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13.06.2018

17:00 Uhr

Weltgeschichte

Wie Japan AirBnB und Uber ausbremst

VonMartin Kölling

Die japanische Regierung schränkt das Geschäftsmodell von Uber mit engen Vorgaben ein. Nun trifft es auch AirBnB – und zwar ziemlich plötzlich.

Die private Wohnungsvermittlung in Japan wird eingeschränkt.

Skyline von Tokio

Die private Wohnungsvermittlung in Japan wird eingeschränkt.

TokioReisende nach Japan aufgepasst! Wer darauf gesetzt hatte, billig bei AirBnB oder anderen Mitwohnanbietern Wohnraum zu finden, muss genauer suchen. AirBnb hat gerade 80 Prozent seiner angebotenen Räumlichkeiten in Japan aus dem Programm gestrichen und sogar bereits gebuchte Übernachtungen gecancelt.

Ausgelöst wurde diese drastische Maßnahme durch Japans Regierung. Mit einer Revision des Hotel- und Herbergsgesetzes zeigte sie der Welt wieder einmal, dass Gesellschaften und Lobbys dem Druck selbsternannter Revolutionäre der Sharing-Economy aus dem Silicon Valley nicht schutzlos ausgeliefert sind.

Ab dem 15. Juni müssen Anbieter privater Mitwohngelegenheiten sich bei ihren lokalen Behörden registrieren. Dabei handelt es sich keineswegs um einen simplen Amtsakt, sondern um einen Behördenmarathon. Bewerber müssen nicht nur viele Formulare ausfüllen, sondern auch viele Regeln, beispielsweise zum Feuerschutz, erfüllen. Darüber hinaus präzisiert das Gesetz, dass Städte und Gemeinden eigene Regeln erlassen können.

Die Beamten behaupten, dass sie mit der Regelung eine sichere Entwicklung des Trends gewährleisten wollen. Sie sehen in der Vermittlung privater Zimmer sogar ein wichtiges Gegengift zur grassierenden Bettennot, die bis zu den olympischen Spielen 2020 in Tokio noch größer werden könnte. Geht es nach der Regierung, wird sich die Zahl der Reisenden bis dahin auf 40 Millionen Menschen verdoppeln. Nur ist es in touristischen Hotspots wie der alten Kaiserstadt Kyoto schon jetzt oft schwierig, Hotels zu buchen.

Kritiker warnen allerdings, dass die Regulierung den Anbietern nicht etwa einen sicheren Boden bietet, sondern diesen unter ihren Füßen wegzieht. „So, wie das Gesetz geschrieben ist, wird klar, dass der wirkliche Zweck des Gesetzes eigentlich ist, AirBnB in Japan auszulöschen“, unkt der Historiker Nick Kapur. Oder wenn schon nicht auszulöschen, dann doch so klein zu machen, dass es für normale Japaner unsichtbar werde.

Nicht nur seien über ein Dutzend Dokumente für einen Antrag notwendig, von denen Ausländer, die viele der Zimmer anbieten, manche gar nicht erhalten könnten. Zimmer dürfen nicht mehr als 180 Tage im Jahr untervermietet werden. In Apartmentblöcken muss die Eigentümerversammlung die semi-gewerbliche Untervermietung schriftlich abnicken. Und dann verlangen einige Gegenden vom Anbieter nicht nur, die Zustimmung der Nachbarn einzuholen. Auch die erlaubten Vermietungszeiten werden eingeschränkt.

Außerdem hätten Lokalregierungen jede Menge strenger Regeln erlassen. In einigen Gegenden darf nur an Wochenenden mitgewohnt werden, in anderen nur an Wochentagen. Und oft muss der Anbieter sicherstellen, dass ein Ansprechpartner im Umkreis von zehn Gehminuten residiert. Besonders restriktiv ist die alte Kaiserstadt Kyoto, die AirBnB fast gänzlich aus der Stadt reguliert hat.

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Die Beschränkungen für AirBnB stehen beispielhaft für Japans Umgang mit disruptiven Trends. In den USA mögen die ersten Sprossen der netzbasierten Sharing-Economy den Preiskampf besonders in Geschäftszweigen bedrohen, die ohnehin schon miese Gehälter zahlen. Doch Japan will die Bewegungen domestizieren, um den Übergang sozialverträglich abzufedern. Oder anders gesagt: Traditionelle Anbieter sollen vorübergehend geschützt werden, damit sie eigene japanische Lösungen entwickeln können.

So sind Autoruf-Dienste wie die von Uber nur in einzelnen ländlichen Gebieten erlaubt und nicht in den Städten. Uber bietet in Tokio daher nur einen Limousinenmietdienst an, um überhaupt im Markt aktiv zu sein. Stattdessen schießen neue Kooperationen von Taxifirmen mit Autoherstellern und Internetkonzernen aus dem Boden.

Uber hat aus dem Scheitern erster aggressiverer Versuche gelernt und gibt sich auf einmal kooperativ. Das Unternehmen startet nun auf der Insel Awajima mit lokalen Taxiunternehmen zusammen ein Testprojekt. Außerdem verhandelt Uber mit dem Taxi-Konzern Daiichi Kotsu, dessen Taxisparte 2017 430 Millionen Euro Umsatz einfuhr.

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Auch AirBnB zahlt nun Lehrgeld. Das Unternehmen stellt zehn Millionen Dollar bereit, um betroffene Touristen für höhere Hotelgebühren zu entschädigen. Auch bei der Suche von alternativen Wohnmöglichkeiten will das Unternehmen helfen.

Währenddessen hat die lokale Konkurrenz wenigstens den Hauch einer Chance, zum Marktführer aufzuschließen. Denn tot ist der Trend keineswegs. Japans Amazon-Rivale Rakuten testet den Markt mit einem Mitwohnangebot in alten, rustikalen Bauernhäusern.

Auch für spirituell interessierte Reisende wird künftig gesorgt, in diesem Fall dank der neuen Regeln. Der Internetdienst Terahaku (Tempelübernachtung) wittert die Chance, buddhistischen Tempeln zu helfen, die Auslastung ihrer Gasträume zu erhöhen. Die Angebote sollen auch auf AirBnB gelistet werden.

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