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19.08.2020

04:00

Mitbestimmung in der Gig Economy

Wenn Kollege Roboter übernimmt: Wie die Digitalisierung die Gewerkschaften herausfordert

Von: Frank Specht

Was, wenn der Chef eine Künstliche Intelligenz ist? Die Digitalisierung zwingt Gewerkschaften zum Umdenken. Wie sich die Arbeitnehmervertreter rüsten. 

Smartphone und Tablet ermöglichen  mehr Arbeitszeitsouveränität, Künstliche Intelligenz (KI) kann Arbeitnehmern stupide Tätigkeiten abnehmen. Gewerkschaften nehmen auch die Risiken in den Blick.

Digitalisierte Arbeitswelt

Smartphone und Tablet ermöglichen mehr Arbeitszeitsouveränität, Künstliche Intelligenz (KI) kann Arbeitnehmern stupide Tätigkeiten abnehmen. Gewerkschaften nehmen auch die Risiken in den Blick.

Berlin Beim Göppinger Mineralwasserproduzenten Aqua Römer hat „Mary“ das Kommando über rund 100 Beschäftigte. Die Software organisiert selbstständig das Lager, vergibt per Funk mit Frauenstimme den nächsten Auftrag, sagt, wo welche Palette abzuholen ist. Die Software macht so den Warenfluss nachvollziehbar, aber eben auch jeden Handgriff der Mitarbeiter.

Der Betriebsrat ist deshalb auf die Barrikaden gegangen und hat bei dem schwäbischen Familienunternehmen eine Betriebsvereinbarung durchgesetzt. Leistungs- und Verhaltensmerkmale dürfen von „Mary“ nicht aufgezeichnet und auch nicht in arbeitsrechtlichen Streitfällen verwendet werden.

Es ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert – und die Arbeitnehmervertreter vor neue Herausforderungen stellt. Die Coronakrise hat die Entwicklung beschleunigt.

Konferenzsoftware wie Zoom, Teams oder Slack, vorher von Betriebsräten durchaus skeptisch beäugt, ist im Arbeitsalltag angekommen, macht das Homeoffice sogar oft erst möglich. „In Datenschutzfragen haben viele in der Coronakrise alle Augen zugedrückt“, sagt Oliver Suchy, der beim DGB die 2018 gegründete Abteilung Digitale Arbeitswelten leitet. „Da müssen Leitplanken her.“

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    Das gilt nicht nur für den Datenschutz. Die Gewerkschaften sehen zwar die Vorteile der Digitalisierung: Smartphone und Tablet ermöglichen beispielsweise mehr Arbeitszeitsouveränität, Künstliche Intelligenz (KI) kann Arbeitnehmern stupide Tätigkeiten abnehmen. Aber sie nehmen auch die Risiken in den Blick: „Digitale Technologien werden sich weiter durchsetzen“, sagt Suchy und ergänzt: „Alles, was an Rationalisierungs- und Automatisierungspotenzial da ist, wird auch gehoben werden.“

    Nach einer 2018 erschienenen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) arbeitet rund jeder vierte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Deutschland in einem Job, den theoretisch auch ein Roboter oder Algorithmus übernehmen könnte. Auch wenn die Beschäftigungseffekte unter dem Strich wahrscheinlich gar nicht so groß sind, so wird sich doch das Anforderungsprofil in vielen Berufen stark wandeln.

    Die Gewerkschaften sind relativ spät auf den Zug aufgesprungen, haben aber den Anspruch, den Wandel aktiv zu gestalten. In seinem 2018 vom Bundeskongress beschlossenen politischen Arbeitsprogramm listet der DGB sieben Handlungsfelder auf.

    So will er sich für mehr Arbeitszeitsouveränität und mehr Mitbestimmung in der digitalen Transformation einsetzen oder einen Gestaltungsrahmen für Plattformarbeit schaffen. Über Dialogprozesse wie die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) des Arbeitsministeriums oder eigene Kampagnen verschafft sich der DGB Gehör.

