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17.12.2020

03:59

Digitale Revolution

Neue Technologie deckt das gigantische Ausmaß illegaler Fischerei auf

Von: Thomas Jahn

Satellitenbilder, Lichtsensoren, Künstliche Intelligenz: Mit Hightech verfolgen Umweltschützer illegale Fischerei. Eine Fallstudie über den Segen der Digitalisierung.

Digitale Technologie hilft, eines der großen Probleme der globalisierten Welt zu bekämpfen. globalfishingwatch.org

Fischerei weltweit

Digitale Technologie hilft, eines der großen Probleme der globalisierten Welt zu bekämpfen.

Düsseldorf Als die Küstenwache von Ecuador im August 2017 das Schiff „Fu Yuan Yu Leng 999” stoppte, machte sie eine grausige Entdeckung. An Bord fanden die Beamten 6000 tote Haie, darunter zahlreiche geschützte Arten wie Hammer- oder Seidenhaie. Und das in der Nähe der Galapagosinseln, einer der am besten geschützten Meeresregionen der Welt.

Allerdings: Die Fu Yuan Yu Leng 999 ist kein Fischereischiff, für den rund 300 Tonnen schweren Fang hätte es Leinen, Haken und Motorenwinden gebraucht. Wie also kamen die Fische an Bord des chinesischen Fahrzeugs? Das war die entscheidende Frage im Prozess gegen die Mannschaft, ist der Transport von Haien doch nicht illegal. Der Kapitän behauptete, er habe die Tiere von zwei taiwanischen Schiffen übernommen.

Eine Lüge, wie Global Fishing Watch herausfand. Mit Satelliten- und Funkdaten bewies die Stiftung, dass das Schiff lange Zeit neben vier chinesischen Langleinenfischern gelegen hatte. Beweis genug für den Richter: Der Schiffsbesitzer wurde zu einer Geldstrafe von fast sechs Millionen Dollar verurteilt, der Kapitän musste vier Jahre ins Gefängnis.

Die Organisation zeigt, dass neueste digitale Technologie hilft, eines der großen Probleme der globalisierten Welt zu bekämpfen. 71 Prozent der Erdoberfläche sind mit Wasser bedeckt. Mit analogen Mitteln ist es kaum möglich, illegale Fischerei zu verfolgen.

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    Dabei ist das dringender denn je: Nach Angaben der Vereinten Nationen lagen 1990 noch 90 Prozent aller Fischbestände auf einem biologisch nachhaltigen Niveau. 2017 galt das nur noch für rund zwei Drittel. Auch in Europa werden die Meere überfischt: Der Dorsch und Hering in der Ostsee sind bedroht. „Zusammen mit der Klimaerwärmung droht ein Kollaps“, warnt Katja Hockun, Projektmanagerin Meeresnaturschutz bei der Deutschen Umwelthilfe.

    Global Fishing Watch, mithilfe des Internetkonzerns Google und der Umweltorganisationen Oceana und Sky Truth gegründet, überwacht die Meere der Welt – mit einigen Erfolgen. Dabei nutzt die Organisation Technologien, die vor einigen Jahren noch nicht verfügbar oder extrem teuer waren, etwa Satelliten und Künstliche Intelligenz. Es ist eine Fallstudie darüber, welches Potenzial die Digitalisierung bietet, auch für Umweltorganisationen.

    Fischereikarte dank Satelliten

    Wie wichtig das Fischereigeschäft ist, zeigt der aktuelle Streit zwischen der EU und England  über die Fischereirechte. Laut den Vereinten Nationen werden jährlich 179 Millionen Tonnen Fisch gefangen.

    Davon stammen laut dem Thinktank Stimson Centre in den USA 20 bis 50 Prozent aus „illegalen, nicht verbuchten oder undokumentierten“ Quellen. Ihren Wert beziffert das Institut auf jährlich 36 Milliarden Dollar. „Ich denke, dass die Zahl noch viel zu klein ist“, sagt Sally Yozell, Direktorin Umweltsicherheit beim Stimson Centre.

    Lange war das Aufspüren von Meeresräubern eine fast unmögliche Aufgabe. Doch das hat sich geändert. Dabei hilft beispielsweise das „Automatic Identification System“ (AIS), über das jedes größere Schiff seine Position, Geschwindigkeit und andere Daten bekanntgeben muss, um Zusammenstöße mit anderen Booten zu verhindern.

