Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

26.02.2020

04:00

Digitale Revolution

Hightech-Pionier Sebastian Thrun: „KI ist ein Werkzeug wie eine Schaufel“

Von: Torsten Riecke

Der Gründer des Google-X-Labors warnt davor, die Chancen der Technologie durch übereilte Regulierung zu zerstören. Für ihn kommen strikte Regeln zu früh.

„Ich habe zu Hause mehrere iPads und mehrere Sprachassistenten, und die Regierung hat mich bis heute nicht damit unterdrückt.“ Reuters, AP Photo, Shutterstock, Google Inc (M)

Sebastian Thrun

„Ich habe zu Hause mehrere iPads und mehrere Sprachassistenten, und die Regierung hat mich bis heute nicht damit unterdrückt.“

Berlin Sebastian Thrun fühlt sich sichtlich wohl inmitten feinfühliger Roboter, mitdenkender Häuser und autonom fahrender Elektroautos. Immer wieder wandert der Blick des Technologie-Pioniers interessiert durch das geschäftige Treiben der Bosch Connected World.

Die Hausmesse des Stuttgarter Technologie-Unternehmens ist in der deutschen Hightech-Branche einer der wichtigsten Treffpunkte im Jahr für das Internet der Dinge (IoT). Dass die Digital-Show in diesem Jahr in den Hallen des alten Postbahnhofs in Berlin-Kreuzberg stattfindet, sorgt für das passende Start-up-Flair.

Weitere Artikel aus dem Handelsblatt-Spezial „Digitale Revolution“

Heute ist der rote Backsteinbau unter dem Namen Station Berlin ein Ausstellungszentrum für die vernetzte Welt von morgen. Künstliche Intelligenz (KI) spielt darin eine entscheidende Rolle – doch nicht allen ist wohl bei dem Gedanken, dass intelligente Maschinen immer stärker unser Leben bestimmen: In Deutschland, in der EU und auch in den USA sehen Politiker und Manager die Entwicklung nicht nur positiv – es mehren sich die Forderungen nach Regeln für den Einsatz von KI.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Sebastian Thrun müsste die Gefahren eigentlich am besten kennen. Der 52-jährige Gründer von Googles Zukunftsfabrik X ist einer der bekanntesten Hightech-Pioniere, die Deutschland bislang hervorgebracht hat. Künstliche Intelligenz gehört zu seiner DNA: Er war unter anderem Professor für KI an der US-Eliteuniversität Stanford. Wie denkt jemand, der zu den Ikonen des Silicon Valleys gehört, über die Technologie-Ängste?

    „Risiken gibt es in der Tat, wie bei vielen neuen Technologien deren Reichweite noch unklar ist“, räumt Thrun ein und betont, dass „bei Technologien, bei denen der Missbrauch zu großen und irreparablen Schäden führen kann, eine proaktive Regulierung sehr wichtig ist“.

    Dabei meint er aber nicht Künstliche Intelligenz, sondern vor allem Nuklearwaffen. „Für KI kommen strikte Regeln zu früh, weil wir noch gar nicht wissen, wo der Missbrauch liegen kann“, sagt der Tüftler. Selbst ein Missbrauch von Künstlicher Intelligenz sei nicht so gravierend wie der von Nuklearwaffen. „Deshalb glaube ich, dass wir die Regulierung von KI eher schrittweise verbessern sollten, anstatt schon jetzt unüberwindliche Hürden aufzubauen.“

    Wir haben uns an einen Stehtisch zurückgezogen, im Hintergrund fachsimpeln Messebesucher über neue Sensoren, die Augen und Ohren einer immer stärker vernetzten Welt.

    Vita Sebastian Thrun

    Der Tüftler

    Der 1967 in Solingen geborene Thrun studierte Informatik, Medizin und Ökonomie in Hildesheim und Bonn. 2003 wechselte er als Professor für Künstliche Intelligenz an die amerikanische Eliteuniversität Stanford. Thrun interessierte sich besonders für selbstfahrende Autos und gewann zusammen mit dem Racing Team der Universität und einem selbstentwickelten Modell 2005 die „Grand Challenge“ der US-Militärforschungsbehörde DARPA. 2011 bat ihn Google-Mitgründer Larry Page, für den Technologiekonzern das geheime Forschungslabor „Google X“ aufzubauen. Unter seiner Leitung wurden dort das smarte Google Glass und die „Street-View-Autos“ entwickelt.

    Der Pionier-Unternehmer

    Schon während seiner Zeit in Stanford bot Sebastian Thrun eine der ersten Online-Vorlesungen („Massive Open Online Courses“, MOOC) zur Künstlichen Intelligenz an. Rund 160.000 Studenten aus 190 Ländern nahmen daran teil. Mit dieser Idee im Gepäck gründete Thrun dann zusammen mit Peter Norvig die Online-Akademie Udacity. Heute leitet der inzwischen 52-jährige auch das US-Unternehmen Kitty Hawk, ein Anbieter von elektrischen Flugtaxis. Seine Vision: zur Arbeit fliegen, statt zur Arbeit zu fahren.

