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Fußball-WM 2018

14.06.2018

14:02 Uhr

Eröffnungsspiel in Moskau

Was die WM-Gegner Russland und Saudi-Arabien verbindet – und was nicht

VonMathias Brüggmann

Öl trifft auf Öl, autoritäre Regierung auf autoritäre Regierung: Russland und Saudi-Arabien sind sich überraschend ähnlich – und teils überraschend fremd. Eine Analyse.

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DüsseldorfGastgeber Russland gilt vielen als Favorit für das Eröffnungsspiel an diesem Donnerstag in Moskau zum Beginn der Fußball-WM im Riesenreich. Doch rein nominell ist Russland schlechter: Die „Sbornaja“ genannte Nationalmannschaft ist der WM-Teilnehmer mit der schlechtesten Position in der Fifa-Weltrangliste. Russland kommt dort nur auf Rang 70. Saudi-Arabien – seit der 0:8-Pleite gegen Deutschland bei der WM 2002 in Japan und Südkorea als WM-Schießbude verspottet – liegt auf Platz 67.
Und in der langen Fußball-Geschichte gab es bisher nur ein Freundschaftsspiel beider Teams, 1993. Das endete 2:4 zugunsten der Scheichs.

Und es gibt noch andere, ziemlich ungewöhnliche Unterschiede, aber auch überraschende Gemeinsamkeiten zwischen dem142,3 Millionen Einwohner zählenden Gastgeberland und dem gut 32 Millionen Bürger umfassenden Saudi-Arabien. Viele Dinge, die auf den ersten Blick sehr ähnlich wirken, erweisen sich bei näherem Hinschauen als widersprüchlich. Acht vermeintliche Gemeinsamkeiten – und sechs mutmaßliche Unterschiede.

Die größten Exporteure von Öl und Gas

Die größte offensichtliche Gemeinsamkeit haben Russland und sein erster WM-Gegner als die größten Öl- und Gasexporteure der Welt. Zwischen Kaliningrad und Kamtschatka lagern die mit 32,3 Billionen Kubikmetern weltgrößten Gasvorkommen (Saudi-Arabien: 8,4 Billionen), unter dem saudischen Wüstensand indes lagern mit 266,5 Milliarden Barrel mehr als doppelt so große Ölreserven wie in Russland (109,5 Milliarden Fass). Beide Ländern liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wer der weltgrößte Ölförderer ist.

Zuletzt haben sich Saudi-Arabien als größter Produzent im Opec-Kartell und Russland als bedeutendster Nicht-Opec-Ölexporteur zusammengetan, um durch Förderbegrenzungen den Ölpreis erfolgreich in die Höhe zu treiben. Doch hinter den Kulissen tobt Streit: Bisher ist die mehrheitlich staatliche Rosneft der größte börsennotierte Ölkonzern der Welt. Doch mit dem für 2019 erwarteten Börsengang von Saudi Aramco wird Riads Kronjuwel diese Rolle locker übernehmen.

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Die Fußball-WM wird dominiert von einem Verband, der seine Reformanstrengungen weitgehend eingestellt hat – und sich unabhängiger Kontrolle entzieht.

Ohnehin ist die neue Einigkeit von Russland und Saudi-Arabien irritierend. Jahrelang waren die beiden Petrostaaten nicht nur erbitterte Rivalen. Die Saudis waren auch mitschuldig am Untergang der Sowjetunion: Auf Geheiß der USA drehten sie Ende der 1980er-Jahre ihre Rohre so stark auf, dass der Ölpreis kollabierte – in Moskau wuchs wegen des so entstandenen Mangels an Devisen der Protest, Michail Gorbatschow musste als letzter KPdSU-Generalsekretär das Licht der UdSSR im Kreml ausmachen. Die Sowjetunion war Ende 1991 tot.

Machtvolle Ambitionen

Mit der Fußball-WM und den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi hat sich Russlands Präsident Wladimir Putin bereits größtmögliche Sport-Ambitionen erfüllt. In Saudi-Arabien, wo bis vor zwei Jahren noch öffentliche Musikaufführungen verboten waren, werden jetzt Milliarden in den Aufbau einer Unterhaltungsindustrie gepumpt: Kinos, gigantische Freizeitparks – und Sport-Events.

„Fußball dient der Herausbildung einer nationalen Identität in einem Land, das aus so vielen differenzierten Gesellschaften besteht“, erklärt Mark Thompson, der seit sechs Jahren an der King Fahd University for Petroleum and Minerals junge Saudis unterrichtet.

