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10.08.2018

19:59 Uhr

USA

Seminar zum Reichwerden – „Wer nicht reich ist, ist selbst schuld“

VonAnnett Meiritz

Beim Grundkurs im Reichwerden im Trump-Hotel servieren Millionäre Tipps der Güte: „Es gibt keine Ausrede, nicht reich zu sein.“ Doch nicht alles in dem Seminar ist absurd.

Hunderte Besucher wollten kürzlich im Ballsaal herausfinden, wie man reich wird. Reicher werden dadurch aber nur die Referenten. AP

Trump-Hotel in Washington

Hunderte Besucher wollten kürzlich im Ballsaal herausfinden, wie man reich wird. Reicher werden dadurch aber nur die Referenten.

WashingtonMan braucht schon einen guten Grund, um sich an einem grauen Montagmorgen freiwillig in einen Ballsaal zu begeben, in dem sonst schicke Galadinners stattfinden. Ein Teil der knapp 500 Besucher hatte augenscheinlich die ernste Absicht, etwas übers Reichwerden zu erfahren.

Ein anderer Teil tauchte vielleicht einfach nur auf, um Kevin O’Leary live zu sehen. In den USA ist „Mr. Wonderful“, wie sich der kanadische Multimillionär selbst nennt, ein Star. Die meisten Amerikaner kennen den Investor aus der äußerst unterhaltsamen Fernsehshow „Shark Tank“, die am ehesten mit der deutschen Sendung „Höhle der Löwen“ zu vergleichen ist.

Während nervöse Kleinunternehmer innovative Schnabeltassen, Katzenspielzeuge oder glutenfreie Tütensuppen vor der Kamera präsentieren, gilt O’Leary als Juror mit der größten Klappe. „Dein Produkt ist Müll“, sagt er schon mal, oder er sinniert über seine „feinen Seidenunterhosen aus Italien“, die extrem teuer seien.

Sein Spartipp Nummer 1: Halte dich von Starbucks fern. Reine Geldverschwendung, meint O’Leary und rät, in eine vernünftige Maschine zu investieren und dann ein Leben lang eigenhändig Kaffee zu brühen.

Im Ballsaal des Trump-Hotels in Washington verkaufte O’Leary im Juli sein bestes Produkt: Sich selbst. Auf dem „Wealth-Building Event“ unter dem Titel „How Entrepreneurs are profiting from the Secrets of Self-Made Millionaires“ war er das Aushängeschild. Unter Kronleuchtern und vor der Kulisse goldfarben angepinselter Pappmaché-Säulen sollte er gemeinsam mit anderen Investoren Tipps zum Geldscheffeln geben.

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Tatsächlich war nicht alles absurd, was auf der Veranstaltung geboten wurde. Die Protagonisten O’Leary, Jeff Tomasulo und Steve Sitkowski sind alle nachweislich reich, müssen also irgendetwas vom Geschäftemachen verstehen. Zu sehen gab es viele Tortendiagramme und zahlreiche Grafiken, in denen der Pfeil, der das künftige Vermögen symbolisieren sollte, immer ermutigend nach oben zeigte.

Man bekam einen Grundkurs darin, den Finanzmarkt zu verstehen, „earnings“, „revenues“ und „dividends“ wurden erläutert, die Basics eines Börsencharts erklärt. Vor allem aber lernte man etwas über das faszinierende Geschäftsmodell „Reichwerden-Seminar“.

Einfach hereinspazieren geht zum Beispiel nicht. Jeder Besucher muss Adresse und Telefonnummern aufschreiben, erst dann darf man den Saal betreten. Die Daten werden gesammelt, damit man neuen Wurfsendungen und Werbemails für Veranstaltungen nicht entkommen kann.

Eine zweite Sache fällt auf: Auf den Sitzen liegen Broschüren, die tatsächlich DVDs enthalten. Leider wird die Autorin dieses Textes niemals erfahren, was darauf zu sehen ist, weil sie schon lange kein entsprechendes Abspielgerät mehr besitzt, sondern nur noch streamt, „Shark Tank“ zum Beispiel. Womöglich ist das eine verpasste Chance, reich zu werden.

