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18.09.2017

09:30 Uhr

Aufregung um Videobeweis

Köln erwägt Protest gegen 0:5 beim BVB

Eigentlich sollte der Videobeweis zur Vermeidung falscher Schiedsrichter-Entscheidungen beitragen. Doch beim 0:5 in Dortmund sorgte das neue Hilfsmittel für ein Fehlurteil. FC-Manager Schmadtke kündigte Konsequenzen an.

Innenverteidiger Sokratis von Dortmund (2.v.r) erzielt das 2:0 gegen Köln. Schiedsrichter Patrick Ittrich gab den Treffer erst nach Rücksprache mit dem Video-Schiedsrichter. dpa

Borussia Dortmund – 1. FC Köln

Innenverteidiger Sokratis von Dortmund (2.v.r) erzielt das 2:0 gegen Köln. Schiedsrichter Patrick Ittrich gab den Treffer erst nach Rücksprache mit dem Video-Schiedsrichter.

DortmundDie Diskussion um den erst zu Saisonbeginn eingeführten Videobeweis nimmt an Schärfe zu. Eine vermeintlich falsche Auslegung des Regelwerks beim 0:5-(0:2) in Dortmund sorgte beim 1. FC Köln für großen Unmut. Nur wenige Minuten nach dem Schlusspfiff kündigte der erboste FC-Manager Jörg Schmadtke Protest gegen die Spielwertung an. „Der Schiedsrichter hat gepfiffen, bevor der Ball die Linie überquert. Dann kann er danach nicht Tor geben. Das ist ein klarer Regelverstoß“, klagte er bei Sky mit Bezug auf den Treffer zum 2:0 des BVB durch Sokratis kurz vor der Halbzeit.

Wie die TV-Bilder bewiesen, war FC-Torwart Timo Horn beim Dortmunder Eckball nicht vom Torschützen Sokratis, sondern von Mitspieler Dominique Heintz behindert worden. Schiedsrichter Patrick Ittrich nahm daher seinen Foulpfiff zurück, der aber wohl erfolgt war, als der Ball noch gar nicht die Linie überschritten hatte. „Ich plädiere dafür, dass wir uns an das Protokoll halten. Und dass nicht jeder entscheidet, wie er gerade will“, klagte Schmadtke über die Einflussnahme von Videoassistent Felix Brych. Mit finsterer Miene fügte der Manager an: „Wenn gegen das Regelwerk entschieden wird, gibt es normalerweise eine Neuansetzung.“

Ein möglicher Präzedenzfall: Kölner Protest nach 0:5 in Dortmund

Warum legt Köln Protest ein?

Weil das Tor zum 2:0 des BVB laut Regelwerk irregulär war. Schiedsrichter Patrick Ittrich hatte die Situation abgepfiffen, bevor der Ball nach dem Schuss von Sokratis die Linie überquert hatte. Der FC verweist auf Paragraph 17, Absatz C der Rechts- und Verfahrensordnung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Demnach ist ein Einspruch möglich bei einem „Regelverstoß des Schiedsrichters, wenn der Regelverstoß die Spielwertung als verloren oder unentschieden mit hoher Wahrscheinlichkeit beeinflusst hat.“

Wieso hat Video-Schiedsrichter Felix Brych eingegriffen?

Weil er das Foul bewertet hat, das Ittrich gepfiffen hat. Videoassistent Brych kam zu der Entscheidung, dass es kein Foul war, weil FC-Keeper Timo Horn mit dem eigenen Abwehrspieler Dominique Heintz zusammengeprallt ist.

Wie reagierten die Dortmunder?

Mit Unverständnis. „Wenn man nicht verlieren kann, greift man zu solchen Mitteln“, sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: „Das ist eine Attitude des schlechten Verlierers.“ Sportdirektor Michael Zorc erklärte: „Das ist doch grotesk, nahezu lächerlich.“

Hat der Protest eine Chance?

