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02.09.2017

15:51 Uhr

Sportler und Privatinsolvenz

Pleite in der Nachspielzeit

VonNils Wischmeyer

Sportlich Weltklasse, finanziell katastrophal: Viele Sportstars rutschen nach Karriereende in die Pleite. Doch warum? Ein Blick in die Leistungselite zeigt ein Muster – schlechte Beratung und Überschätzung des Vermögens.

Wenn die Karriere vorbei ist, bekommen Sportler schnell Geld-Probleme. dpa

Das Spiel ist aus

Wenn die Karriere vorbei ist, bekommen Sportler schnell Geld-Probleme.

KölnAuf Krücken kommt Boris Becker zur Pressekonferenz. Stück für Stück humpelt er in den Saal. Zum „Head of Men’s Tennis“ macht ihn der Deutsche Tennis-Bund (DTB) an diesem Tag. Eigentlich ein Grund zur Freude. Doch Bum-Bum-Boris, die deutsche Legende, die Deutschland zu einer Tennisspielernation machte, sieht müde aus. Kein Lächeln, dass über beide Ohren geht, kein Strahlen in den Augen. Die Bilder des jüngsten Wimbledon-Gewinners aller Zeiten sind nur noch eine blasse Erinnerung. Zurückgeblieben ist ein erschöpfter Mann – mitten in einem Privatinsolvenzverfahren. Eine englische Bank hat Bum-Bum-Boris erst kürzlich für zahlungsunfähig erklärt.

Dabei soll Becker während seiner aktiven Zeit allein 25 Millionen Dollar an Preisgeldern abgeräumt haben, weitere 50 Millionen Dollar strich er offenbar durch Werbung ein, etwa für AOL oder Nutella. Sein damaliger Unterstützer und Manager, der rumänische Milliardär Ion Tiriac, sagte zuletzt, Boris Becker sei zu seiner aktiven Zeit der bestbezahlte Sportler der Welt gewesen. Als er seine Karriere beendete, sollen mehr als 100 Millionen auf Becker'schen Konten gelegen haben. Ausgesorgt hatte er – eigentlich.

Beckers Tennis-Leben

Wimbledonsieger

Als Boris Becker am 7. Juli 1985 um 17:26 Uhr Ortszeit seinem Gegner Kevin Curren einen unerreichbaren Aufschlag über das Netz schickt, verändert er für immer die Sportwelt. Als Wunderkind wird der damals 17 Jahre alte Rotschopf aus Leimen gefeiert. Von Mondlandung und Tennismärchen schreiben die Blätter. 1986 und 1989 siegt Becker erneut auf dem Heiligen Rasen – doch dieser erste Triumph als Teenager hat sein Leben für immer geprägt.

Tennisidol

Die Becker-Stich-Graf-Ära wird heute immer dann zitiert, wenn von den guten alten Zeiten in Tennis-Deutschland die Rede ist. Die öffentlich-rechtlichen Sender übertrugen, Tennisvereine boomten, die Menschen saßen stundenlang vor den Fernsehgeräten, um Tennis zu schauen. Während seiner Karriere feierte Becker 49 Turniersiege, sechs Grand-Slam-Titel (Wimbledon 1985/1986/1989; US Open 1989; Australian Open 1991/1995), kletterte am 28. Januar 1991 auf Platz eins der Weltrangliste und war das deutsche Tennis-Idol schlechthin.

Tennisbund

1988 und 1989 gewinnt Becker unter Teamchef Niki Pilic den Davis Cup für Deutschland. Im Oktober 1997 vollzieht sich dann ein Machtwechsel im Deutschen Tennis Bund: Becker und Carl-Uwe Steeb lösen Pilic als Verantwortlichen ab. Im April 1999 bestreitet Becker seinen letzten Einsatz als aktiver Spieler – er gewinnt im Doppel an der Seite von David Prinosil. Dennoch verliert Deutschland gegen Russland 2:3. Sportwart Dirk Hordorff stellt die Frage: „Was macht eigentlich der Teamchef?“ Zwischen Becker und Hordorff – heute DTB-Vize – entbrennt ein offener Zwist. Kurz nach Weihnachten 1999 ist Becker seinen Job als Teamchef nach nur gut zwei Jahren los.

Privatmann

Nach seiner sportlichen Karriere macht Becker vor allem durch sein Privatleben Schlagzeilen: Scheidung von seiner Frau Barbara, mit der er die Söhne Noah Gabriel und Elias Balthasar hat, der Streit um Unterhaltszahlungen. Die sogenannte Besenkammer-Affäre und die uneheliche Tochter Anna. Misserfolge als Geschäftsmann und zuletzt Berichte zu seiner finanziellen Situation. Als sich Becker im TV einen Hut mit Fliegenklatschen aufsetzt, erntet er viel Spott.

Erfolgstrainer

Kurz vor Weihnachten 2013 sorgt der Serbe Novak Djokovic für eine Überraschung: Er verpflichtet Becker als Trainer. Das anfangs skeptisch beäugte Duo entwickelt sich zum Erfolgsmodell. Djokovic wird die Nummer eins der Welt, gewinnt sechs Grand-Slam-Titel und dominiert das Herren-Tennis. Nach den Siegen bei den Australian Open und den French Open 2016 gerät Djokovic in eine sportliche Krise und wird von Verletzungen geplagt. Am 6. Dezember 2016 geben Djokovic und Becker das Ende ihrer Zusammenarbeit bekannt.

Head of Tennis

Aufmerksamkeit bekam Becker zuletzt wegen seiner Finanzen. Bei der Pressekonferenz am (heutigen) Mittwoch wird er dem Vernehmen nach dazu keine Auskunft geben und Fragen zu diesem Thema nicht beantworten. Es soll sich nur um das große sportliche Comeback drehen – und die Frage: Was macht Becker als Head of Tennis?

Doch Boris Becker ist nur einer von vielen Sportlern, bei denen sich diese Annahme als falsch erwiesen hat. Dutzende Fälle zeigen: Profisportler sind offenbar prädestiniert dazu, ihr Geld zu verprassen, falsch beraten zu werden, Schulden anzuhäufen oder am Ende gar in die Pleite zu schlittern. Es zeigt sich tatsächlich ein Muster. Stars wie der nordirische Fußballer George Best oder Ex-Weltmeister Thomas Häßler haben es geschafft, die Millionengehälter ihrer Profikarriere in nur wenigen Jahren zu verschleudern. Letzterer versuchte dann bei RTL, die Scherben aufzusammeln und ging für ein paar tausend Euro ins Dschungelcamp. Fragt man Best, wohin all das Geld floss: „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben; den Rest habe ich einfach verprasst.“

Andere Sportikonen, wie Lionel Messi oder Christiano Ronaldo zum Beispiel, haben ihr Vermögen in gewagte Steuermodelle gesteckt. Das belegten umfassende Enthüllungen unter dem Schlagwort „Football Leaks“. Die Folge: Messi ist offiziell als Steuerhinterzieher verurteilt, Ronaldo droht eine Strafe von mehreren Millionen Euro.

Boris Becker selbst gab die Millionen ebenso schnell aus wie sie kamen, finanzierte sich ein Leben im Luxus, zahlte Unsummen für seinen Wohnsitz und legte sich einen feinen Fuhrpark zu. Die Scheidung von seiner ersten Frau soll eine zweistellige Millionensumme gekostet haben, etwa ebenso viel der Unterhalt für seine Kinder. Hinzu kommen Millionenzahlungen an den Fiskus und diverse Flops mit Unternehmen.

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