev vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Die wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Länder sind zwar nicht allzu ausgeprägt. Fast die Hälfte der ursprünglich 6300 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung hat sich seit 2011 schon vom russischen Markt zurückgezogen.

Deutschland hat 2021 Waren und Dienstleistungen im Wert von 26 Milliarden Euro nach Russland exportiert. Das sind lediglich 1,9 Prozent der gesamten Ausfuhren. Die Einfuhren lagen bei 33 Milliarden Euro, was einem Anteil von 2,7 Prozent der Gesamtimporte entspricht.

Doch insbesondere die Abhängigkeiten im Energiesektor stellen eine Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. Auch die von der EU verhängten und noch geplanten Sanktionen dürften die konjunkturellen Aussichten dämpfen.

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    Steigende Gaspreise: Die größte Gefahr

    Die Steigerungen der ohnehin schon hohen Gaspreise drohen die Inflation weiter anzuheizen. Die Inflationsrate könnte nach einer Simulationsrechnung des IW auf bis zu 6,1 Prozent in diesem und fünf Prozent im kommenden Jahr klettern.

    Kurzfristig sprangen die Gaspreise am Donnerstag um bis zu 30 Prozent nach oben. Der IW-Berechnung liegt ein dauerhafter Anstieg der Gaspreise um 50 Prozent zugrunde. Für einen solch hohen Gaspreisanstieg müsste es zu umfassenden Liefereinschränkungen kommen.

    Das ist derzeit noch nicht abzusehen. Der russische Gaskonzern Gazprom hält nach eigenen Angaben seine Gasexporte durch die Ukraine nach Europa aufrecht. Hinweise auf eine Drosselung russischer Gaslieferungen habe die Bundesregierung bislang nicht, erklärte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Donnerstagnachmittag.

    Doch auch ohne gravierende Einschränkungen auf die Gaslieferungen werden die Preise anziehen. „Wir dürften für 2022 mindestens eine Vier vor dem Komma sehen“, sagte die Wirtschaftsweise Veronika Grimm dem Handelsblatt.

    Die Bundesregierung war im Januar noch von einer Inflationsrate von 3,3 Prozent ausgegangen. „Die Bundesregierung kann die Energiepreissteigerungen nicht aus der Welt schaffen, sie kann sie nur umverteilen“, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest.

    Sollte der Gaspreis in diesem Jahr auf dem hohen Niveau des vierten Quartals 2021 bleiben, ergeben die IW-Berechnungen eine Teuerung von 4,3 Prozent in diesem und 4,5 Prozent im nächsten Jahr. „Es ist damit zu rechnen, dass die Preise für Öl und Gas weiter ansteigen werden“, sagte Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) dem Handelsblatt.

    Deutschland bezieht 55 Prozent seines Erdgases aus Russland. Wirtschaftsminister Habeck betonte, dass es für den laufenden Winter genügend Gas gebe. Für den nächsten Winter habe man weitere Maßnahmen auf den Weg gebracht, um eine Gasreserve aufzubauen.

    Grafik

    Dennoch ist nicht klar, ob es dann tatsächlich keinen Engpass an Gas geben wird. Alternativen wie Flüssiggas stehen kurzfristig nicht bereit. Der Wirtschaftsweise Volker Wieland kritisiert: „Es ist mir unverständlich, dass nicht schon viel früher dafür gesorgt wurde, dass die Erdgasspeicher in Deutschland gefüllt sind und Terminals für die Anlieferung von Flüssiggas in Deutschland gebaut wurden.“

    Die Gaspreise dürften auch Einfluss auf die konjunkturelle Entwicklung insgesamt haben. Das IW geht 2022 durch die Preissteigerungen von einem 0,2 Prozent geringeren BIP aus, 2023 von 0,7 Prozent weniger.

    „Die Preissteigerungen werden im Großhandel erst nach und nach an die Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben. Viele haben Verträge mit längeren Laufzeiten“, erklärt Ökonomin Grimm den zeitlichen Verzug. Zudem sind nachträgliche Effekte zu erwarten, etwa auf die Düngemittelpreise und darüber auf die Lebensmittelpreise.

    Kommt es zu gravierenden Engpässen und enormen Preissteigerungen, fällt das deutsche Bruttoinlandsprodukt laut IW in diesem Jahr um 0,6 Prozent geringer aus, im nächsten Jahr betrüge das Minus 1,4 Prozent. Der wirtschaftliche Schaden läge insgesamt bei rund 70 Milliarden Euro.

    Sanktionen: Wenige, aber wichtige Abhängigkeiten sind ein Problem

    Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine hat die EU angekündigt, ihre Sanktionen deutlich auszuweiten. Es ist das Wesen von Sanktionen, dass die Maßnahmen nicht nur den Empfänger, sondern auch den Sender treffen. Allerdings dürften die Auswirkungen zu verkraften sein.

    Die bislang sanktionierten russischen Banken waren für die westlichen Finanzplätze kaum ein Problem. Allerdings sollen die Einschränkungen deutlich ausgeweitet werden. „Wenn die russischen Großbanken von den Sanktionen betroffen wären, birgt das auch Probleme für den Westen.

    Das würde die Handelsfinanzierung einschränken“, fürchtet Torsten Schmidt, Konjunkturchef am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Essen (RWI). Das könne sich wie ein indirektes Handelsembargo auswirken. Vor diesem Szenario warnt auch die Ratingagentur S&P.

    Brüssel hat angeordnet, jedweden Handel mit den besetzten Gebieten in der Ostukraine einzustellen. Für die westlichen Volkswirtschaften ist das kaum von Bedeutung, weder Importe noch Exporte dorthin sind von Bedeutung.

    Würde der Handel mit Russland eingeschränkt, wären mehr Unternehmen betroffen. Doch für die Gesamtwirtschaft wäre die Einschränkung kaum von Bedeutung, wie am Mittwoch veröffentlichte Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) zeigen. Demnach würde das deutsche wie auch das EU-BIP je nach Wirtschaftssektor, in dem ein Embargo verhängt würde, um maximal 0,1 Prozent sinken.

    Der Wirtschafsweise Wieland meint: „Abgesehen von der Frage des Erdgases dürften die gesamtwirtschaftlichen Wirkungen bei einem begrenzten Krieg in der Ukraine moderat bleiben, da die Handelsverflechtungen ansonsten sehr gering sind.“

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    Doch im Detail bestehen riskante Abhängigkeiten – nicht nur im Energiebereich. Aus Russland kommen für die Industrie wichtige Mineralien. 40 Prozent des von der EU importierten Palladiums, ein wichtiger Stoff für Katalysatoren, stammen aus Russland. Vanadium, das vor allem in der Stahlindustrie verwendet wird, kommt zu 30 Prozent aus Russland.

    Ein am Mittwoch veröffentlichter Bericht der EU-Kommission weist zudem darauf hin, dass die Industrie bei den Chemikalien Jod, Fluor, roter Phosphor, Lithiumoxid und -hydroxid, Molybdändioxid und Wolframate von russischen Lieferanten abhängig ist. Lithium etwa wird für E-Autos benötigt.

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