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27.06.2022

16:12

Schwellen- und Entwicklungsländer

„Schuldenkrise mit Dominoeffekt“: In diesen Ländern droht die Staatspleite

Von: Mathias Peer, Alexander Busch, Wolfgang Drechsler

PremiumHochverschuldete Länder in Asien, Afrika und Südamerika geraten in immer größere finanzielle Schwierigkeiten. Experten warnen vor einem Dominoeffekt auf die Weltwirtschaft.

Das Land kann sich kaum noch den Import von Teeblättern leisten. AP

Junge in einem Tee-Laden in Pakistan

Das Land kann sich kaum noch den Import von Teeblättern leisten.

Bangkok, Kapstadt, São Paolo Es war eine verzweifelte Bitte: Angesichts eines kaum noch zu bewältigenden Schuldenbergs und der Abwertung der Landeswährung auf einen historischen Tiefstand rief die Regierung in Pakistan ihre 220 Millionen Landsleute vergangene Woche dazu auf, weniger Tee zu trinken. Bereits eine oder zwei Tassen weniger am Tag würden helfen, sagte Planungs- und Entwicklungsminister Ahsan Iqbal. Pakistan könne sich selbst den Import der Teeblätter kaum noch leisten.

Der gemessen an der Einwohnerzahl fünftgrößte Staat der Welt gehört zu einer Reihe von Volkswirtschaften in Asien, Afrika und Südamerika, die auf den finanziellen Abgrund zusteuern. Hohe Preise für Energie- und Nahrungsmitteleinfuhren lassen die Devisenreserven der Länder schwinden. Und der Zinsanstieg in den USA seit März hat gleich zwei Negativeffekte für die Schwellen- und Entwicklungsländer.

Viele Schwellenländer haben sich in Dollar verschuldet

Zum einen leiten Investoren Kapital zurück in den Dollar-Raum. In den Monaten März, April und Mai zogen internationale Investoren nach Daten des Institute of International Finance 17,3 Milliarden Dollar aus den Schwellenländern ab. Im Vorjahr hatte es in dem gleichen Zeitraum noch Zuflüsse von mehr als 50 Milliarden Dollar gegeben.

Zum anderen haben sich viele der Staaten in ausländischen Währungen, vor allem in Dollar, verschuldet. Der Zinsanstieg in den USA hat den Kurs des Dollars massiv gestärkt, sodass Zinszahlungen und Tilgung für die Schwellen- und Entwicklungsländer in der Heimatwährung gerechnet deutlich teurer werden.

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    Dominoeffekt größer als bei Corona-Pandemie

    Analysten rechnen mit neuen Staatspleiten. Die Vereinten Nationen und die Weltbank warnen vor einer Gefahr für die Weltwirtschaft. So auch Rebeca Grynspan, Generalsekretärin der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD).

    „Das Risiko einer umfangreichen Schuldenkrise mit einem möglichen Dominoeffekt ist heute größer als während der Covid-19-Pandemie“, sagte sie Anfang des Monats. Sie verwies auf Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF), wonach sich 60 Prozent der einkommensschwachen Länder in einem Schuldennotstand befinden oder diesbezüglich gefährdet seien.

    Pakistan gehen die Devisen aus

    Wohin das führen kann, zeigt das Beispiel Pakistan: Um Energie einzusparen, müssen Fabriken und Einkaufszentren zu festgelegten Zeiten schließen. Die pakistanische Rupie hat im Vergleich zum US-Dollar in den vergangenen zwölf Monaten um ein Drittel an Wert verloren. Die Zinszahlungen für die Staatsschulden machen inzwischen mehr als 40 Prozent des Staatshaushalts aus.

    Die Regierung verhandelt derzeit mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über die Wiederaufnahme eines milliardenschweren Hilfsprogramms. Als Voraussetzung dafür hat sie die Subventionen auf Benzin gestrichen, was in der Bevölkerung zu noch höheren Belastungen und Protesten führt. Die Zeit drängt: Die Devisenreserven des Landes sind der Zentralbank zufolge auf unter zehn Milliarden US-Dollar gefallen. Damit reichen sie als Puffer nur noch für zwei bis drei Monate.

