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Anstoß – Die WM-Kolumne

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Was heißt hier eigentlich Phlegma?

Kritischer wird es bei Offensivspieler Mesut Özil. Jede Aktion des Nationalspielers wird beäugt, jede Leistung am maximalen Vermögen gemessen. Sicher: Die mediale Sonderbehandlung teilt der Arsenal-Spieler mit Stars anderer Nationen. Doch Özil wird in der deutschen Berichterstattung immer mehr zum ungeliebten Star. Der Vorwurf von Béla Réthy: Özil sei „ein wandelndes Phlegma“.

Kein Spiel vergeht, ohne dass der Deutsche mit türkischen Wurzeln als phlegmatisch betitelt wird. Warum eigentlich? Weil Özil Augenringe hat, als hätte er seit Tagen keine Minute geschlafen? Weil er ein ruhiger, introvertierter, sachlicher Gesprächspartner ist, dem man nur allzu leicht Schlafmützigkeit unterstellen kann? So oberflächlich kann doch niemand sein, oder?

Bei Özil lässt sich die Palette der Vorurteile beliebig erweitern: Mal heißt es, er ist lauffaul, mal ist er zweikampfschwach, mal zu verspielt, mal ohne Biss. Allein, die wenigstens Klischees stimmen. Özil ist einer der schnellsten deutschen Spieler. Özil läuft viel, reibt sich auf.

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An guten Tagen gewinnt der 70-Kilo-Mann einen Großteil seiner Zweikämpfe, finden fast alle Pässe ihren Abnehmer – und das, obwohl Özil sie im Angriffsdrittel mit viel Risiko spielt. Zweifellos kann sich der Takt- und Rhythmusgeber noch steigern. Es wird Zeit, um sich selbst einer Floskel zu bedienen, dass der Knoten platzt.

Und es wird Zeit, dass Deutschlands WM-Reporter aufhören, zweifelhafte Klischees nachzuplappern. Wohin eine Stigmatisierung von Spielern führen kann, lässt sich bei Frankreichs Karim Benzema sehen. Der Real-Star teilt Özils Phlegma-Vorwurf. Und sagt über sein Verhältnis zur „Grande Nation“: „Treffe ich, bin ich Franzose. Treffe ich nicht, bin ich Araber.“

Ein solches Zweiklassendenken wäre für Deutschland und seine Nationalmannschaft fatal. Nicht das Klischee bestimmt, was deutsch ist. Ob als Reporter, Fan oder Fußball-„Muffel“: Wir alle haben die Deutungshoheit darüber, wie wir mit Stereotypen umgehen. Wir müssen die richtigen Worte wählen – und Schubladen aufbrechen.

Kommentare (9)

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Herr Bernd Engesser

02.07.2014, 14:15 Uhr

Der Kommentar während des Spiels war zumindest in den ersten 30 Minuten unerträglich. Danach kann ich nicht beurteilen, da ich den Ton ausgestellt habe. Und damit ungestört ein spannendes Spiel sehen konnte.

Herr Robert Tichauer

02.07.2014, 16:16 Uhr

Klasse Beitrag! Schade, dass ihn wahrscheinlich nicht viele zu lesen bekommen.

Herr Peter Schumann

02.07.2014, 17:03 Uhr

Ein sehr wichtiger Beitrag, vielen Dank! Leider stellen die Herren und Damen Reporter und Spezialisten für Fussall-WM ein Spiegelbild unserer Gesellschaft dar und scheuen sich nicht, Stereotype nicht nur zu verstärken sondern neue zu schaffen. Sie sollten sich mal den Vorspann vom DFB während der Bundesliga über multikulturelle Grundlagen und Toleranz im Fussball ansehen, aber dazu haben sie offensichtlich weder die Zeit noch die Motivation! Und das alles im "öffentlich-rechtlichen-Fernsehen", eine Schande!

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