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03.10.2018

16:34

Weltgeschichte

Die USA haben immer mehr Tote durch E-Roller zu beklagen

Von: Axel Postinett

Immer mehr E-Scooter drängen auf die Straßen von San Francisco. Die ersten Toten sind zu beklagen. Krankenhäuser nehmen jetzt die Sache selbst in die Hand.

Eine Helmpflicht gilt inzwischen in Kalifornien nur noch für Menschen unter 18 Jahren. AP

E-Roller in San Francisco

Eine Helmpflicht gilt inzwischen in Kalifornien nur noch für Menschen unter 18 Jahren.

San Francisco Am Anfang war es noch Spaß. Doch mittlerweile wird es mulmig. Waren es bislang eher wild geparkte oder herumliegende „Scooter“, die die Bürger ärgerten, tritt jetzt ein anderer Trend in den Vordergrund. Während elektrisch betriebene Miet-Roller in immer mehr Städten der USA auf den Straßen abgeladen werden, melden die Krankenhäuser bedenkliche Entwicklungen.

In Salt Lake City etwa, wo die kleinen Flitzer seit Juni zur freien Verfügung stehen, berichtet ein Krankenhaus über einen Zuwachs bei Fällen unter Beteiligung von Scootern gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr, als es noch keine Miet-Scooter gab, um satte 161 Prozent auf 21 Fälle.

Fast alle Patienten gaben an, sie seien mit Miet-Scootern unterwegs gewesen. Die meisten hätten sich die Verletzungen bei dem Versuch zugezogen, sich bei einem Sturz abzufangen. Das Alter der Fahrer habe zwischen 20 und 50 Jahren gelegen. Ärzte in zwölf Städten haben in einer Umfrage der „Washington Post“ durchgängig einen Anstieg der Fälle gemeldet, in sieben Städten sehen sie „regelmäßig schwerste Verletzungen“ in den Notaufnahmen.

Ärzte des University of Utah Health Department weisen zudem darauf hin, dass die Dunkelziffer ohnehin sehr viel höher liegen dürfte. In der Notaufnahme landeten nur die schweren Fälle, Knochenbrüche, Schädel- und Gesichtsverletzungen oder ausgerenkte Glieder. Fahrer mit einfacheren Verletzungen würden eher zum Hausarzt gehen oder sich selbst behandeln, um die teilweise hohen Kosten zu vermeiden.

Das war für Brandon Nelson keine Option. Der durchtrainierte 32-Jährige Feuerwehrmann war mit Freunden im kalifornischen San Diego unterwegs, als er einen kleinen Hubbel auf der Straße übersah und „wie eine menschliche Rakete“ von seinem Roller abhob, wie seine Freunde später berichteten. Er selber hat kaum noch was mitbekommen, er hatte eine Gehirnerschütterung, eine zerschmetterte Nase, blaue Flecken, Abschürfungen und eine geschwollene Lippe, wie er dem Nachrichtensender CNN erzählte.

„Ich lag da keine 20 Minuten“, berichtet er weiter, „als sie einen anderen Scooter-Fahrer hereingerollt haben. Er hatte Gehirnblutungen und es musste eine Notoperation vorgenommen werden, um den Druck zu senken.“ Beide Fahrer hatten keinen Helm getragen.

Nelson, der auf Fotos aussieht, als ob er über volle Distanz gegen Muhammed Ali mit Stahlhandschuhen gegangen war, hatte noch Glück im Unglück. Ende September hatte es den wahrscheinlich ersten Toten durch einen Unfall mit einem Miet-Scooter gegeben. Ein 24-Jähriger aus Dallas, Texas, starb an den Folgen schwerster Kopfverletzungen, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte.

Kalifornien hat den Helmzwang abgeschafft

Er wurde am frühen Morgen neben einem in zwei Teile zerbrochenen Scooter gefunden und hatte keinen Helm getragen. Sein Tod kam nur kurz vor der Unterzeichnung eines Gesetzes durch den Gouverneur von Kalifornien, das ausgerechnet den Helmzwang für Fahrer über 18 Jahre für diese Fahrzeuge in Kalifornien für Anfang 2019 aufhebt.

Das ist ungefähr so, als ob man den Gurtzwang für erwachsene Autofahrer wieder aufheben würde. Treibende Kraft hinter dem Gesetz: Lobbyisten der E-Scooter-Start-ups, die es vor zwei Jahren noch gar nicht gab, die heute aber schon Milliarden von Dollar schwer sind und Hunderte Millionen Dollar Investorengelder eingesammelt haben. Das Wort „Risikokapital“ bekommt da eine ganz neue Bedeutung.

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Der zweite Todesfall ließ nicht lange auf sich warten. In Washington DC geriet ein Fahrer eines Scooters von „Lime“, neben „Bird“ der größte Anbieter, unter ein Auto und musste vom Rettungsdienst unter dem Fahrzeug befreit werden. Er starb später im Krankenhaus und hat nach Medienberichten wohl ebenfalls keinen Helm getragen.