    Sri Lanka meldet Staatspleite - Laos kurz vor dem Bankrott

    Im April hatte bereits Sri Lanka erklärt, seine Auslandsschulden vorerst nicht mehr bedienen zu können – die erste Staatspleite einer Volkswirtschaft im Asien-Pazifik-Raum seit Jahrzehnten. Die Regierung der Urlaubsdestination bittet ihre Nachbarn um Hilfe bei der Lebensmittelversorgung. Medizin fehlt ebenso wie Strom.

    Proteste vor dem Hauptquartier der Polizei in Colombo. Reuters

    Sri Lanka

    Proteste vor dem Hauptquartier der Polizei in Colombo.

    Auch das kommunistisch regierte Laos steht der Ratingagentur Moody’s zufolge kurz vor dem Staatsbankrott. Die Währung des siebeneinhalb Millionen Einwohner großen Landes zwischen Thailand und China – der Kip – hat ähnlich stark abgewertet wie die Rupie in Pakistan. Zudem belasten massive Treibstoffengpässe das Land.

    Andere Schwellenländer profitieren von hohen Rohstoffpreisen

    Nicht alle Schwellen- und Entwicklungsländer sind gleich stark betroffen. Einige stünden über frühe Zinserhöhungen und hohe Devisenreserven besser da, argumentiert der Bankenverband IIF. Exporteure von Rohstoffen und Agrarerzeugnissen wie Indonesien, Brasilien, Bolivien und Ecuador profitieren von höheren Preisen. Kolumbien etwa hat gerade langfristige Verträge für Kohlelieferungen nach Deutschland als Ersatz für russisches Gas abgeschlossen.

    Weltbank-Präsident David Malpass warnt dennoch davor, dass immer mehr Schwellen- und Entwicklungsländer von Problemen erfasst werden. „Während sich die globalen Finanzierungsbedingungen verschlechtern und Währungen abwerten, breitet sich die Verschuldungsmisere, die bisher auf Volkswirtschaften mit niedrigem Einkommen beschränkt war, auch auf Länder mit mittlerem Einkommen aus“, warnte er in der Juni-Ausgabe des Berichts „Global Economic Prospects“. Nach Angaben der Weltbank liegt die Auslandsverschuldung der Entwicklungsländer auf einem Rekordniveau.

    Dem auf Emerging Markets spezialisierten Analysehaus Tellimer zufolge liegen mittlerweile die Renditen der Dollar-Staatsanleihen von 27 Ländern über der Marke von zehn Prozent, was das Unternehmen als Indikator für drohende Schuldenkrisen wertet. Die Renditen steigen, wenn Länder als risikoreichere Schuldner wahrgenommen werden. Bei solchen Werten ist es für viele Volkswirtschaften nicht mehr bezahlbar, sich auf den privaten Kapitalmärkten zu finanzieren.

    60 Prozent von Afrikas Staatsschulden in Fremdwährung

    Allein im vergangenen halben Jahr habe sich die Zahl der betroffenen Staaten mit Renditen von mehr als zehn Prozent bei Dollar-Staatsanleihen durch die Folgen des Ukrainekriegs und der Zinswende mehr als verdoppelt. Auffällig sei, dass zunehmend nicht mehr nur besonders arme Länder auf der Liste stünden, sondern auch größere Schwellenländer, heißt es in der Tellimer-Analyse. Neben Ghana und Pakistan liegen etwa die Anleiherenditen von Afrikas größter Volkswirtschaft Nigeria ebenso wie die von Ägypten und des südasiatischen Luxus-Urlaubslandes Malediven im zweistelligen Bereich.

    In Afrika sind die Konsequenzen der US-Zinswende besonders stark zu spüren. Weil rund 60 Prozent der von afrikanischen Staaten aufgenommenen Kredite in Dollar bezahlt werden müssen, erhöhen sich die Finanzierungskosten nun deutlich. Gleichzeitig gibt es in großen Teilen des Kontinents nicht genügend Wirtschaftswachstum, um die Schuldenlast markant zu reduzieren.

