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19.08.2020

04:02

Christiane Benner

IG-Metall-Vorständin: „Arbeit 4.0 braucht Mitbestimmung 4.0“

Von: Frank Specht

Die Corona-Pandemie war ein „Schnellkurs für Digitalisierung“, sagt die Gewerkschafterin Christiane Benner. Dafür brauche es aber klare Regeln – etwa Recht auf Nicht-Erreichbarkeit.

„Die Arbeitgeber müssen sich bei strategischen Fragen mit uns an einen Tisch setzen.“ imago/sepp spiegl

IG-Metall-Vizechefin Christiane Benner

„Die Arbeitgeber müssen sich bei strategischen Fragen mit uns an einen Tisch setzen.“

Frau Benner, die Coronakrise treibt in vielen Bereichen die Digitalisierung vorn. Wie zeigt sich das bei der IG Metall?
Wir sind durch die Pandemie zu einem Schnellkurs gezwungen worden, haben unsere 155 Geschäftsstellen mit Lizenzen für Videokonferenzen wie beispielsweise Zoom ausgestattet. Wir haben aber auch Push-Nachrichten über unsere App verschickt, wie Kurzarbeitergeld berechnet wird oder welche Gesetzesänderungen es gab. Wir sind digital schneller und besser geworden.

Corona hat auch der digitalen Arbeit aus dem Homeoffice Schwung verliehen. Wird der von Dauer sein?
Wir haben erlebt, dass plötzlich ganz viel ging, wogegen sich manche Arbeitgeber vorher gesperrt hatten. Die Beschäftigten schätzen Flexibilität, aber wir brauchen ganz klare Regelungen und Bedingungen fürs Homeoffice, auch ein Recht auf Nicht-Erreichbarkeit. Arbeitnehmer könnten gesetzlich das Recht bekommen, auf Wunsch zeitweise im Homeoffice zu arbeiten. Und der Arbeitgeber müsste begründen, falls und vor allem warum das nicht geht.

Ist Heimarbeit nicht ein Karrierekiller nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn?
Stärken zu entdecken und jemanden zu fördern, das funktioniert sicher eher im Miteinander. Wir setzen ja auf eine Mischform aus Homeoffice und Anwesenheit im Betrieb. Beschäftigte, die einen Teil ihrer Arbeit zu Hause erledigen, dürfen bei Entwicklung, Aufstieg und der Qualifizierung nicht außen vor bleiben.

Welche Gestaltungsmöglichkeiten haben Gewerkschaften denn überhaupt in der digitalen Arbeitswelt?
Unsere Industrie verändert sich rasant, denken Sie beispielsweise an das autonome Fahren. Aber wir wissen aus Erhebungen auch: 50 Prozent der Unternehmen in unserem Organisationsbereich haben noch keine Strategie, wie sie auf den Wandel reagieren oder welches Geschäftsmodell sie verfolgen wollen. Dem möchten wir beispielsweise mit tariflich geregelten „Transformationsausschüssen“ und einem Initiativrecht bei Qualifizierung entgegenwirken. Die Arbeitgeber müssen sich bei strategischen Fragen mit uns an einen Tisch setzen.

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    Wie passen Mitbestimmung und Betriebsrat zum agilen Arbeiten?
    Produkte werden in immer kürzeren Zyklen entwickelt und an die Kundenwünsche angepasst. Da braucht es neue Arbeitsformen wie agiles Arbeiten. Aber auch hier müssen Rahmenbedingungen gelten, damit die Beschäftigten vor zu hoher Belastung geschützt werden und irgendwann auch mal nach Hause gehen können. Wir wollen neue Geschäftsmodelle ermöglichen und gleichzeitig einen Schutz vor Leistungsverdichtung. Die Arbeitswelt 4.0 braucht Mitbestimmung 4.0 und einen Sozialstaat 4.0.

    Frau Benner, vielen Dank für das Interview.

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