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Fußball-WM 2018

13.06.2018

19:56 Uhr

Teures Turnier

Wie Putin Russlands Image mit Fußball aufpoliert – und seins gleich mit

VonAndré Ballin

Russlands Präsident ist der größte Profiteur der WM im eigenen Land, der bis dato teuersten der Geschichte. Aber nicht alles lief im Vorfeld glatt.

WM in Russland

„Sport steht jenseits der Politik“ – Fifa und Putin loben sich gegenseitig

WM in Russland: „Sport steht jenseits der Politik“ – Fifa und Putin loben sich gegenseitig

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MoskauIm Hintergrund glänzt das weiße, frisch renovierte Moskauer Luschniki-Stadion unter einem blitzblauen Himmel, als Russlands früherer Fußball-Nationaltrainer Waleri Gassajew zu einer Lob- und Dankrede auf den russischen Präsidenten ansetzt: „Sie sind im Geiste ein Gewinner. Ein herzliches Dankeschön an Sie, dass wir heute die Weltmeisterschaft durchführen und feiern können“, sagt der 63-jährige Schnauzbartträger, als er während des TV-Auftritts von Wladimir Putin zugeschaltet wird.

Gassajew hat als vierfacher Meistertrainer und Gewinner des Uefa-Cups mit ZSKA Moskau durchaus Gewicht im russischen Fußball. Gegenüber Putin ist von diesem Selbstbewusstsein aber nichts zu merken. Stattdessen legt er untertänigst Rechenschaft darüber ab, was er und andere Funktionäre getan haben, um zum Gelingen der WM beizutragen. Er verstehe durchaus, dass der Kremlchef mit der politischen Lage ausgelastet sei, aber „bleiben Sie dem Fußball auch nach dem Championat gewogen“, bittet er Putin.

Im russischsprachigen Internet führte Gassajews Unterwürfigkeit zu Spott, doch die Episode macht eins überdeutlich: Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ist mehr als alles andere eine Putin-Show.

Russland zurück auf der großen Bühne

Sie erhöht seinen Nimbus bei den Russen. Die Austragung der WM gilt ihnen – ähnlich wie die Winterspiele 2014 in Sotschi – als persönliche Errungenschaft Putins, als ein weiterer Beweis dafür, dass er das Land auf die große internationale Bühne zurückgeholt hat. Nicht ganz zu Unrecht, schließlich dürfte die öffentlich zelebrierte Freundschaft zwischen ihm und Ex-Fifa-Chef Sepp Blatter eine wichtige Rolle bei der Vergabe gespielt haben.

Putin hat Blatter, obwohl inzwischen von der Fifa gesperrt, zum Eröffnungsspiel eingeladen. 2015, auf dem Höhepunkt der Korruptionsaffäre beim Weltverband, schlug er den Schweizer gar für den Friedensnobelpreis vor. Der Vorschlag ging ins Leere, die WM aber hat Russland sicher – und die Russen sind damit zufrieden.

Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts FOM zufolge stehen 74 Prozent der Bevölkerung dem Großereignis positiv gegenüber. Neben der Stärkung von Image und Patriotismus nannten die Befragten auch die Verbesserung der Infrastruktur und künftig zu erwartende sportliche Erfolge als Gründe für ihre Zustimmung.

Die russische Führung hat bei der Organisation keine Kosten gescheut, um als Gastgeber zu glänzen. WM-Stadien und moderne Trainingsanlagen sollen nicht nur die 32 teilnehmenden Teams beeindrucken, sondern nach der WM eine solide Basis für die weitere Entwicklung des Fußballs in Russland bilden. Neben den WM-Arenen wurden rund 100 Stadien mit kleinerem Fassungsvermögen aufgebaut – jetzt sind es 1.900 im Land.

Die Zahl der Fußballfelder hat sich in den letzten Jahren von 18.000 auf 26.000 erhöht. Der Stadionbesuch werde künftig zu einem „Familienausflug“, zeigte sich Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow gegenüber dem Handelsblatt optimistisch. Bei Zuschauerzahlen von dürftigen 14.000 Fans pro Spiel braucht die russische Premierliga diesen Impuls dringend. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten, dazu müsste die „Sbornaja“ beim Turnier mit Erfolgen auch einige Euphorie entfachen.

Kosten in Rekordhöhe

Einen Rekord hat die WM aber schon vor dem Start sicher: An Kosten übertrifft sie alle Vorgänger. Nach offiziellen Angaben liegen die Ausgaben zwischen zwölf und 14 Milliarden Dollar. Ursprünglich hatte Putin eine Summe von weniger als zehn Milliarden Dollar veranschlagt.