Doch es geht noch um mehr: Saudi-Arabien will mit seinem gigantischen Sport-Engagement auch den kleinen Erzrivalen Katar, der Doha mit der Fußball-WM 2022 und Trainingslagern für Bayern München oder als Trikot-Sponsor bei Barcelona, Paris Saint-Germain oder AS Rom zur internationalen Sport-Kapitale ausgebaut hat, ausknocken.

Bereits Anfang 2019 soll in Saudi-Arabien das italienische Supercup-Finale zwischen AC Mailand und Juventus Turin ausgetragen werden. Zudem hat Riad ohne Zustimmung der Fifa die South West Asian Football Federation gegründet, die nun eine neue regionale Meisterschaft organisieren kann. Hinter den Machern in Riad hinter soll eine der reichen Investorengruppe stehen, die bei der Fifa eine neue Fußball-WM für Vereinsklubs sowie eine „Liga der Nationen“ durchsetzen will. 24 Teams – die besten der Welt – sollen dabei alle vier Jahre eine Art Weltmeisterschaft der Vereine ausspielen.

Drei Milliarden Dollar wollen sich die Investoren dies laut „New York Times“ kosten lassen – dreimal so viel, wie der umstrittene Weltverband des Fußballs selbst kalkuliert haben soll.

Starkes Korruptionsproblem

„Es geht um ein schönes und ehrliches Spiel, um Fair Play“, hat Russlands Präsident Putin schon vor Eröffnung der WM in seinem Land postuliert. Aber: Russland gilt den Anti-Korruptions-Kämpfern von Transparency International als das – zusammen mit der Ukraine – korrupteste Land Europas. Und es macht diesem Ruf wieder einmal alle Ehre: Eine Untersuchung der Universität Zürich zeigt anhand der Baukosten pro Sitzplatz, dass die WM-Stadien in Russland um ein Vielfaches teurer waren als ähnliche Bauten andernorts.

Der Grund: „Korruption. Wie schon bei den Bauten zur Winter-Olympiade in Sotschi sind 50 Prozent der Gelder in den Taschen Kreml-naher Oligarchen verschwunden“, prangert Leonid Martynjuk an. Er hatte mit dem inzwischen ermordeten Oppositionspolitiker Boris Nemzow die Korruption in Sotschi in einem gemeinsamen Buch genau nachgewiesen, floh ins Exil in die USA. „Russland ist ein Mafiastaat, und die Kosten steigen zweimal, dreimal, viermal. Ohne Ausschreibung gehen Aufträge an enge Putin-Freunde wie die Rotenbergs und Timtschenko.“

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Russlands Präsident ist der größte Profiteur der WM im eigenen Land, der bis dato teuersten der Geschichte. Aber nicht alles lief im Vorfeld glatt.

Statt geplanter 200 Millionen Dollar verschlang der Bau des Stadions in Putins Heimatstadt St. Petersburg fast 1,5 Milliarden Dollar – es ist nun die teuerste Fußball-Arena der Welt. Aber: „Die ganze Geschichte des Baus ist eine Schande. Wir zeigen der Welt damit nicht unsere Macht, sondern unsere grenzenlose Korruption“, kritisiert der St. Petersburger Abgeordnete Maksim Resnik.

In Saudi-Arabien kämpft Kronprinz Mohammed bin Salman entschlossen gegen Korruption. Über 100 Milliarden Dollar hatten Unternehmer und Staatsbeamte ins Budget gespült zur Wiedergutmachung im Zuge einer beispiellosen Inhaftierungswelle Ende vorigen Jahres. Gleichzeitig wurden Spekulationen über den megateuren Kauf einer Luxusyacht und eines Gemäldes durch den erst 32 Jahre alten Thronfolger bekannt. Und zuletzt das Verschenken von Luxusuhren und die auf Staatskosten erfolgte Unterbringung in Edelhotels von Fußball-Funktionären, die dem saudischen Plan der Gründung einer eigenen südwest-asiatischen Fußball-Föderation zustimmen sollten. Mit ihr will Riad nun im Ballsport das große Rad drehen.

Gastarbeiter mit miesen Arbeitsbedingungen

Für ihr Millionenheer von Gastarbeitern aus Pakistan, Indien, Bangladesch, Nepal, Ägypten, dem Libanon und Palästina sind die Golfstaaten ebenso berühmt wie berüchtigt. Es erledigt dort fast alles: den Bau neuer Hochhäuser und Stadien, das Ausheben von U-Bahn-Schächten, die Dienste als Fahrer von Familien, als Rezeptionisten in Hotels oder als Kassierer in Banken.

Weniger bekannt ist, dass auch Russland ohne Gastarbeiter zumeist aus zentralasiatischen früheren Sowjetrepubliken weder Bauten noch Müllabfuhr organisiert bekäme.