Normalerweise nicht. Entweder dürfte das DFB-Sportgericht sofort auf den Schutz der Tatsachenentscheidung verweisen oder auf das Protokoll der Regelhüter des International Football Association Board (IFAB). Dort heißt es unter anderem: „Ein Spiel ist nicht ungültig aufgrund falscher Entscheidungen, die den VSA (Videoassistenten, d. Red.) betreffen (da der VSA ein Spieloffizieller ist).“ Dies bedeutet: Der Videoassistent ist vor dem Sportrecht zu behandeln wie ein Linienrichter, da die endgültige Entscheidung immer noch dem Schiedsrichter obliegt. Er hat demnach nicht den (sport-)rechtlichen Status eines Oberschiedsrichters. Die Frage, ob dies gedeckt ist, könnte den Fall zu einem Präzedenzfall machen. Um die sportgerichtliche Vorgabe außer Kraft zu setzen, müssten die Kölner aber wohl vor ein ordentliches Gericht ziehen.

Welche Urteile sind möglich?

Grundsätzlich drei: Eine Abweisung des Protests. Ein Wiederholungsspiel. Oder eine Wiederholung ab dem Moment der Entscheidung, also der 45. Minute, beim Stande von 1:0. Im Jahr 2015 bei der U19-EM der Frauen wurden zwischen England und Norwegen nach einer klaren Fehlentscheidung der deutschen Schiedsrichterin Marija Kurtes in der Nachspielzeit 18 Sekunden neu angesetzt.

Was muss sich ändern?

Der Eingriff des Videoassistenten war berechtigt. Der Fehler entstand dadurch, dass er keinen Ton im Videoraum hat und deshalb den Pfiff des Schiedsrichters nicht hören konnte.

Welcher Weg bleibt Köln im Falle eines Scheiterns?

Offizielle Berufungsinstanz ist das DFB-Bundesgericht.

Trainer Peter Stöger reagierte weniger emotional, stimmte Schmadtke aber zu. „Wir müssen die Situation aufklären, um zu wissen, was in den nächsten Wochen auch auf anderen Plätzen passieren kann. Wir sind in einer Testphase. Wenn man will, dass der Videobeweis funktioniert, sollte man ein paar Dinge klar festlegen.“ Wie der Manager wertete er die strittige Reaktion des Unparteiischen als spielentscheidend: „Wenn wir mit 0:1 in die Pause gehen, ist die Hoffnung größer, dass wir das Spiel kippen können.“

Die Ankündigung der Kölner, Protest einzulegen, brachte Hans-Joachim Watzke auf die Palme. Der BVB-Geschäftsführer verwies auf den höchst einseitigen Spielverlauf und den hochverdienten Sieg der Borussia nach Toren von Maximilian Philipp (3./69.), Pierre-Emerick Aubameyang (59./Foulelfmeter/60.) und Sokratis (45.): „Wenn man nicht verlieren kann, greift man zu solchen Mitteln. Schießt man im Spiel zwei Mal aufs Tor und der Gegner macht fünf Tore, dann hat man einfach zurecht verloren und muss sich das klipp und klar eingestehen. Das ist eine Attitude des schlechten Verlierers.“ Sportdirektor Michael Zorc wählte ähnlich polemische Worte: „Wenn sie Protest einlegen wollen, sollen sie. Aber das ist doch grotesk, nahezu lächerlich.“

Trotz Pannenauftakt: Videoassistent bleibt weiter im Einsatz

Trotz Pannenauftakt

Videoassistent bleibt weiter im Einsatz

Funkprobleme haben die Premiere des Videobeweis in der Bundesliga getrübt. Teilweise konnte gar nicht auf die neue Technologie zurückgegriffen werden. Der Assistent wird beim kommenden Spieltag dennoch eingesetzt.

Das sah der ehemalige FIFA-Schiedsrichter und derzeitige Experte der „Bild“ Thorsten Kinhöfer jedoch ganz anders: „Wenn der Schiedsrichter Foul gepfiffen hat, bevor der Ball die Linie überquert hat, war das Spiel unterbrochen und hätte der Treffer nicht zählen dürfen.“

Von

dpa

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