Doch obwohl die Zahl der WM-Stadien im Laufe der Planungen von 16 auf zwölf und die Zahl der Ausrichterstädte von 14 auf elf schrumpften, stiegen die Kosten immer weiter an. Grund dafür sind auch zahlreiche Bauskandale. Russland ist da kein Einzelfall. Auch bei den Vorgängerturnieren erwies sich der Kostenvoranschlag meist als zu niedrig.

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Die Fußball-WM wird dominiert von einem Verband, der seine Reformanstrengungen weitgehend eingestellt hat – und sich unabhängiger Kontrolle entzieht.

Auffällig in Russland ist jedoch, wie oft bei großen staatlichen Bauaufträgen Oligarchen zum Zuge kommen, denen eine Nähe zum Kremlchef nachgesagt wird: Auch bei der WM zählen Arkadi Rotenberg, Gennadi Timtschenko und Oleg Deripaska zu den größten Bauherren. Timtschenko, mit rund 16 Milliarden Dollar Vermögen die Nummer fünf auf der russischen „Forbes“-Liste, hat Aufträge über 450 Millionen Euro eingesammelt.

Seine „Stroitransgas“ hat dafür den Stadionbau in Wolgograd und Nischni Nowgorod übernommen. Zwischenzeitlich wollte der Milliardär schon auf die Aufträge verzichten – sauer, weil er beim Stadionbau weniger verdienen sollte als seine Kollegen. Dann gab es einen Aufschlag, und Timtschenko erledigte den Job – wenn auch in Wolgograd auf den letzten Drücker.

Verzögerungen auf den WM-Baustellen waren keine Seltenheit: Der größte Skandal entwickelte sich um den Bau des Petersburger Stadions: Um satte fünf Jahre musste die Eröffnung aufgeschoben werden. Zudem lagen die Kosten schließlich beim fast Siebenfachen des ursprünglich Veranschlagten.

Wirtschaftskrise vereitelt Bahnprojekt

Deripaska, dessen „Transstroi“ den Bau begonnen hatte, schmiss 2014 hin, für einen anderen Milliardär – Sijawudin Magomedow – wurde das Projekt zum Verhängnis. Da Magomedow nicht nur in Petersburg, sondern auch am WM-Standort Kaliningrad mit den Bauarbeiten ins Hintertreffen geriet, entlud sich der Ärger des Kremls schließlich in einem Strafverfahren.

Derzeit sitzt der Milliardär wegen des Vorwurfs millionenschwerer Unterschlagung in einem Moskauer Untersuchungsgefängnis. Eine derartige Abrechnung muss Arkadi Rotenberg nicht fürchten. Der „König der Staatsaufträge“ ist auch bei der WM-Vorbereitung Krösus. Aufträge im Wert von 351 Milliarden Rubel zog er an Land, das sind nach dem Kursrutsch der Landeswährung rund fünf Milliarden Euro.

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Damit hat der Judo-Partner Putins vor allem Infrastrukturobjekte gebaut – die Flughäfen in Nischni Nowgorod und Rostow-am-Don, Terminal und Rollbahn für den Moskauer Flughafen Scheremetjewo, von dessen dubioser Privatisierung er vor einigen Jahren profitierte. Die Autobahn ist offiziell kein WM-Projekt, sollte aber zur Eröffnung des Turniers fertig sein.

Ein weiteres gigantisches Projekt fiel der Wirtschaftskrise zum Opfer: Die russische Bahn wollte ursprünglich für 25 Milliarden Euro eine Highspeedverbindung von Moskau nach Kasan zur WM bauen. An dem Projekt war auch Siemens interessiert, doch die Münchener wurden nach dem Ukrainekonflikt und den wechselseitigen Sanktionen von Putin ausgebremst.

Der Kremlchef hoffte stattdessen, dass die Chinesen Bau und Finanzierung übernehmen, doch die wollten zwar bauen, aber nicht zahlen. So existiert die Schnellstrecke nur auf dem Papier.

Die WM-Gäste werden von den Problemen wenig mitbekommen. Für sie wird die WM zweifellos eine große Party. Was im Anschluss mit dem Stadien geschieht, steht nicht fest. Ein Konzept fehlt.

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Kommentare (1)

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Herr J.-Fr. Pella

14.06.2018, 13:59 Uhr

Wieder einmal muß ich lesen und dabei feststellen, dass die Springermedien durchaus ihre Spuren hinterlassen haben, vor allen Dingen wenn es darum geht, Russland negativ zu beurteilen.
In den zurück liegenden Jahrzehnten gab es k e i n Gastgeberland, welches ohne Fehl und Tadel eine Fußball-WM ausgerichtet hätte.
Selbst Deutschland hatte "Dreck am Stecken".
Weshalb dann dieser Artikel????
Als ich das neue ABO abgeschlossen hatte, versprachen sie doch Besserung, oder?

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