Die Zahlen mögen auf den ersten Blick nicht erschreckend klingen, wenn man den Anbietern glaubt. Die melden zusammen mehr als zehn Millionen Fahrten, die mit ihren Rollern unternommen worden seien. Aber es ist ja auch erst der Anfang. Mit dem Fall der Helmpflicht im sonnigen Kalifornien dürften sich sowohl die Zahl der Fahrten als auch die Zahl der Verletzungen weiter erhöhen. Ein Helm sieht halt nicht „cool“ aus, und wenn er nicht mehr Vorschrift ist, umso besser. Das macht das Mieten einfacher.

Dazu kommt, dass immer mehr Städte die E-Scooter per Gesetz von den Bürgersteigen verbannen, um die Fußgänger, die schwächsten Verkehrsteilnehmer, vor den rasenden Reitern auf ihren elektrischen Kisten zu schützen. Obwohl deren Geschwindigkeit auf 15 Meilen pro Stunde beschränkt ist, geht von ihnen eine akute Gefahr auf belebten Gehsteigen aus. Im Internet kursieren Videos von Überwachungskameras, die zeigen, wie Fußgänger aus Hauseingängen treten und Sekunden später mit voller Wucht von Rollerfahrern gerammt und zu Boden geschleudert werden.

Nicht ungefährlicher als Motorräder

Kritiker sind entsetzt, dass der Sicherheitsgedanke offenbar hinter den Geschäftssinn gestellt wird, trotz permanent anderslautender Beteuerungen der Anbieter. Experten verweisen darauf, dass die Roller zwar niedlich aussehen, aber keinesfalls ungefährlicher sind als Motorräder oder E-Fahrräder. Im Gegenteil. Sie haben einen sehr kurzen Radstand, eine kleine Lenkstange und besonders kleine Räder, was sie nur gefährlicher macht.

Schon kleine Unebenheiten, Schlaglöcher oder Straßenbahnschienen reichen aus, um die Gefährte aus der Spur zu bringen und den Fahrer gleich mit. Wer Motorrad gefahren ist, wie auch der Autor, kennt die Unterschiede und grundlegende physikalische Gesetze nur zu genau.

Die setzt auch die junge Industrie nicht außer Kraft, die als nächste große Erfolgsstory aus dem Digital-Tal gefeiert wird. Selbst Auto-Fahrdienste wie Uber und Lyft sind auf den anfahrenden Roller aufgesprungen. Nicht ohne Grund, wie Zahlen der Stadt Spokane zeigen, die mehrere Hundert Roller in einem mehrmonatlichen Test erlaubt hat. Demnach wird jeder E-Roller pro Tag neun- bis 16-mal genutzt.

Das verspricht ein rentables Geschäft zu werden. Doch wenn aus Hunderten Rollern Tausende pro Stadt werden, multipliziert sich auch das Gefahrenpotenzial. Das Verlockende ist die Bequemlichkeit: Auf einem Roller stehend in Stoffhose oder luftigem Sommerkleid durch das sonnige San Francisco oder Los Angeles dahinzugleiten ist halt einfach schöner, als auf einem Fahrrad zu strampeln. Solange man oben bleibt, jedenfalls.

Die Stadt San Francisco, wo der Testbetrieb Mitte Oktober wieder aufgenommen wird, hatte deshalb bereits alle E-Scooter pauschal verboten und ein neues Gesetz erlassen, das die Betriebserlaubnis regelt. Und gleichzeitig wurden ein paar Rüffel und Watschen verteilt: Lizenzen bekamen nur zwei kleinere Anbieter, „Scoot“ und „Skip“.

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Die mit Risikokapital vollgesogenen und besonders aggressiven Konkurrenten Bird und Lime müssen erst mal draußen bleiben, so wie Spin, Uber oder Lyft. Mit den kleinen Neulingen lässt sich offenbar besser zusammenarbeiten als mit den aggressiven Platzhirschen, die schon mit vielen Städten vor Gericht gezogen sind, um Regulierungen zu vermeiden. Außerdem hat die Stadt noch eine Rechnung mit Lime, Bird und Spin offen:

Von Anfang April bis Ende Mai, als die Firmen Tausende Roller, ohne um Genehmigung zu fragen, auf die Straßen gestellt hatten, gab es 1900 Beschwerden von Bürgern, angefangen von Rollern, die Bürgersteige versperrten, bis zu gemeingefährlichen Fahrern auf Bürgersteigen. Über 500 zerstörte Roller musste die Stadt auf eigene Kosten beseitigen, weil es die Unternehmen nicht machten.

Die Krankenhäuser jedenfalls wollen der Sache selbst auf den Grund gehen. Während bislang nur die Arten der Verletzungen registriert werden, soll in Zukunft in den Notaufnahmen auch die Ursache statistisch erfasst werden. In San Francisco meldet das Zuckerberg Trauma Center ebenfalls einen Trend zu mehr Scooter-Unfällen, obwohl noch keine gesicherten Zahlen vorliegen. Ein Sprecher weiß jedenfalls schon mal: „Von allem, was unsere Notärzte berichten, ist es ein ziemlich signifikanter Anstieg.“

Verbieten allein bringt aber nichts, da sind sich die Stadt San Francisco und die Betreiber einig. Die Stadt müsste grundsätzlich umgestaltet und von einer autofreundlichen Stadt zu einer Stadt werden, bei der alle Verkehrsteilnehmer gleich behandelt werden. Mehr Fahrradwege, eigene Scooter- und E-Bike-Wege und noch viel mehr. Doch bislang ist das nur ein Wunschtraum.

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