Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

27.06.2019

16:11

Das Konjunkturteam des Handelsblatt Research Institute (HRI) geht davon aus, dass die Schwächephase noch mindestens bis Ende dieses Jahres anhält und die deutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr faktisch stagnieren wird. Pexels

Prognose

Das Konjunkturteam des Handelsblatt Research Institute (HRI) geht davon aus, dass die Schwächephase noch mindestens bis Ende dieses Jahres anhält und die deutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr faktisch stagnieren wird.

HRI-Konjunkturprognose

Ein verlorenes Jahr für das Wirtschaftswachstum

Von: Dennis Huchzermeier, Bernhard Köster, Axel Schrinner

Der deutschen Wirtschaft steht ein schwieriges zweites Halbjahr bevor. Die Industrie steckt in der Rezession fest – das liegt vor allem an den Handelskonflikten.

Düsseldorf Was im vergangenen Sommer zunächst wie eine Delle in der Konjunktur einzelner Branchen aussah, hat sich mittlerweile als Beginn einer hartnäckigen Schwächephase weiter Teile der deutschen Industrie entpuppt – und eine baldige Besserung ist nicht in Sicht.

Das Konjunkturteam des Handelsblatt Research Institute (HRI) geht davon aus, dass diese Schwächephase noch mindestens bis Ende dieses Jahres anhält und die deutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr faktisch stagnieren wird, nicht zuletzt auch, weil das jüngste Ifo-Geschäftsklima keinerlei Wachstumssignale sendete. Das reale Bruttoinlandsprodukt dürfte im Schlussquartal 2019 damit allenfalls unwesentlich höher als im Sommer 2018 sein.

Für das Gesamtjahr 2019 ergibt sich daraus ein Wirtschaftswachstum von lediglich 0,3 Prozent. Erst im Jahr 2020 dürfte nach unserer Ansicht die gesamtwirtschaftliche Dynamik allmählich zurückkehren und im zweiten Halbjahr wieder das Trendwachstum von 1,3 Prozent erreichen. Daraus resultiert 2020 ein Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von einem Prozent.

„Der ein Jahrzehnt andauernde Aufschwung ist ausgelaufen“, sagte HRI-Präsident Bert Rürup. Wesentlicher Grund seien die schweren Störungen im Welthandel, von denen die exportorientierten deutschen Industrieunternehmen besonders betroffen seien. „Hinzu kommen hausgemachte Probleme der einstigen Vorzeigebranche, der deutschen Autoindustrie.“

Konjunkturprognose des Handelsblatt Research Institute: Die deutsche Wirtschaft dürfte von 2010 bis 2020 um durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr gewachsen sein. Es scheint sehr unwahrscheinlich, dass dieser Wert in der kommenden Dekade gehalten werden kann.

HRI-Prognose im Überblick

Konjunkturprognose des Handelsblatt Research Institute: Die deutsche Wirtschaft dürfte von 2010 bis 2020 um durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr gewachsen sein. Es scheint sehr unwahrscheinlich, dass dieser Wert in der kommenden Dekade gehalten werden kann.

Auf den ersten Blick erinnert eine solch lange Schwächephase an die ersten Quartale nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Damals stagnierte die deutsche Wirtschaft ebenfalls sechs Quartale.

Allerdings dürfen diese Parallelen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die deutsche Wirtschaft heute in deutlich besserer Verfassung befindet als damals: Die Beschäftigung ist auf Rekordniveau, der Staat schreibt schwarze Zahlen, und die Binnenwirtschaft und damit vor allem der Bau- und Dienstleistungssektor boomen. Zu einem markanten Anstieg der Arbeitslosigkeit und hohen Defiziten in den öffentlichen Kassen wird es daher vorerst nicht kommen.

Denn an diesen stabilisierenden Faktoren dürfte sich auch in den kommenden Monaten nichts Grundsätzliches ändern. Wegen der hohen und stabilen Beschäftigung, den zum Teil kräftigen Tarifabschlüssen sowie den üppigen Erhöhungen von Renten und anderen Sozialtransfers stützt der private Konsum die Konjunktur – wenn auch nicht mehr ganz so stark wie in den Jahren 2015 und 2016, als die wachsende Bevölkerung den privaten Verbrauch in die Höhe trieb.