    Früher konnten das Signal nur andere Schiffe sowie Erdantennen in 30 bis 50 Kilometer Entfernung auffangen. Doch seit 2012 kreisen kommerzielle Satelliten in der Erdumlaufbahn, die ebenfalls für den Empfang ausgerüstet sind. Die Kosten für den Bau und Transport fielen in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch, nicht zuletzt durch neue Raumfahrtfirmen wie SpaceX.

    Global Fishing Watch ist ein Kunde des Start-ups Spire Global, das ein Satellitennetz betreibt. Mit den AIS-Signalen konnte die Organisation vor vier Jahren erstmals eine Weltkarte der Fischerei anfertigen. Die Daten aus dem Weltall bieten entscheidende Einsichten: Wo wird wie und wann gefischt?

    Grafik

    Aus diesen Rohdaten wertvolle Informationen zu gewinnen war allerdings alles andere als einfach. Die Daten wie AIS-Signale gingen schon damals in die Milliarden, heute sind es Billionen, erzählt Paul Wood, Cheftechnologe von Global Fishing Watch.

    Jährlich verarbeitet die Organisation beispielsweise die Bewegungen von Fischereischiffen von insgesamt 460 Millionen Kilometern – 600 Mal die Strecke vom Mond und zurück.

    Treibnetzsuche per Algorithmus

    Um die Datenmengen auszuwerten, wandten sich Woods und sein Team an Google. Im Konzernsitz in Mountain View konnten die Meeresschützer mit Spezialisten für Künstliche Intelligenz zusammenarbeiten.

    Zunächst galt es, mithilfe von Fischereiexperten die Bewegungen der Schiffe zu verstehen. So ordneten die Aktivisten bestimmte Bewegungen dem Auslegen eines Treibnetzes zu. „Wir haben die Künstliche Intelligenz dann mit den Daten trainiert“, sagt Cheftechnologe Wood.

    Die Interpretationen der KI verglichen die Teams anschließend für einen Realitätsabgleich mit Logbüchern, Hafeneinträgen und anderen Datenquellen. Dadurch wurde der Algorithmus immer zuverlässiger. Heute verwaltet die Stiftung zehn Terabyte in der Google Cloud, jeden Tag verarbeiten die Server 22 Millionen AIS-Signale von rund 200.000 Schiffen, davon rund 70.000 Fischereibooten.

    Ein Warnsignal ist beispielsweise, wenn ein Schiff sein AIS ausstellt. Fischer rechtfertigen das mit der Konkurrenz, man wolle nicht aussichtsreiche Fischschwärme verraten. Beispielsweise kommen Thunfische oft vor, wo sich warme und kalte Meeresströmungen treffen. Ein Abschalten erscheint trotzdem merkwürdig, vor allem auf längere Zeit. Diese Schiffe werden die „Dark Fleet“ genannt, die verborgene Flotte also.

    Eine spektakuläre Entdeckung machte Global Fishing Watch vor der Küste von Nordkorea. Dort gingen fast tausend riesige Fischerboote aus China auf Jagd nach Tintenfischen. Die locken mit riesigen elektrischen Lichtern die Tintenfische an – was sich mithilfe von neuer Technik aber lokalisieren lässt.

    Die Idee hatte Chris Elvidge von dem US-Forschungsinstitut National Ocean and Atmospheric Administration (NOAA). Der Amerikaner hatte ein System entwickelt, mit dem er Lichtquellen auf der Erde aufspüren konnte.

    Dabei nutzt er einen Satellitensensor, der sich „Visible Infrared Imaging Radiometer Suite“ (VIIRS) nennt und bestimmte Infrarotstrahlen auffängt. Mit dem konnte Global Fishing Watch die chinesische Flotte vor Nordkorea entdecken – obwohl alle Schiffe ihr AIS ausgeschaltet hatten.

    Lange war das Aufspüren von Meeresräubern eine fast unmögliche Aufgabe. Reuters

    Chinesische Fischerboote

    Lange war das Aufspüren von Meeresräubern eine fast unmögliche Aufgabe.

