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04.01.2019

10:00

Die Besetzung offener Stellen wird für die Unternehmen teurer. dpa

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Die Besetzung offener Stellen wird für die Unternehmen teurer.

Arbeitsmarkt

Die neue Normalität

Von: Axel Schrinner

In großen Teilen Deutschlands herrscht Vollbeschäftigung. Die Betriebe müssen immer intensiver um Fachkräfte kämpfen. Intelligente Konzepte sind gefragt, denn der Fachkräftemangel wird sich in den kommenden Dekaden noch verstärken.

Düsseldorf Der Arbeitsmarkt hat im abgelaufenen Jahr 2018 sämtliche Auguren überrascht, wieder einmal. Alle großen Wirtschaftsforschungsinstitute haben Deutschland vor einem Jahr zwar mehr Wirtschaftswachstum vorhergesagt, doch einen solche starken Rückgang der Arbeitslosigkeit und einen noch stärkeren Beschäftigungsaufbau hat niemand prognostiziert, auch das Handelsblatt Research Institute nicht.

Lediglich 2,340 Millionen Menschen waren im abgelaufenen Jahr im Schnitt arbeitslos gemeldet, 193.000 weniger als im Vorjahr, wie BA-Chef Detlef Scheele am Freitag mitteilte. Monat für Monat sank die Arbeitslosigkeit damit um 16.000 Personen.

Der Realität noch am nächsten kam das Ifo-Institut. Im Dezember 2017 prognostizierten die Münchner Ökonomen für das Folgejahr 2,356 Millionen Arbeitslose. Recht weit daneben lagen das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH); beide sagten fast 100.000 Arbeitslose zu viel für 2018 voraus.

Alle Befürchtungen, die auf den Arbeitsmarkt drängenden Flüchtlinge trieben die Statistik nach oben, erwiesen sich bislang als unbegründet. Im Gegenteil, der Arbeitskräftemangel breitet sich auf immer mehr Regionen und immer mehr Branchen aus. Das IW Köln geht davon aus, dass mittlerweile qualifizierte Mitarbeiter in praktisch allen Metall- und Elektroberufen flächendeckend knapp sind. Im zurückliegenden Jahr gab es für etwa 200.000 der 300.000 offenen Stellen in diesen Berufen keine passend qualifizierten Arbeitslosen für deren Besetzung. Zudem bleiben auch immer mehr Ausbildungsplätze in der Branche unbesetzt.

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Nicht viel anders sieht es in den übrigen großen Branchen aus. Rund die Hälfte aller Berufe gelten auf Bundesebene mittlerweile als Engpassberufe. In einer DIHK-Umfrage nennen fast zwei von drei Unternehmen den Fachkräftemangel als ein Geschäftsrisiko – so viele, wie noch nie. Und auch für die Bundesbank „verdichten sich die Anzeichen von Arbeitskräfteengpässen immer mehr“. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung registrierte jüngst mehr als 1,2 Millionen offene Stellen, mehr als je zuvor.

Obwohl die Wirtschaft 2019 noch etwas schwächer als 2018 wachsen dürfte, ist die Einstellungsbereitschaft der Betriebe weiter sehr hoch. Mittlerweile ist es keine Frage mehr, ob die BA in absehbarer Zeit weniger als zwei Millionen registrierte Arbeitslose in einem Monat bekanntgeben wird. Offen ist lediglich, ob das schon dieses oder erst kommendes Jahr passieren wird.

Vorsichtig zeigt sich einmal mehr das IWH, das einen durchschnittlichen monatlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit um knapp 9.000 erwartet. Am zuversichtlichsten ist das DIW, dass einen monatlichen Abbau um 14.000 sieht. Gleichzeitig dürfte die Erwerbstätigkeit um 25.000 (IWH) bis 32.000 (Institut für Weltwirtschaft) pro Monat ansteigen.

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Doch wer sind die neuen Arbeitskräfte? Die Erwerbsbeteiligung ist in den vergangenen 15 Jahren erheblich gestiegen, so dass weitere ähnlich starke Zuwächse ausgeschlossen sind. So beträgt etwa die Erwerbsquote bei 35- bis 54-jährigen deutschen Frauen bereits 90 Prozent. Das größte Reservoir bleiben die Zuwanderer, nicht zuletzt die Flüchtlinge aus den Kriegsregionen. Vor allem die Arbeitgeber werden nicht müde, Erfolge bei deren Integration zu verkünden.  

