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16.08.2019

08:30

Weltgeschichte

Frankreich gedenkt seiner Befreiung von den Nazis

Von: Thomas Hanke

Frankreich feiert den 75. Jahrestag der Befreiung von Paris von der deutschen Besatzung. Ein neues Museum erinnert auch an die französischen Nazikollaborateure.

Henri Rol-Tanguy, Symbolfigur der kommunistischen Résistance in Frankreich. AFP

Henri Rol-Tanguy

Henri Rol-Tanguy, Symbolfigur der kommunistischen Résistance in Frankreich.

Paris Ein Bunker für die französische Stadtverwaltung 20 Meter unter Straßenniveau, unterhalb einer Zollstelle aus dem 18. Jahrhundert und in unmittelbarer Nähe der Katakomben: Hier richtete am 20. August Henri Rol-Tanguy, Chef der „Forces Françaises de l’intérieur“ in der Region von Paris, seinen Kommandoposten ein. Fünf Tage später befreiten die Alliierten die französische Hauptstadt.

Der Befehlshaber der deutschen Besatzungstruppen, Dietrich von Choltitz, hatte den Befehl Adolf Hitlers, nicht zu kapitulieren und Paris völlig zu zerstören, ignoriert. Am frühen Nachmittag unterzeichnete er im Beisein von Rol-Tanguy und General Philippe Leclerc de Hauteclocque die Kapitulation.

Am 25. August wird Paris des 75. Jahrestags seiner Befreiung gedenken. Ein neu eingerichtetes Museum erlaubt erstmals den Zugang zu Rols Bunker. Einiges ist noch erhalten, so etwa die Fahrräder, mit deren Hilfe Strom erzeugt und die Entlüftung betrieben wurden. Auf der anderen Seite der Place Denfert-Rochereau stehen die Menschen Schlange, um in die Katakomben abzutauchen. Jedenfalls in den Teil der zugänglich ist, denn der größte ist aus Sicherheitsgründen gesperrt. Die Résistance versteckte hier während der deutschen Besatzung Menschen und Material. Der Zugang zu den Katakomben erklärt, warum Rol sich und seinen Stab ausgerechnet hier einquartierte.

Oberirdisch, im früheren Zollgebäude, erinnert eine neue Dauerausstellung an Leclerc und an den Führer der Résistance Jean Moulin. Warum diese beiden? „Wir wollen die Besucher über die Frage des Engagements erreichen“, erläutert Museumsdirektorin Sylvie Zaidman dem Handelsblatt.

De Hauteclocque, der sich während des Krieges den Tarnnamen Leclerc gab, und Moulin haben beide die Entscheidung getroffen, sich nicht mit den Nazis oder deren Handlangern in der Vichy-Regierung zu arrangieren. „Welche Werte hat man, für welche Anliegen setzt man sich ein – das ist eine Frage, die heute viele Jugendliche bewegt“, erklärt Zaidman.

Bedrückende Zeitzeugnisse

Daneben gibt es einen ganz praktischen Grund: Die eigenen Bestände der Stadt enthalten sehr viel Material über den General und den Widerstandskämpfer, der 1943 an den Folgen der Folterungen durch die Gestapo starb. Der historische Bogen spannt sich vom Paris der Zwischenkriegszeit über Besatzung und Widerstand bis hin zur Befreiung 1944.

Jede Phase wird mit Dokumenten und Materialien aus dem Leben von Leclerc, Moulin und ihren Freunden und Begleitern anschaulich gemacht. Moulins Tarnung als Kunsthändler etwa, die ihm Reisen durch Frankreich erlaubte, lässt sich anhand eines Teils seiner privaten Sammlung nachvollziehen.

Die Kollaboration von Franzosen mit den Nazis und die aktive Teilnahme an der Judenverfolgung werden nicht verschwiegen. Ein besonders bedrückendes Zeugnis ist das Original eines Briefs an die Besatzungsbehörden, in dem ein Franzose ein Paar namens Cremer als „linke jüdische Elemente“ denunziert, die aus Deutschland stammten. Sie wollten ihre Identität verheimlichen und versuchten, zu fliehen. Die Frau sei eine „glühende Propagandistin der Engländer“. In ihrer Wohnung träfen sich viele Juden. „Sie gehören in ein Konzentrationslager, da wären sie in Sicherheit“, amüsiert sich der Denunziant. Unterschrieben ist der Brief mit „ein Nachbar“.

Funkgeräte, falsche Ausweise, Waffen, Pläne der Katakomben und zahlreiche Darstellungen einzelner Persönlichkeiten zeigen, wie die Résistance und die den Alliierten angeschlossenen Militärs arbeiteten, bis hin zum 19. August, als ein Generalstreik begann und in Paris die ersten Scharmützel begannen.

Das Material ist so ausführlich, dass man fast den Eindruck bekommen könnte, in einer Kombination aus Volksaufstand und Soldaten der „Freien Franzosen“ hätte die Hauptstadt sich selber befreit. Doch „der nationale Aufstand fand nicht statt“, schreibt der Historiker Philippe Buton über eine Legende, die General de Gaulle und die Kommunisten gemeinsam geschaffen haben, um ihre eigene Rolle vorteilhafter darzustellen.

„Mademoiselle, ich bin ein roter Spanier“

Nur ganz am Rande erfährt man in der Ausstellung, dass nicht Franzosen, sondern Spanier die erste Einheit stellten, die am 24. August in die Innenstadt von Paris vordrang. „La Nueve“ hieß die Kompanie spanischer Republikaner, die nach dem verlorenen Bürgerkrieg gegen Franco in Frankreich gegen die Nazis kämpften und in Leclercs Division eingegliedert wurden, zusammen mit 40 anderen Nationalitäten, darunter auch deutsche Antifaschisten. „Guadalajara“, „Ebro“, oder auch „Die Pinguine“ und „Tod den Arschlöchern“ schrieben die Spanier auf ihre von den Amerikanern gestellten Panzer und Jeeps.

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Eine Französin fiel am 24. August dem Soldaten um den Hals, der in das Pariser Rathaus eingedrungen war. „Du bist der erste französische Soldat, den ich küsse!“ himmelte sie ihn an. „Mademoiselle, ich bin ein roter Spanier“, klärte der Angehörige von „La Nueve“ sie auf, nachdem er den Kuss genossen hatte.

Fast alle Details, die zeigen, wie sehr Paris seine Befreiung einer bunten Allianz von Ausländern zu verdanken hat, wurden in der Ausstellung vergessen. Vielleicht finden sie später noch Eingang, denn schließlich unterstützen sie die Message: Irgendwann kommt jeder an den Punkt, an dem er sich entscheiden muss, wofür er sich engagiert. Egal, welcher Nationalität er angehört.

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