    Es gebe eine ganze Reihe von sehr vielversprechenden Anwendungsmöglichkeiten von KI, sagt Thrun. Dafür müsse man weiterhin Grundlagenforschung betreiben und dürfe positiven Entwicklungen nicht mit voreiligen Regeln blockieren. „Bei Künstlicher Intelligenz sollten wir bitte abwarten, ob es wirklich zu Missbräuchen kommt, und dann zusammen mit den Unternehmen und der Politik eingreifen“, fordert der in Solingen geborene Robotik-Spezialist.

    Nicht alle teilen Thruns Glaube an den Segen des technischen Fortschritts: „Die größte Gefahr ist, dass Künstliche Intelligenz von einigen Wenigen ausgenutzt wird, um wirtschaftlichen Profit zu machen oder politische Macht zu gewinnen“, warnte Armin Grunwald im Handelsblatt. Der Physiker leitet das Büro für die Technikfolgen-Abschätzung des Bundestages. Die Europäische Union hat gerade in einem Weißbuch vor den Gefahren von Künstlicher Intelligenz gewarnt und strikte Regeln gegen den Missbrauch gefordert.

    Und selbst in den als technikaffin geltenden USA zeigen sich CEOs von Tech-Konzernen besorgt: Microsoft-Präsident Brad Smith fordert seit Langem staatliche Regeln für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Und selbst Alphabet-Chef Sundar Pichai erkannte beim Weltwirtschaftsforum in Davos die Risiken der intelligenten Gesichtserkennung an.

    „Eine Gedankenpolizei habe ich noch nicht gesehen“

    „Für mich ist KI ein Werkzeug, so wie eine Schaufel ein Werkzeug ist. Jedes Werkzeug kann missbraucht werden“, beharrt Thrun. Es sei daher sehr wichtig, dass wir Regeln schafften, die den Missbrauch minimierten, aber die Vorteile nicht ausschlössen. Einen Widerspruch zur Haltung der EU sieht er darin nicht unbedingt: „Das Weißbuch sagt zu Recht, dass der Schutz des Individualbürgers ganz vorne stehen muss.“ Zudem fordert Thrun einen „breiten gesellschaftlichen Dialog“ über die neuen Technologien.

    Dass KI autoritäre Regime begünstigen könnte, indem sie etwa Repression wie in China erleichtere, sieht er nicht: „Da gibt es viele Gegenbeispiele“, sagt der heutige Technologie-Unternehmer und verweist auf die Rolle der sozialen Medien beim „Arabischen Frühling“.

    Die neuen Technologien hätten dazu beigetragen, dass der Austausch von Informationen immer demokratischer geworden sei. „In vielen totalitären Ländern, wie zum Beispiel Russland, freuen sich die Regierungen nicht über die verschlüsselte Video-App TikTok.“

    Warum tun sich gerade Deutschland und Europa dennoch oftmals so schwer mit der Digitalisierung und Innovation? „Deutschland hat eine andere Geschichte als Amerika. Wir kennen die Kollektivschuld nach dem Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg mit der Stasi.“ Das seien auch für ihn prägende Erinnerungen. „Deshalb ist Deutschland beim Schutz der Privatsphäre weltweit vorn.“ In den USA gebe es eine ähnliche Historie nicht. „Amerika ist ein sehr junges Land, das sehr technologie- und innovationsfreudig ist. Ohne diesen Grundoptimismus würden wir viele Dinge nicht ausprobieren und nicht herausfinden, wo die Chancen der neuen Technologien liegen.“

    Er würde sich wünschen, „dass wir in Deutschland nicht weniger vorsichtig, aber etwas weniger skeptisch auf den technologischen Wandel blicken.“ Und: „Schauen Sie auf die vielen Start-ups in Berlin und München. Die Risikobereitschaft hat zugenommen. Es gibt mehrere kleine Firmen, die heute eine Milliarde Euro wert sind. Deutschland hat durchaus Grund, sich auch mal auf die Schulter zu klopfen.“

    Handelsblatt Live

    Künstliche Intelligenz – wie gefährlich ist sie wirklich?

    Handelsblatt Live: Künstliche Intelligenz – wie gefährlich ist sie wirklich?

    Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

    Zwar versteht er Europas Wunsch nach digitaler Souveränität. Den Plan der EU jedoch, die in Europa gesammelten Daten nur in einer europäischen Cloud abzuspeichern, hält er für einen Irrweg. „Das ist für mich eine alte Antwort auf ein neues Problem. Daten können jetzt überall in der Welt gespeichert werden und in Europa versuchen wir das geografisch zu begrenzen“, kritisiert Thrun. „Ich kann nicht verstehen, warum die Speicherung von Daten bei Amazon oder Google in den USA riskanter sein soll als die Speicherung derselben Daten bei Amazon oder Google in Deutschland.“

    Auch mit der Kritik am „Überwachungskapitalismus“ durch große Technologiekonzerne kann er nicht viel anfangen: „Georg Orwell hat 1948 seinen dystopischen Roman „1984“ geschrieben. Darin lässt eine Regierung an den Wänden Videobildschirme installieren, die eine Mischung aus iPad und Amazon Echo sind. Ich habe zu Hause mehrere iPads und mehrere Sprachassistenten, und die Regierung hat mich bis heute nicht damit unterdrückt. Eine Gedankenpolizei wie bei Orwell habe ich noch nicht gesehen – weder in den USA noch hier in Deutschland.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×