„Von mehr als einer Million Menschen, die vor allem seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, haben heute bald 400.000 einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz“, sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer kurz vor Weihnachten. Er sei „selbst überrascht, dass das so schnell geht“. Viele Migranten seien „eine Stütze der deutschen Wirtschaft“ geworden.

Richtig ist, dass die Arbeitslosigkeit auch unter den Flüchtlingen gesunken und die Erwerbstätigkeit gestiegen ist. Richtig ist aber auch, dass deren Arbeitslosenquote im vergangenen Herbst 36 Prozent betrug, während nur knapp 32 Prozent der 15 bis 65-Jähirgen eine Beschäftigung hatten. Noch immer sind zwei von drei Flüchtlingen auf staatliche Unterstützung angewiesen, darunter sind freilich auch viele Kinder und Aufstocker, deren Arbeitseinkommen das staatlich garantierte Existenzminimum nicht abgedeckt.

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Üblicherweise finden die am besten Qualifizierten als erstes einen Job. Man muss demnach davon ausgehen, dass in erster Line jene Flüchtlinge Arbeit gefunden haben, die bereits recht gut ausgebildet waren und denen es leichtfiel, die erforderlichen Deutschkenntnisse zu erwerben. Doch das ist eben nicht die Mehrheit. Befragungen zeigen, dass drei von vier Flüchtlingen gar keine Ausbildung haben.

Ein Viertel besuchte keine oder nur eine Grundschule, während lediglich 40 Prozent auf einer weiterführenden Schule waren. Der größte Teil der Flüchtlinge hätte also selbst dann große Probleme auf dem deutschen Arbeitsmarkt, wenn es keine Sprachbarrieren gäbe. Es scheint also sehr gewagt zu sein, darauf zu hoffen, die Flüchtlinge könnten kurz- oder mittelfristig einen echten Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels leisten.

Vor allem die mittelständische Wirtschaft muss sich also auf zwei Dinge einstellen: Es wird immer seltener gelingen, eine wirklich passende Fachkraft zu finden und wenn diese gefunden ist, wird es teurer, sie dauerhaft im Betrieb zu halten. Schon 2018 zogen die Tariflöhne spürbar an. Dieses Jahr stehen für 7,3 Millionen Beschäftigte Tarifverhandlungen an, so dass die Arbeitskosten auch 2019 kräftig steigen werden, auch wegen des Sprungs bei den Sozialabgaben wegen der Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der Krankenkassen.

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Ein Patentrezept gibt es freilich nicht. Die Unternehmen können versuchen, soweit es geht Menschen durch Technik zu ersetzen und sich gleichzeitig noch mehr um die Qualifizierung bemühen. Die Politik sollte alles daransetzen, Deutschland für Fachkräfte aus dem Ausland attraktiver zu machen und den Flüchtlingen eine Bleibeperspektive zu geben und sie zu qualifizieren. Ferner muss sich für all jene, die von der Stütze leben, Arbeit lohnen.

Die absurd hohen Grenzbelastungen für Hartz-IV-Aufstocker von 80 oder mehr Prozent müssen endlich korrigiert werden, nicht zuletzt auch für jene Flüchtlinge, die auf dem Arbeitsmarkt fußfassen wollen. Zudem sollte die Politik Anreize zu längerem Arbeiten setzen, wenn sie sich schon nicht zu einer Erhöhung des Renteneintrittsalters durchringen will.

All das, was jetzt auf dem Arbeitsmarkt zu beobachten ist, ist zudem erst ein kleiner Vorgeschmack. Ab der kommenden Dekade wird in Deutschland ein massiver Altersschub einsetzen, der zwei Dekaden andauern wird. Das ist unabwendbar – nur so richtig wahrhaben will es bisher noch niemand. Auf die Frage, wie Deutschland sein Wohlstandsniveau mit immer weniger Arbeitskräften halten will, fehlen der Politik nämlich nicht nur die Antworten. Es fehlt sogar erstmal jemand, der diese Frage überhaupt ernsthaft zur Debatte stellt.

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