    Das Vorgehen der Chinesen ist auf jeden Fall illegal. Ohne das Einverständnis der nordkoreanischen Behörden hätten sie nicht ausfahren dürfen. Gibt es aber einen Fischereivertrag, dann würde dieser gegen den UN-Sanktionsbeschluss von 2017 gegen Nordkorea verstoßen.

    Tintenfisch ist in Ostasien eine Delikatesse – und teuer. Die Küsten vor Japan und Südkorea sind bereits leer gefischt, was den Preis nach oben treibt. Nachdem es von einem amerikanischen Journalisten mit den Ergebnissen der Ermittlungen konfrontiert wurde, antwortete das chinesische Außenministerium: „China hat die Resolution des Uno-Sicherheitsrates gewissenhaft und durchgehend befolgt.“ Zudem habe China illegale Fischerei immer bestraft.

    Wer sind die Hauptschuldigen?

    Eine geografische Zuordnung fällt schwer. Schiffe können sich leicht in Länder wie Panama ausflaggen, die wenig Steuern oder Gebühren erheben. Allerdings fällt immer wieder China als Sünder auf, was auch mit der Flottengröße des Landes zu tun hat: Rund die Hälfte der hochseetauglichen Schiffe sind dem Land zuzurechnen. Die Fischereiflotte wird auf 17.000 Schiffe geschätzt, während die EU und die USA nur auf 250 bis 300 kommen.

    Aber auch andere Länder beteiligen sich am Raubbau. Erst vor wenigen Monaten identifizierte Global Fishing Watch zusammen mit der norwegischen Umweltorganisation Trygg Mat Tracking „die größte illegale Fischerei der Welt“: Fast 200 Schiffe aus dem Iran sind mit verbotenen Treibnetzen vor der Küste von Somalia und Jemen unterwegs.

    Aber die meisten Länder in der Welt wollen die Plünderei unterbinden. Indonesien beispielsweise. Das Land gewährt Global Fishing Watch seit 2016 Zugang zu seinem „Vessel Monitoring System“ (VMS).

    Fast jedes Land besitzt solch ein System, um seine Schiffe verfolgen zu können, in Indonesien sind es rund 5000. Die VMS-Daten helfen den Umweltschützern immens, zusammen mit Satellitenbildern und Funkdaten illegale Fischerei zu identifizieren.

    Was hoffen lässt: In den vergangenen Jahren stellte eine Handvoll von Ländern Global Fishing Watch die VMS-Daten zur Verfügung, darunter Peru, Chile, Panama, Costa Rica und Namibia. Der Chef von Global Fishing Watch will in den nächsten Jahren die Zahl der Länder auf mehr als 60 hochschrauben. „Die Einstellung ändert sich in der Welt“, sagt Long.

    Grund ist der immense wirtschaftliche Schaden, den illegale Fischer für die betroffenen Länder anrichten. Nach Schätzung der Umweltorganisation Oceana holten chinesische Schiffe allein im Pazifik Tintenfische im Wert von 440 Millionen Dollar aus dem Wasser. Erst vor wenigen Tagen vereinbarten Chile, Kolumbien, Peru und Ecuador, sich gegenseitig im Kampf gegen illegale Fischerei zu unterstützen – und Daten auszutauschen.

    Als weiterer Schritt könnte Technologie an Bord von Schiffen installiert werden, um illegale Fischerei zu überprüfen. Beispielsweise könnten Kameras mithilfe von Künstlicher Intelligenz überprüfen, ob geschützte Fische mit im Fang waren. In Australien, Chile und den USA sind sie bereits vorgeschrieben.

    In Europa wollen Umweltverbände jetzt mit Kameras und anderer Technik die Fischer an Bord überprüfen und es in der derzeit diskutierten neuen EU-Fischereikontrollverordnung festschreiben. Der Deutsche Fischerverband wehrt sich, verweist auf die Kosten und andere Gründe.

    „Das widerspricht jeder Verhältnismäßigkeit“, sagt Peter Breckling, Generalsekretär der Vereinigung. Eine verständliche Haltung, viele deutsche Fischer haben sich nichts zuschulden kommen lassen. Aber leider gilt das nicht für ausländische Konkurrenten.

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