    „Angst hemmt die Kreativität“

    Auch die Einzelgewerkschaften sind aktiv. Die IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hat schon viele Umwälzungen erlebt, die Automatisierung in der chemischen Industrie, den Kohleausstieg – jetzt die Digitalisierung.

    Im Frühjahr 2019 hat die Gewerkschaft gut 14.000 Beschäftigte in 600 Betrieben befragt, wie sich die Abläufe und die Arbeitsorganisation verändern. „Die Beschäftigten schauen nicht mit totaler Angst und Sorge in die Zukunft, und das ist gut“, sagt Francesco Grioli, der im IG-BCE-Hauptvorstand für das Thema Digitalisierung zuständig ist. „Denn wir brauchen Innovationssprünge, und Angst hemmt die Kreativität.“

    Klar sei aber auch: Digitalisierung in den Unternehmen funktioniere nur mit den Beschäftigten, nicht gegen sie. Schon im Herbst 2016 hatten die Chemie-Sozialpartner deshalb den Dialog [email protected] 4.0 gestartet. Seit knapp zwei Jahren arbeitet zudem die Zukunftskommission Digitale Agenda der IG BCE, die Politik, Wissenschaft, Unternehmen und Gewerkschaft an einen Tisch bringt. Im September soll der Endbericht vorliegen, die Ergebnisse werden dann in die Betriebsrats- und Tarifarbeit einfließen.

    Bei vielen US-Konzernen sind Vokabeln wie Sozialpartnerschaft oder Mitbestimmung eher Fremdwörter. dpa

    Amazon-Logistikzentrum

    Bei vielen US-Konzernen sind Vokabeln wie Sozialpartnerschaft oder Mitbestimmung eher Fremdwörter.

    Schon in der vergangenen Chemie-Tarifrunde hatten die Sozialpartner beispielsweise eine Qualifizierungsoffensive vereinbart. Die IG Metall hat in knapp 2.000 Unternehmen von den Betriebsräten einen „Transformationsatlas“ erstellen lassen, der den Stand der Digitalisierung im Betrieb zeigt und daraus Handlungsbedarf ableitet.

    Verdi hat Tarifverhandlungen über einen Digitalisierungsvertrag im öffentlichen Dienst aufgenommen, für die Versicherungsbranche gelang ein entsprechender Abschluss bereits 2017. Er eröffnet unter anderem die Chance, sich für neue Aufgaben zu qualifizieren, insbesondere wenn der Arbeitsplatz bedroht ist.

    Auch auf Unternehmensebene ist einiges passiert. Bei Daimler, BMW oder Bosch regeln Betriebsvereinbarungen das mobile Arbeiten, beim Chemiekonzern Merck sind die Arbeitnehmervertreter in einem „Haus der Arbeitswelten“ eng in Digitalisierungsprojekte eingebunden. Als vorbildlich lobt DGB-Mann Suchy die Initiative „Human Friendly Automation“ von IBM. Der IT-Konzern analysiert bei Automatisierungsprojekten auch die Auswirkungen auf die Beschäftigten und unterstützt seine Kunden mit einer Personalstrategie.

    Da, wo die Digitalisierung nicht nur bestehende Prozesse und Strukturen verändert, sondern ganz neue Geschäftsmodelle hervorbringt, sind die Gewerkschaften allerdings oft nur Zaungast. Bei Amazon, der Nummer eins des Onlinehandels, kämpft Verdi seit Jahren für einen Tarifvertrag – vergeblich. Bei der „mobilen Bank“ N26 gibt es Streit über die Gründung eines Betriebsrats.

    Und Delivery Hero steht mit seiner Essen-Bestellplattform vor dem Sprung in den Deutschen Aktienindex (Dax). Doch der Job der Fahrradkuriere, die oft unter schwierigen Bedingungen das Essen ausfahren, ist eher nicht das, was Gewerkschaften unter guter Arbeit verstehen.