Mindestens 17 Gastarbeiter starben beim Bau der WM-Stadien und Infrastrukturprojekten in Russland, hat die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch ermittelt. „In großem Stil wurden beim Stadionbau in St. Petersburg Gastarbeiter aus Nordkorea eingesetzt unter unmenschlichen Bedingungen, oft 20 Stunden am Tag und monatelang nicht bezahlt, später wurden Gastarbeiter aus Usbekistan und Tadschikistan angeheuert und abgespeist“, berichtet Dmitri Schukarjow von Transparency International in der Newa-Metropole.

Autoritärer Staat

Dass unter Putin Russland zur laut Ex-Kanzler Gerhard Schröder „lupenreinen Demokratie“ wurde, ist weithin bekannt. Zuletzt wurde Oppositionsführer Alexej Nawalnyj wieder einmal inhaftiert.

In Saudi-Arabiens absolutistischer Monarchie sieht es kaum anders aus: 17 liberale Aktivisten – darunter neun Frauen – wurden zuletzt festgenommen. Ihr Vergehen laut „Economist“: dass sie Rechte erkämpfen wollten statt geduldig darauf zu warten, dass der Monarch sie ihnen gnädig gewährt. Zudem habe Kronprinz Mohammed bin Salman Medienhäuser und große Konzerne übernommen oder enge Vertraute dort in Führungspositionen installiert. Unterschiede zu Putin?

Privatwirtschaft

Genauso ähnlich sind sich beide Länder auch in ihren Wirtschaftsmodellen. Offiziell werden sie als kapitalistische Staaten wahrgenommen. Doch es herrscht vor allem Staatskapitalismus. Rosneft, Aramco, Gazprom, Sabic – die Unternehmenswelt in beiden Staaten ist von staatlich kontrollierten Konzernen dominiert.

Und noch eine Übereinstimmung gibt es: Ob Putin oder Kronprinz MbS – beide predigen die bedeutende Rolle von Mittelstand und Privatsektor. Passiert ist nicht viel. Nur in Sachen Privatisierung hat Saudi-Arabien heute mehr Projekte in der Pipeline als Russland.

Umweltverschmutzung

Hier gibt es tatsächlich große Gemeinsamkeiten zwischen beiden Ländern. Saudi-Arabien hat nach den USA einen der höchsten Pro-Kopf-Energieverbräuche der Welt. Und Russlands Energieverschwendung ist mittlerweile legendär. Bis heute kann man in vielen Wohnblocks die Heizungen nicht regulieren und muss bei zu großer Hitze einfach Fenster öffnen. Während in Saudi-Arabien bis heute über Klimaanlagen viel zu niedrige Temperaturen in Zimmern erzeugt werden.

Sportlich: Das Trainer-Problem

In Russland steht der frühere Dynamo-Dresden-Torwart Stanislaw Tschertschessow an der Seitenlinie. Aber seit 1992 gab es insgesamt neun Nationaltrainer bei der „Sbornaja“, wie Russlands Team genannt wird.

Saudi-Arabien ist da kaum anders. Dort gab es seit 1992 bis heute 35 Trainerwechsel. Darunter waren so berühmte Coachs wie der Niederländer Leo Beenhakker, der aus Köln stammende heutige Afghanistan-Trainer Otto Pfister oder die Holländer Frank Rijkaard und Bert van Marwijk. Der Ex-HSV- und Dortmund-Coach erkämpfte für die Al-Akhdhar Al-Suqour – die „grünen Falken“ – die WM-Qualifikation. Doch die Vertragsverlängerung scheiterte, weil van Marwijk nicht dauerhaft in der Wüste wohnen wollte.
Mit Juan Antonio Pizzi vertrauen die „grünen Falken“ nun dem in Argentinien geborenen früheren Profi von Barcelona, der 22 Mal für Spaniens Nationalteam auflief (auch bei der WM 1998 und der EM 1996) und der 2016 als chilenischer Nationaltrainer die Copa America, Südamerikas Meistertitel, holte und 2017 Chile zum zweiten Platz beim Konföderationenpokal führte (0:1 gegen Deutschland in St.Petersburg).

Russlands Umgang mit Trainern ist kaum weniger skandalös: Mit Guus Hiddink heuerten die Russen einen Top-Trainer an, der sie 2008 zur EM in Österreich und die Schweiz führte, dort aber scheiterte. Er wechselte dann zum FC Chelsea, dem Londoner Klub des Oligarchen Roman Abramowitsch. Ein anderer Oligarch, Alischer Usmanow, musste am Ende die offenen Rechnungen nach dem skandalösen Rauswurf des Trainer-Stars Capello – der umgerechnet etwa 15 Millionen Euro Vertragsstrafe für die Kündigung vereinbart hatte – begleichen.

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