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05.08.2022

18:25

US-Wirtschaft

„Der Arbeitsmarkt kocht über“: US-Arbeitslosenquote sinkt überraschend

Von: Astrid Dörner

Trotz Rezessionssorgen präsentiert sich der Stellenmarkt weiterhin robust. Angesichts der aktuellen Hürden der US-Wirtschaft gibt das den Ökonomen Rätsel auf.

Experten hatten für Juli den Aufbau von 250.000 Stellen außerhalb der Landwirtschaft erwartet. dpa

US-Arbeitsmarkt

Experten hatten für Juli den Aufbau von 250.000 Stellen außerhalb der Landwirtschaft erwartet.

Washington Am US-Arbeitsmarkt sind im Juli weitaus mehr Stellen entstanden als gedacht. Im vergangenen Monat kamen 528.000 neue Jobs hinzu, wie die Regierung am Freitag in Washington mitteilte, doppelt so viel wie Ökonomen eigentlich erwartet hatten. Die separat ermittelte Arbeitslosenquote verringerte sich im Juli auf 3,5 Prozent von 3,6 Prozent im Juni. Damit ist nun die Zahl der Jobs, die im Zuge der Pandemie verloren gingen, wieder hergestellt.

Eigentlich sind das gute Nachrichten. Doch sie verkomplizieren die Arbeit der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), die mit ihren Zinserhöhungen versucht, die heiß gelaufene amerikanische Wirtschaft abzukühlen. „Der Arbeitsmarkt kocht über“, kommentierte Michael Feroli, Chefökonom von Amerikas größter Bank, JP Morgan Chase.

Die Entwicklung gibt Ökonomen Rätsel auf. Angesichts der hohen Inflation und der rapide steigenden Zinsen hatte die Wirtschaft zuletzt Schwächen gezeigt. Das Wirtschaftswachstum war in den ersten beiden Quartalen des Jahres rückläufig, was nach einer technischen Definition eine Rezession ist. Auch der Häusermarkt hatte nachgegeben.

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    Allerdings finden viele der Antragsteller vergleichsweise schnell wieder eine neue Stelle. Das hat eine Diskussion über die Stärke der größten Volkswirtschaft der Welt ausgelöst.

    Jeanette Garretty vom Vermögensverwalter Robertson Stephens sagte auf CNBC: „Wir können nicht in einer Rezession sein, wenn die Arbeitslosenquote nicht steigt.“

    Auf dem Arbeitsmarkt entfaltet sich indes eine Reihe von Entwicklungen seit der Pandemie, die zu anhaltenden Verzerrungen führen könnten. So fiel die Erwerbsquote im Juli leicht zurück, auf 62,1 Prozent. Die durchschnittlichen Stundenlöhne stiegen dagegen um 5,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

    Vermögenseffekt hat die Zahl der Arbeitnehmer deutlich reduziert

    Ökonomen müssen sich gut zwei Jahre nach Beginn der Pandemie mit neuen Realitäten auseinandersetzen: Die regionale Federal Reserve in St. Louis, eine der zwölf Notenbanken, die zur US-Notenbank Federal Reserve (Fed) in Washington gehören, geht davon aus, dass drei Millionen Arbeitnehmer früher in den Ruhestand gegangen sind, weil die große Rally an den Märkten in den vergangenen zwei Jahren die Vermögen vieler Amerikaner deutlich gestärkt hat. Dieser Vermögenseffekt, der durch die niedrigen Zinsen befeuert wurde, hat die Zahl der Arbeitnehmer deutlich reduziert.

    Die Arbeitslosenquote verringerte sich im Juli auf 3,5 Prozent von 3,6 Prozent im Juni. dpa

    US-Arbeitslosenquote sinkt

    Die Arbeitslosenquote verringerte sich im Juli auf 3,5 Prozent von 3,6 Prozent im Juni.

    Jüngere Arbeitnehmer bis 24 Jahre würden dagegen die negativen Folgen der Pandemie besonders stark zu spüren bekommen, glaubt Vincent Deluard, Analyst vom Broker StoneX. „Die Zahl der Menschen, die mit Suchtproblemen, Angstzuständen und Fettleibigkeit zu kämpfen haben, ist gestiegen, sodass viele junge Menschen nicht in der Lage sind zu arbeiten.“

    Andere dagegen würden lieber als Teil der sogenannten Gig-Economy auf eigene Rechnung für Fahrdienste wie Uber und Essenslieferanten wie Doordash arbeiten oder sich als Influencer im Internet versuchen. Deluard gibt zu bedenken. „Kinder träumen nicht mehr davon, Astronauten oder Feuerwehrleute zu werden. Auf Instagram und Youtube erfolgreich zu sein ist der neue heilige Gral für die Generation Z.“

    Das führe dazu, dass Unternehmen schon seit Monaten zu wenig Personal haben und im Zweifel Personal „horten“, weil der Arbeitsmarkt so angespannt sei, sagt Diane Swonk, Chefökonomin der Unternehmensberatung KPMG – und das, obwohl sich die Wirtschaft abkühle.