Die dritte Auffälligkeit: So ein Seminar menschelt sehr. Als sich Investor Tomasulo erinnert, dass seine Frau im neunten Monat mit Zwillingen schwanger war, parallel sein Investment platzte und dann auch noch sein Vater starb, gibt es betretene Blicke. „Es ist demütigend“, sagt Tomasulo, einige Zuhörer nicken verständnisvoll. „Du bist am Boden. Alle Menschen, von denen du dachtest, es seien deine Freunde, sind weg.“

Ansonsten werden bei so einem Seminar ein Haufen Weisheiten verkündet, wie etwa:

„Eliteunis sind Bullshit. Harvard, Yale, vergesst das. Dem Investment ist deine Hautfarbe, deine Herkunft, dein Geschlecht egal.“ (Tomasulo)

Du kannst dein Leben lang den Hintern von jemandem küssen und wirst trotzdem nicht von jedem gemocht. Da kannst du auch gleich du selbst sein.“ (Sitkowski)

„Ihr sollt Aktien nicht heiraten, ihr sollt sie daten. Soll heißen: Findet im richtigen Moment den Absprung.“ (Sitkowski)

„Es gibt absolut keine Ausrede dafür, nicht reich zu sein. Wer nicht reich ist, ist selbst schuld.“ (Sitkowski).

Man würde an dieser Stelle gern die Meinung der freundlichen Dame hören, die die Hoteltoiletten säubert. Oder die des netten Angestellten, der im Saal die Wasserspender austauscht. Aber beide sind natürlich beschäftigt, weil sie ihren Job machen.

Überhaupt sind die Regeln und vermeintlichen Wahrheiten, die hier verkündet werden, scheinbar einfach. Auf einer Powerpoint-Präsentation räkelt sich eine Frau im Bikini. Darunter steht: „What we want“ – was wir wollen. Daneben sieht man das Foto eines dicklichen Mannes mit Chipstüte auf der Couch, versehen mit der Unterschrift: „What we do“ – was wir machen.

Die Lehre dieser kleinen Demonstration: Wer sich nicht einliest und im Investieren weiterbildet, solle sich nicht wundern, dass das mit dem Reichwerden nicht klappt. Dieses Fazit wird wiederum durch das Foto einer Weinbergschnecke auf einem Münzstapel symbolisiert.

Nach zwei Stunden ist ein ordentlicher Teil der Besucher begeistert. Genau das ist der Sinn der Übung. Alle Protagonisten auf der Bühne haben private Beratungsfirmen für potenzielle Investoren. Dort kann man Wochenendkurse buchen, die „mehr ins Detail“ gehen und „das nötige Rüstzeug“ zum Reichwerden mitgeben sollen.

Natürlich sind diese Workshops nicht gratis, sie kosten 2000 Dollar aufwärts. Das Seminar im Trump-Hotel soll also lediglich Appetit machen auf mehr.

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Als ein Aufruf durch den Saal schallt, dass die ersten zehn Interessenten ohne Gebühren an einem dieser Weiterbildungen teilnehmen dürfen, kommt es zur Rudelbildung. Panisch springen Hunderte Besucher auf und sprinten zu den ausliegenden Unterschriftenlisten. Es geht zu wie am All-Inclusive-Buffet eines Strandhotels.

Und was ist nun mit Kevin O’Leary? Zunächst hatte es geheißen, er komme „in 45 Minuten“, auf die Bühne, dann vergehen weitere 30 Minuten und nochmal 30 Minuten. Als „Mr. Wonderful“ erscheint, ist man bereits ermattet vom Input der vergangenen Stunden.

Als Pausenkracher wird „What is love“ von Haddaway gespielt, dann könnten die Gäste Kevin O’Leary dabei betrachten, wie er einen Imagefilm von sich selbst auf einer riesigen Leinwand anschaut. Es geht um seine beeindruckende Karriere – und um seine Gitarrensammlung.

Der Satz, der von ihm hängen bleibt, lautet: „Wenn ihr eure Zahlen und Kalkulationen nicht kennt, verdient ihr es, in der Hölle zu schmoren. Und ich persönlich werde euch da abliefern.“ Reich werden, es ist ganz leicht. Man muss es nur wollen.

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