Zudem dürfte der Bauboom nicht zuletzt dank niedrig bleibender Zinsen und Wohnungsmangel bis auf Weiteres anhalten, auch wenn viele Bauunternehmen bereits an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiten, so dass die Zuwächse der zurückliegenden Jahre künftig nicht mehr zu halten sein werden.

Das wesentliche Problem bleibt die stark exportabhängige Industrie. Das Ifo-Geschäftsklima im verarbeitenden Gewerbe fiel bereits den zehnten Monat in Folge und liegt mit 1,5 Punkten auf dem tiefsten Stand seit Ende 2012. Es ist wohl nur den immer noch recht üppigen Auftragspolstern vieler Unternehmen zu verdanken, dass Stimmung und Lage nicht noch schlechter eingeschätzt werden, als es die ohnehin schon schwachen Stimmungsindikatoren signalisieren.

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts reichte im vergangenen April der Auftragsbestand der deutschen Industrie noch 5,7 Monate in die Zukunft. So lange könnten die Betriebe also noch bei konstantem Umsatz theoretisch produzieren, wenn sie keine neuen Aufträge bekämen.

Auf der deutschen Industrie lastet die Unsicherheit über die weitere Entwicklung im Handelskrieg zwischen den USA und China, mögliche US-Zölle auf Autoimporte, die wieder gestiegene Wahrscheinlichkeit eines ungeregelten Brexits sowie die Kriegsgefahr am Persischen Golf und mögliche Auswirkungen auf die Versorgung der Welt mit Öl. Die Ifo-Exporterwartungen für die Industrie rutschen im Juni daher weiter ab. Die Firmen erwarten in den kommenden Monaten keinen Zuwachs mehr bei den Exporten.

„Die fetten Jahre kehren nicht zurück“

Wir gehen davon aus, dass US-Präsident Donald Trump mit guten Wirtschaftsdaten im Rücken in den Präsidentschaftswahlkampf 2020 ziehen will. Es spricht daher viel dafür, dass er zur Jahreswende einen Handelsvertrag mit China präsentieren und keine neuen Zölle gegen Europa oder andere wichtige Handelspartner erlassen wird. Womöglich werden verhängte Zölle, etwa auf Stahl, dann sogar zurückgenommen, um der US-Industrie Rückenwind zu verschaffen.

Die US-Notenbank Fed dürfte durch Zinssenkungen das US-Wachstum stimulieren, und auch in der Euro-Zone wird die Geldpolitik extrem expansiv bleiben. Chinas Wirtschaft dürfte sich nach einem Ende des Handelskriegs ebenfalls erholen, auch wenn das Land nicht zu den hohen Wachstumsraten der Vergangenheit zurückkehren wird.

Von dieser Konjunkturerholung bei zwei seiner wichtigsten Handelspartner wird auch die deutsche Industrie profitieren. Im kommenden Jahr dürften daher die Exporte wieder kräftiger zulegen, während die Importe mit unverändertem Tempo weiterwachsen. Die Belastung des Bruttoinlandsprodukts durch den Außenhandel wird daher 2020 spürbar kleiner sein als dieses Jahr.

Im Laufe des neuen Jahrzehnts wird dann ein kräftiger Alterungsschub der Bevölkerung einsetzen, der nicht zuletzt mit einem großflächigen Fachkräftemangel einhergehen dürfte. Laut unserer Prognose dürfte die deutsche Wirtschaft von 2010 bis 2020 um durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr gewachsen sein – es scheint sehr unwahrscheinlich, dass dieser Wert in der kommenden Dekade gehalten werden kann. „Die fetten Jahre sind nicht nur vorbei, sie kehren wohl auch nicht zurück“, resümiert HRI-Präsident Rürup.

Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema? Schreiben Sie uns!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×