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03.07.2019

04:02

Digitale Revolution

Wie die Digitalisierung traditionelle Pharmaunternehmen unter Druck setzt

Von: Maike Telgheder

Pharmakonzerne müssen umdenken. Um ihre Margen zu halten, müssen sie in Wachstumsfelder wie Diagnostik und Digital-Health-Lösungen investieren.

In 37 Prozent der Gesundheitsunternehmen sind bei der Belegschaft laut IW mobile digitale Geräte im Einsatz. Blend Images/Getty Images

Digitale Gesundheit

In 37 Prozent der Gesundheitsunternehmen sind bei der Belegschaft laut IW mobile digitale Geräte im Einsatz.

Frankfurt Der Einzug digitaler Technologien wird die Gesundheitsbranche in den kommenden Jahren strukturell stark verändern. Denn die Ausgaben werden sich massiv verschieben.

Während Diagnostik, Prävention und digitale Gesundheit einen immer größeren Anteil an der Gesundheitsversorgung haben werden, schrumpfen die Bereiche Arzneimittel und medizinische Versorgung relativ. Das zeigt die „Future of Health“-Studie von Strategy&, der Strategieberatung von PwC. Im Rahmen der Studie wurden 120 Pharmamanagern nach ihren Erwartungen für die Zukunft befragt.

Nach Einschätzung der Befragten wird der globale Gesundheitsmarkt zwar weiter wachsen, von 10,6 Billionen US-Dollar 2018 auf 11,6 Billionen US-Dollar im Jahr 2030. Allerdings werden mehr Menschen Zugang zu Medizin brauchen, weswegen die Gesundheitsausgaben pro Kopf sinken werden. Auf dieser Basis könnten die operativen Nettomargen in der Pharmaindustrie unter Druck kommen.

„Im Rahmen unserer Befragung erwarten die Gesundheitsmanager unsichere Zeiten für ihr derzeitiges Geschäftsmodell. Die traditionellen Pharmakonzerne müssen entweder sehr viel effizienter werden, um ihre Margen zu halten, oder sie investieren gezielt in Wachstumsfelder wie Diagnostik, Prävention und Digital Health-Lösungen“, sagt Thomas Solbach, Gesundheitsmarkt-Experte und Partner bei Strategy&.

Die befragten Pharmaführungskräfte erwarten in den kommenden Jahren im Vergleich zu 2018 vor allem in den Bereichen Diagnostik, Prävention und digitale Gesundheit massive Ausgabensteigerungen. Der Anteil der drei Bereiche wird sich bis 2030 von sieben auf 23 Prozent erhöhen, was in absoluten Zahlen mehr als eine Verdreifachung auf 2,7 Billionen Dollar bedeutet.

Grafik

Der Anteil der medizinischen Versorgung (Kliniken, Ärzte) wird dagegen von derzeit 70 Prozent in 2018 auf 54 Prozent sinken. Der Anteil der Ausgaben für Medikamente wird den Erwartungen der Pharmamanager zufolge mit 17 Prozent stabil bleiben, was in absoluten Zahlen einem leichtes Wachstum von 1,8 auf 1,9 Billionen Dollar entspricht.

Insgesamt erwarten die Pharmamanager bis 2030 mit einem Plus von zehn Prozent nur ein moderates Wachstum der Gesundheitsausgaben. Das ist nach Meinung der Studienautoren unter anderem dem Preisdruck und der Diskussion um zu hohe Medikamentenpreise in den USA geschuldet.

Technologiekonzerne drängen in den Markt

Von deutlich höheren Wachstumsraten für den Gesundheitsmarkt gehen indes verschiedene andere Marktexperten aus, darunter unter anderem die Experten des Institute for Health Metrics and Evaluation in Washington. Sie rechnen bis 2030 mit einem Anstieg der Gesundheitsausgaben um 42 Prozent auf 15 Billionen US-Dollar. In diesem Szenario würden die von den Pharmamanagern erwarteten Verschiebungen zugunsten Diagnostik, Prävention und Digital Health also in absoluten Zahlen noch größer ausfallen und einem Wachstum um mehr als das Vierfache auf 3,5 Billionen Dollar entsprechen.

Sehr hohe Zuwächse bei den Gesundheitsausgaben wird es in den nächsten Jahren laut der Studie von Strategy& vor allem in Indien und China geben. In China etwa soll sich das Budget auf knapp 3,4 Billionen Dollar mehr als verdoppeln. In den großen Ländern Europa und den USA fällt der Zuwachs mit Raten von zwölf bis 20 Prozent deutlich geringer aus.

In Deutschland werden die Gesundheitsausgaben laut Prognose von 492 Milliarden Dollar auf 575 Milliarden Dollar (plus 16 Prozent) steigen. Auch hier sollen die Bereiche Prävention und Digitale Gesundheitsangeboten am stärksten zulegen, während die Ausgaben für Medikamente leicht sinken, und das Budget für die  medizinische Versorgung deutlich zurückgehen wird.

Für die Pharmaunternehmen stellt sich nach Einschätzung von Strategy&-Partner Solbach angesichts der Veränderungen die Frage, wie nachhaltig ihr Geschäftsmodell ist. Zwei große Trends zeichnen sich für ihn ab: „Es werden auch weiterhin hoch innovative Medikamente für schwere und noch nicht ausreichend gut behandelbare Erkrankungen benötigt. Im Sinne der Nachhaltigkeit gewinnt andererseits die Prävention und das Management von weit verbreiteten Krankheiten und deren Behandlung durch kostengünstige Generika an Bedeutung“, sagt er. Auf Pharmaunternehmen, die im Mittelfeld des Marktes mit wenig differenzierten Arzneien positioniert sind, werde der größte Druck kommen, so Solbach weiter.

Treiber des Wandels im Gesundheitsmarkt sind die Technologieunternehmen, die verstärkt in den Markt drängen. Laut Analyse von Strategy& hat sich die Zahl der Partnerschaften und Zukäufe großer Spieler wie Alphabet bis Tencent in den in den letzten fünf Jahren verzwölffacht.

„Hochspezialisierte Medikamente zu entwickeln, das werden die Techkonzerne wohl den Pharmafirmen überlassen“, erwartet Strategy&-Partner Solbach. Aber die Technologieunternehmen positionierten sich im Feld Gesundheit und Medizin und setzen auf ihre Strategie, sich über Kundenerlebnisse und Datenhoheit unersetzbar zu machen.

„Wenn es ihnen gelingt, Plattformen aufzubauen und Patienten die benötigte richtige Applikation zu vermitteln, werden es Pharmafirmen schwer haben, hierbei Schritt zu halten“, so seine Prognose.

Die Kernkompetenz von Pharma wird seiner Ansicht nach auch künftig gefragt sein. „Pharma hat großes medizinisches Know-how, weiß, wie man auf den Märkten agieren muss und hat Zugang zu den Entscheidungsträgern. Insofern werden Medikamentenunternehmen auch künftig zu einem bestimmten Teil Medikamentenunternehmen bleiben“, sagt Solbach.

Mehr: In der Pharmabranche kommt es wieder zu einer Milliarden-Übernahme. Doch nicht immer ist so ein Deal ein Glücksgriff. Es gibt Alternativen.

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