    Weiterer Kurs der US-Notenbank

    Die starken Arbeitsmarktdaten führen auch zu neuen Diskussionen über den weiteren Kurs der Fed. Sie hatte zweimal in Folge den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte erhöht, er liegt nun in einer Spanne von 2,25 bis 2,5 Prozent.

    Definition: Was ist eine Rezession?

    Rezession im eigentlichen Sinn

    Im üblichen Konjunkturschema ist die Rezession der Abschwung nach einem wirtschaftlichen Boom. Das Schema zeigt jetzt aber eigentlich einen Aufschwung an, nachdem die meisten Folgen der Coronapandemie vorüber sein sollten. IfW-Vizepräsident Stefan Kooths hält Rezession daher aktuell nicht für den passenden Begriff: „Es bestehen weiterhin wichtige Auftriebskräfte, die für einen fortgesetzten Aufschwung sprechen.“

    Technische Rezession: Wirtschaftswachstum

    Eine populäre technische Definition der Rezession ist hingegen, dass eine Volkswirtschaft zwei aufeinanderfolgende Quartale mit schrumpfender Wirtschaftsleistung vorweist. Daran ist Deutschland aktuell noch knapp vorbeigeschlittert. Im vierten Quartal 2021 hatten die Auswirkungen der Pandemie für ein Minus von 0,3 Prozent gesorgt, im ersten Vierteljahr 2023 stand dann ein leichtes Plus von 0,2 Prozent.

    Technische Rezession: Wirtschaftsauslastung

    Die führenden Institute definieren eine Rezession etwas komplizierter: Sie stellen die Frage, wie hoch die Wirtschaftsleistung in Deutschland im Optimalfall wäre, wenn also alle Arbeiter und Maschinen genau wie vorgesehen genutzt würden. Das ist das sogenannte Produktionspotenzial. Ist die Wirtschaft wie aktuell in der Krise, produziert sie weniger, als sie laut Potenzial eigentlich könnte. Steigt diese Unterauslastung zwei Quartale in Folge an, sprechen die Institute von einer technischen Rezession.

    Eine solche hat schon ein Dreivierteljahr lang vorgelegen, vom dritten Quartal 2021 bis zum ersten Quartal 2022. Laut den Institutsprognosen nimmt die Unterauslastung seitdem aber wieder ab, ab 2023 soll sich Deutschland dann sogar in einer Überauslastung wiederfinden.

    Notenbank-Chef Jerome Powell hatte argumentiert, dass die US-Wirtschaft noch deutlich höhere Zinsen verkraften könnte und sich die Fed daher an oberster Stelle um die Bekämpfung der Inflation kümmern muss. Diese liegt bei 9,1 Prozent. Frische Daten zu den Preisanstiegen im Juli werden in der kommenden Woche veröffentlicht.

    KPMG-Chefökonomin Swonk glaubt, dass dies den Druck auf die Fed erhöhen wird, die Zinsen noch stärker anzuheben. Powell hatte sich bei der jüngsten Fed-Sitzung im Juli bewusst offengehalten, wie groß der kommende Zinsschritt ausfallen könnte. Diskutiert werden 0,5 und 0,75 Prozentpunkte. Doch auch einen Anstieg um einen ganzen Prozentpunkt, was äußerst selten vorkommt, halten einige Marktbeobachter für denkbar.

    Eine Reihe von Notenbankern hatte sich in den vergangenen Tagen für deutlich höhere Zinsen ausgesprochen. Loretta Mester, Chefin der regionalen Notenbank in Cleveland, sprach sich am Donnerstag für einen Leitzins von über vier Prozent aus. Das Niveau soll in der ersten Hälfte des kommenden Jahres erreicht werden.

    Andere Ökonomen wie etwa der frühere US-Finanzminister Larry Summers glauben, dass deutlich höhere Zinsen nötig sein werden, um die Inflation zu bekämpfen. Die kommende Sitzung der Fed findet erst Ende September statt. Bis dahin wird es noch eine Reihe von Daten zur Inflation und zum Arbeitsmarkt geben, die in die Entscheidung der Geldpolitiker einfließen werden.

    Die Aussicht auf noch schnellere Zinserhöhungen schlug den Investoren aufs Gemüt: Die Leitindizes Dow Jones, Nasdaq und S&P 500 fielen am Freitag im frühen New Yorker Handel um bis zu 1,4 Prozent.

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