    Grafik

    Die frühere britische Kolonie Ghana hatte es vor 15 Jahren als erstes Land im Süden der Sahara geschafft, eine Anleihe im Gegenwert von 750 Millionen Dollar auf dem internationalen Kapitalmarkt zu platzieren. Viele andere afrikanische Staaten folgten dem Beispiel.

    Ghana erhöht Zinsen auf 17 Prozent

    Waren vorher fast ausschließlich westliche Länder die größten Gläubiger Afrikas, haben inzwischen 16 Länder ihre Anleihen auch an ausländische Privatinvestoren verkaufen können. Die Einnahmen wurden aber nicht immer effizient genutzt: In Ghana schnellen die Staatsausgaben zum Beispiel in Wahljahren drastisch in die Höhe, wobei ein Großteil davon in die Gehälter der Staatsbeamten fließt.

    Ghanas Landeswährung Cedi ist allein in diesem Jahr um 20 Prozent gegenüber dem Dollar gefallen. Um diesen Einbruch zu stoppen, hat die Zentralbank erst im April die Zinsen um 2,5 Prozentpunkte auf 17 Prozent erhöht. Wie Ghana müssten auch die meisten anderen Länder in Afrika ihre Staatsausgaben eigentlich massiv reduzieren oder mehr Steuern erheben, um Probleme bei der Schuldentilgung zu vermeiden, warnt der IWF.

    Ein Schuldenmoratorium, das die G20-Staaten den 77 ärmsten Ländern der Welt im Zuge der Coronakrise gewährt hatten, lief Ende 2021 aus. In Afrika hatte die Initiative die Schuldenprobleme zwar nicht behoben, aber den Staaten immerhin Zeit verschafft. UNCTAD-Chefin Grynspan fordert den sofortigen Neustart des Programms, Weltbank-Chef Malpass einen umfangreichen Schuldenerlass.

    Das Land steckt trotz enormer Einnahmen aus Agrarexporten in finanziellen Schwierigkeiten. Reuters

    Weizenernte in Argentinien

    Das Land steckt trotz enormer Einnahmen aus Agrarexporten in finanziellen Schwierigkeiten.

    Leitzins in Argentinien steigt auf 52 Prozent an

    In Südamerika steckt derweil Argentinien in der Krise: Das Land dürfte zwar in diesem Jahr mit seinen Weizenexporten rund 90 Milliarden Dollar verdienen – etwa ein Fünftel mehr als 2021. Dennoch steht der 45-Millionen-Einwohner-Staat vor einer verfahrenen Lage, urteilt die Investmentbank JP Morgan: Das jahrelange politische Missmanagement führe dazu, dass das Land kaum von den sehr hohen Exportpreisen für Agrar- und Rohstoffe profitieren könne.

    Angesichts der global steigenden Zinsen hob die Zentralbank in Buenos Aires den Leitzins jüngst auf 52 Prozent an, den höchsten Wert seit 30 Jahren. Dennoch ist das zu wenig: Die Inflation ist bereits auf mehr als 60 Prozent gestiegen. Zum Jahresende rechnet JP Morgan mit einem Anstieg der Teuerungsrate auf 75 Prozent. Die Zentralbank hinke der Geldentwertung hinterher. Immer mehr Beobachter fürchten, dass Argentinien im kommenden Jahr erneut seine Abmachungen mit dem IWF nicht einhalten kann – und es wieder zu einer Schuldenkrise in dem Land kommt.

    China will restriktiven Kurs fortsetzen

    In anderen Teilen Südamerikas ist die Situation entspannter. Doch die Welle der Zinssteigerungen belastet auch dort die Konjunktur: Das Wachstum in der Region dürfte dieses und kommendes Jahr deutlich schwächer ausfallen als noch vor Kurzem erwartet.

    Chile etwa kann sich derzeit zwar über hohe Einnahmen durch Kupfer- und Lithiumexporte freuen. Die Zentralbank fürchtet aber eine inflationäre Überhitzung – und tritt auf die Bremse. Sie hat den Leitzins auf neun Prozent erhöht und will den monetär restriktiven Kurs fortsetzen, auch wenn nun alles danach aussieht, als werde 2023 erstmals eine Rezession drohen.

    Erstpublikation: 22.06.22, 04:00 Uhr.

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