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09.03.2020

09:05

#DigitalDictionary

Orthosomnie – Die Jagd nach dem perfekten Schlaf

Von: Milena Merten

Wer schon heute das Morgen verstehen will, muss die Sprache der Zukunft sprechen. Dabei hilft das digital dictionary unserer digitalen Bildungsplattform ada. Folge 35: die Orthosomnie.

Fitnesstracker können nicht nur ungenau sein, sondern Nutzer*innen auch mit einer Fülle an Daten überfordern, die sie gar nicht richtig interpretieren können. obs

Gut schlafen

Fitnesstracker können nicht nur ungenau sein, sondern Nutzer*innen auch mit einer Fülle an Daten überfordern, die sie gar nicht richtig interpretieren können.

Düsseldorf Die Bettdecke sorgt für die optimale Temperatur, das Kissen passt seine Form an, um das Einatmen zu erleichtern und Schnarchen zu verhindern, der Lichtwecker simuliert den Sonnenaufgang und weckt mit sanftem Vogelzwitschern, und am Morgen vermeldet die App auf dem Smartphone, wie geruhsam die Nacht war – auf Grundlage der Daten zu Herzfrequenz, Blutdruck und Wachzeiten, die die Smart Watch im Schlaf gemessen hat. 

Dank Technologie kann heutzutage jede*r sein Schlaferlebnis rundum analysieren und optimieren. Immer mehr digitale Hilfsmittel kommen auf den Markt: Tracking-Uhren, -Ringe oder -Stirnbänder, smarte Kissen, Decken oder Matratzen sollen die Quantität und Qualität der Erholung im Bett messen. Das ultimative Ziel: ein maximaler Schlaf-Score von 100.

Auf 27 Milliarden US-Dollar soll der Markt für Schlaftechnologien in den kommenden fünf Jahren wachsen, schätzt der US-Marktforscher Global Market Insights. Denn: Der Bedarf steigt. Laut Barmer Gesundheitsreport 2019 klagen immer mehr Menschen über Schlafstörungen, wachen nachts mehrmals auf, fühlen sich morgens wie gerädert. Mehr als eine Million Erwerbstätige sind betroffen, Tendenz steigend.

Galt es früher noch als schick, mit wenig Schlaf auszukommen und Teil des „5-Uhr-Clubs“ zu sein, ist Schlafmangel heute ähnlich verpönt wie das Rauchen. Studien zufolge ist er verantwortlich für Konzentrationsmangel und schlechte Stimmung, führt zu einer höheren Fehlerquote und zu verminderter Urteilskraft. Ausreichender Schlaf ist das neue Statussymbol. Acht Stunden Nachtruhe und geregelte Ein- und Aufwachzeiten gelten als Optimum, machen fokussierter, gesünder, leistungsfähiger.

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    Genau daran knüpft die Sleep-Tech-Industrie an, mit dem Versprechen, den Schlaf zu perfektionieren, um für maximale Erholung zu sorgen. Der Plan geht auf: Im Netz finden sich zahlreiche Erfahrungsberichte von Menschen, die es mithilfe diverser Tracker und Apps geschafft haben, besser zu schlafen und ihre Erkenntnisse mit anderen teilen. Viele von ihnen setzen sich konkrete Ziele – etwa, den Anteil der Tiefschlafphasen zu erhöhen – und führen akribisch Tabellen, in denen sie Messwerte aus verschiedenen Quellen vergleichen.

    ada - Heute das Morgen verstehen

    Die Obsession mit dem perfekten Schlaf kann allerdings auch zu weit gehen. Und zwar dann, wenn sie den Optimierungswütigen schlaflose Nächte bereitet. Orthosomnie nennt das die Fachwelt, eine Wortschöpfung aus Insomnie – Schlafstörung – und Orthorexie, der zwanghaften Beschäftigung mit einer gesunden Ernährung.

    Fünf US-Forscher*innen beschrieben in einer Studie im Journal of Clinical Sleep Medicine Fallbeispiele von Patient*innen, die medizinische Hilfe suchten, weil ihre Fitnessuhren ihnen einen unruhigen Schlaf attestierten. Sie verbrachten daraufhin übertrieben viel Zeit im Bett, um ihre Werte zu verbessern, und schliefen in der Folge noch schlechter. Eine Patientin ließ sich im Schlaflabor auf Atemstörungen untersuchen. Ihr Ergebnis: Alles in Ordnung, während der Untersuchung hatte sie tief und fest geschlafen. Doch die Diagnose überzeugte sie nicht: „Warum sagt meine Fitbit dann, dass ich schlecht schlafe?“

    Fitnesstracker können nicht nur ungenau sein, sondern Nutzer*innen auch mit einer Fülle an Daten überfordern, die sie gar nicht richtig interpretieren können. Und: Die moderne Schlafforschung legt nahe, dass die Technologie ohnehin nicht ganz unschuldig ist an der zunehmend verbreiteten Schlaflosigkeit. Exzessive Bildschirmnutzung, insbesondere kurz vorm Schlafengehen, hemmt die Produktion des Schlafhormons Melatonin. Wer Probleme beim Ein- und Durchschlafen hat, sollte seine technischen Geräte nachts also bestenfalls auch ruhen lassen – am besten in einem anderen Raum.

    Mehr: Milena Merten ist Redakteurin bei der digitalen Bildungsplattform ada. Wenn auch Sie schon heute das Morgen verstehen wollen, schauen Sie doch mal vorbei: join-ada.com

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