    Der Aufstieg von Delivery Hero spiegele wider, wohin sich die Wirtschaft seit Langem bewege, sagt Nadine Müller, die bei Verdi den Bereich Innovation und gute Arbeit leitet. Deutschland sei zu lange auf die Industrie fokussiert gewesen und habe zu wenig in digitale Geschäftsmodelle investiert. „Aber auch da gilt, dass die Gewinne nicht auf dem Rücken der Beschäftigten erzielt werden dürfen.“

    Wo Mitbestimmung ein Fremdwort ist

    Bei US-Konzernen wie Amazon und Google oder auch bei vielen Start-ups sind Vokabeln wie Sozialpartnerschaft oder Mitbestimmung aber eher Fremdwörter. Auch in nicht tarifgebundenen Unternehmen – immerhin fast drei von vier Betrieben in Deutschland – kommen die Gewerkschaften mit Digitalisierungstarifverträgen nicht weiter.

    Deshalb hofft Müller auch auf Unterstützung durch den Gesetzgeber. „Wir brauchen mehr Mitbestimmungsrechte in der digitalen Arbeitswelt – bei den Themen Qualifizierung, Persönlichkeitsrechte, Outsourcing und so weiter“, sagt sie. Als Vorbild nennt DGB-Experte Suchy das Personalvertretungsgesetz in Nordrhein-Westfalen, das sehr weitreichende Mitbestimmungs- und Beteiligungsrechte in Technologieangelegenheiten regelt.

    Betriebsräte müssten zudem leichter Sachverständige hinzuziehen können, fordert Müller. „Oft durchblickt bei der Einführung neuer digitaler Technik ja selbst die Geschäftsführung die Tragweite nicht ganz.“

    „Die Arbeitgeber müssen sich bei strategischen Fragen mit uns an einen Tisch setzen.“ imago/sepp spiegl

    IG-Metall-Vizechefin Christiane Benner

    „Die Arbeitgeber müssen sich bei strategischen Fragen mit uns an einen Tisch setzen.“

    Das gilt natürlich besonders, wenn Künstliche Intelligenz Einzug in das Unternehmen hält. Hier eröffneten sich ganz neue Möglichkeiten zur Überwachung der Beschäftigten, warnt die Verdi-Digitalexpertin. Mit der europäischen Datenschutzgrundverordnung sei aber eine gute Basis geschaffen worden, um das zu verhindern. Denn bei dem darin verankerten Prinzip „Privacy by Design“ gehe es darum, schon bei der Technikentwicklung die Wahrung der Persönlichkeitsrechte zu berücksichtigen.

    Die Digitalisierung verändert aber nicht nur die Arbeitswelt, sondern stellt auch die Gewerkschaften selbst vor neue Herausforderungen. „In unserer 130-jährigen Geschichte gab es vor allem einen Ort, um Mitglieder zu gewinnen: den Betrieb“, sagt IG-BCE-Vorstand Grioli. „Das ändert sich jetzt.“

    Homeoffice und Plattformökonomie erschweren die persönliche Ansprache, selbstständige Wissensarbeiter oder Start-up-Mitarbeiter gehören bisher nicht unbedingt zur Kernklientel der Arbeitnehmervertreter. Nicht umsonst haben die IG Metall und Verdi eigene Initiativen für Crowdworker gestartet, die Metaller haben sich sogar mit der Youtubers Union verbündet.

    „In der Plattformökonomie müssen wir uns als Gewerkschaft digitale Zugangsrechte verschaffen“, sagt die Zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner – schon aus Eigennutz. Seit der Jahrtausendwende haben die acht DGB-Gewerkschaften rund 1,8 Millionen Mitglieder verloren.

    Benner ist aber optimistisch, dass das digitale Zeitalter nicht als die Ära in die Geschichte eingehen wird, in der die Gewerkschaften ausstarben: „Corona hat gezeigt, dass wir auch Beschäftigte erreichen können, die nicht im Büro sind“, sagt sie – „auch wenn es deutlich anstrengender geworden ist.“

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