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17.02.2020

08:56

#DigitalDictionary

Infodemie – Stille Post auf Speed

Von: Daniel Rettig

Wer schon heute das Morgen verstehen will, muss die Sprache der Zukunft sprechen. Dabei hilft das digital dictionary unserer digitalen Bildungsplattform ada. Folge 32: die Infodemie.

Mitglieder eines medizinischen Teams mit Mundschutz stehen zusammen und schwören einen Eid, bevor sie nach Wuhan in der zentralchinesischen Provinz Hubei aufbrechen. dpa

Coronavirus

Mitglieder eines medizinischen Teams mit Mundschutz stehen zusammen und schwören einen Eid, bevor sie nach Wuhan in der zentralchinesischen Provinz Hubei aufbrechen.

Düsseldorf Es lässt sich nicht sagen, wie viele Menschenleben das mysteriöse Coronavirus alias Covid19 noch kosten oder wann es ein Gegenmittel geben wird. Aber fest steht schon jetzt, dass der Erreger die erste Social-Media-getriebene Infodemie ist. Und dass in einigen Jahren Fallstudien darüber geschrieben werden dürften, wie die offiziellen Institutionen damit umgingen.

Den Begriff Infodemie, eine Mischung aus den Wörtern Information und Epidemie, prägte bereits im Jahr 2003 der amerikanische Politikwissenschaftler und Autor David Rothkopf. Rückblickend betrachtet ist dessen Aufsatz für die „Washington Post“ erstaunlich visionär. Denn er beschrieb schon damals gewisse Mechanismen, die erst heute so richtig wirksam werden.

Zur Erinnerung: Damals gab es eine weltweite Pandemie des Schweren Akuten Atemwegssyndroms, kurz SARS. Doch parallel zur Ausbreitung der Krankheit beobachtete Rothkopf eine weitere Epidemie: „Man nehme ein paar Fakten, mische sie mit Angst, Spekulationen und Gerüchten – und verbreite sie mithilfe moderner Informationstechnologien schnell und weltweit.“ Fertig ist die Infodemie, eine Art Stille Post auf Speed.

Rothkopf warnte schon damals vor deren Folgen: „Durch das Internet oder durch Medien verbreitete Viren lösen globale Panik aus, verursachen irrationales Verhalten und trüben unsere Sicht auf die wirklich wichtigen Probleme.“ Wer würde da nicht an die aktuelle Situation denken.

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    Ja, Pandemien gibt es schon lange, und sie sorgten immer für Ängste. Aber in der heutigen Situation, in denen die traditionellen Medien ihre Rolle als Gatekeeper verloren haben und sich jeder Quacksalber im Netz als Medizinexperte positionieren kann, ist es schwieriger, Wahnsinn von Wahrheit zu unterscheiden.

    Und solche Fehlinformationen sorgen für unnötige Angst und Panik – und unter Umständen für fehlgeleitetes Misstrauen in die wirklich validen Informationen. Erst recht in einer Situation, die emotional so aufgeladen ist.

    ada - Heute das Morgen verstehen

    Kein Wunder, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Coronavirus in einem offiziellen Bericht (.pdf) Anfang Februar ebenfalls als Infodemie bezeichnete. Es herrsche „ein Überfluss an Informationen“, von denen einige präzise seien und andere nicht – und das erschwere es den Menschen, „vertrauenswürdige Quellen und verlässliche Beratung zu finden, wenn sie sie brauchen“.

    Die WHO muss sich in diesen Tagen vorkommen wie der Kapitän eines Schiffs, der das eindringende Wasser mit einem Eimer bekämpft: Sobald er es an der einen Stelle herausgeschippt hat, ist an anderer Stelle schon wieder neues ins Schiff geströmt.

    Die Organisation versucht nach Kräften, dem technologischen Wandel zu begegnen. Vom Hauptquartier in Genf überwacht sie 24 Stunden am Tag die gängigsten Gerüchte und reagiert in einem evidenzbasierten Faktencheck so schnell wie möglich. Sie hat sich mit Twitter, Facebook, Tencent und TikTok zusammengetan, um Fake News rund um das Virus zu korrigieren. Und einem Bericht der MIT Tech Review zufolge kooperiert sie sogar mit asiatischen Influencer*innen, damit die ihre Follower mit validen Informationen versorgen. Neue Probleme erfordern neue Lösungen.

    Die Reaktion der WHO verdeutlicht, dass sich einerseits Institutionen auf die neuen Kommunikationswege einstellen müssen. Andererseits müssen sich auch die Medienkonsument*innen selber ein Stück weit anpassen – und bei aller verständlichen Neugier geduldig und wachsam bleiben.

    Zugegeben, ein Zwiespalt. Wie man den löst? Donald McNeil berichtet seit dem Jahr 2002 für die „New York Times“ über Infektionskrankheiten. In einem Interview berichtete er neulich, dass er seit einigen Jahren ständig zwei Fragen im Kopf habe: Schüre ich jetzt schon Angst? Oder schüre ich noch nicht genug Angst? „Ich versuche, Wahrheit statt Panik zu verbreiten“, sagt McNeil, „auch wenn ich dafür etwas länger brauche.“

    Wie heißt es in einem Leitsatz für alle angehenden Journalist*innen: „Be first, but first be right.“

    Mehr: Daniel Rettig ist Redaktionsleiter der digitalen Bildungsplattform ada. Wenn auch Sie schon heute das Morgen verstehen wollen, schauen Sie doch mal vorbei: join-ada.com

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