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Fußball-WM 2018

11.07.2018

12:37 Uhr

Plötzlich interessieren sich die Franzosen für ihre Nationalmannschaft – und feiern sicher auch am Sonntag den Weltmeister. dpa

Jubel am Triumphbogen

Plötzlich interessieren sich die Franzosen für ihre Nationalmannschaft – und feiern sicher auch am Sonntag den Weltmeister.

Anstoß – die WM-Kolumne

Frankreich wird Weltmeister – wer sonst?

VonAlexander Möthe

Die Franzosen waren immer WM-Mitfavorit. Mit dem Sieg gegen Belgien ist klar: Frankreich holt den Titel – weil sie wie Deutschland spielen.

Es ist leicht zu sagen „ich habe es ja gesagt“, aber: Ich habe es ja gesagt. Frankreich schlägt Belgien im WM-Halbfinale. Knapp (1:0), mit etwas Schiedsrichterglück (Freistoß an der Strafraumkante nicht gegeben), aber hochverdient (ob der besseren Spielanlage). In sämtlichen Tippspielrunden habe ich die Franzosen als Weltmeister getippt. Und das hat gleich mehrere gute Gründe.

Eins muss ich zugeben: Zwei der besten Gründe haben sich erst während des Turniers ergeben, aber das verbuche ich großzügig als prophetische Weitsicht. Die beiden Faktoren tragen die Namen Teamgeist (und ist kein Fußball) sowie Benjamin Pavard.
Wie heißt es so unschön? Aber der Reihe nach. Frankreichs Nationalmannschaft hat, anders als die DFB-Auswahl, eine nicht wirklich perfekte Qualifikation gespielt. Sieben Siege, zwei Unentschieden, eine Niederlage – zehn Siege für Deutschland lesen sich da anders. Die entscheidende Leistung für ihren Favoritenstatus zeigten die Franzosen jedoch Ende 2017, ausgerechnet(!) gegen den Weltmeister.

2:2 hieß es im November in Köln, und Frankreich spielte Deutschland in einer hochklassigen Partie phasenweise schwindelig. Beide Seiten zeigten Schwächen, vor allem aber: Technisch und taktisch hochwertigen Fußball bei gleicher Spieleinlassung – ein Tor erzielen zu wollen.

In Antoine Griezmann, Paul Pogba, Olivier Giroud, Ousmane Dembelé und auch noch Kylian Mbappé haben Frankreich spielerisch überragende Offensivkräfte. Was sie so gefährlich macht, ist ihre Unberechenbarkeit. Frankreich braucht keinen Ballbesitzfußball für ein Tor. Das Entscheidende im Spiel der Franzosen ist die Kontrolle, das strategische Spiel.

WM-Halbfinale: Frankreich entzaubert Belgien und steht im Endspiel der WM

WM-Halbfinale

Frankreich entzaubert Belgien und steht im Endspiel der WM

Griezmann sank vor Glück auf die Knie, Trainer Deschamps tanzte im Kreis: Die Grande Nation steht nach einem 1:0 über Belgien kurz vor ihrem zweiten WM-Triumph.

Wie überragend Coach Didier Deschamps Les Bleus eingestellt hat, zeigten das Viertel- und Halbfinale in Perfektion. Einmal in Führung gelingt es kaum, die sattelfeste Defensive der Franzosen ins Wanken zu bringen. Weil jeder Spieler weiß, um welche Bälle es zu kämpfen gilt, welche Wege gegangen werden müssen. Und welche nicht.

Ballverluste werden von der ganzen Mannschaft kompensiert, Mbappé, Grioud, Pogba, alle arbeiten nach hinten mit und machen die Räume dicht. Uruguay kam im Viertelfinale zu keiner wirklichen Chance mehr. Belgien hatte einzelne Versuche durch Eden Hazard, dessen Schüsse Hugo Lloris im Tor jedoch parieren konnte. Schussfalle nennt man das mitunter.

Die Franzosen verstehen es, Unterzahlsituationen in der eigenen Hälfte zu vermeiden. Auch, indem Bällen nicht stumpf nachgerannt wird, sondern die Orientierung zum eigenen Strafraum Priorität hat. In der Mitte klärt die überragende Innenverteidigung Umtiti und Varanne, dahinter noch Lloris. Die Außenverteidiger haben bisher auch eine Traum-WM erwischt. Auch wenn Benjamin Pavard gegen Eden Hazard defensiv sichtlich Mühe hatte (wer hätte das nicht?), im Spielaufbau und Angriff hat der gelernte Innenverteidiger dem Spiel eine neue Dimension verliehen. Elf Länderspiele hat der 22-Jährige bisher absolviert, sieben von Anfang an – fünf davon bei der WM. Gegenpart Lucas Hernandez macht seinen Job unaufgeregt solide. Und im defensiven Mittelfeld lehrt N'Golo Kante mit seiner bissigen, aber fairen Spielweise nebst überragenden Gespür für Balleroberungen sämtliche Gegner das Fürchten.

Frankreich hat nur gegen Dänemark nicht getroffen, aber da gab es einen offenkundigen Nichtsangriffspakt. Sonst fielen die Tore sowohl aus dem Spiel, als auch Konter, als auch durch Standards. Belgien versuchte es mit spielerischer Dominanz und blieb gnadenlos ineffizient. Letztlich war es wieder eine Standardsituation bei dieser WM, die die Entscheidung brachte.

WM-Halbfinale: Frankreich gegen Belgien – 1,7 Milliarden Euro Marktwert wollen den Titel

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Frankreich gegen Belgien – 1,7 Milliarden Euro Marktwert wollen den Titel

Bei der WM treten im Halbfinale die Favoriten Frankreich und Belgien aufeinander. In der Startelf: Stars im Wert von mehr als einer Milliarde Euro.

Diese geschlossene Teamleistung, der sich die Stars unterordnen, hat von den Franzosen, die nicht als harmonische Mannschaft bekannt sind, kaum jemand so zugetraut. Doch jetzt zeigt sich der Teamgeist bei jeder Auswechslung, bei jedem Jubel und jedem Rückschlag. Deschamps spricht viel mit seinen Spielern, auch die Reserve wird einbezogen.

Diese Art von Kampfgeist und taktischer Disziplin erinnert sehr an eine andere Mannschaft: Deutschland, Weltmeister 2014. Das Kollektiv war stärker als die Einzelkönner, die Einzelleistungen brachten jedoch oftmals die Entscheidungen. Die Offensive rackerte mit nach hinten, die Innenverteidigung hielt alles dicht. Keiner tanzte aus der Reihe, jeder wusste, was er zu tun hat. Und alle hatten Spaß dabei.

Damit führt Frankreich dem entthronten Weltmeister nicht nur ein wenig schmerzhaft vor Augen, wie die Tugenden von vor vier Jahren immer noch der Schlüssel zum Erfolg sind. Sie zeigen schlichtweg, dass es unabhängig vom Gegner kaum möglich ist, sie mit diesem Selbstvertrauen und Selbstverständnis zu schlagen. Es ist der entscheidende Unterschied zur WM 2016, wo die Portugiesen diese Kollektivleistung zeigten – und Frankreich in Schönheit scheiterte.

Egal, ob es nun Kroatien wird, dem die Flexibilität fehlt (wie Argentinien 2014), oder England, dem in die internationale Reife fehlt (wie Deutschland 2010): der Weltmeister steht schon fest. Ich hab’s ja gesagt.

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