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11.09.2019

15:07

Online-Dating

„Es gibt nicht den perfekten Partner“

Von: Catrin Bialek

Dating-Portale im Internet gaukeln den Nutzern eine Berechenbarkeit der Liebe ohne Drama vor, glaubt Psychologin Ines Imdahl. Die Verantwortung wird auf den Algorithmus abgewälzt.

Nach rechts wischen, wenn einem jemand gefällt – nach links, wenn nicht. dpa

Flirt-App Tinder

Nach rechts wischen, wenn einem jemand gefällt – nach links, wenn nicht.

Ines Imdahl ist Gründerin des Marktforschungsinstituts Rheingold Salon in Köln. Wenn sie zu Themen forscht, macht sie tiefenpsychologische Interviews mit den Probanden. Entgegen den zunächst geäußerten Antworten offenbaren die Menschen dann meist ganz andere Wahrheiten. So auch beim Thema Online-Dating, über das Imdahl unlängst forschte.

Frau Imdahl, Online-Dating ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wer profitiert von diesem Trend?
Der weltweite Marktführer ist Tinder, keine Frage. Aber es gibt auch viele andere, interessante Anbieter. Und auch die sozialen Medien machen bereits mit – wenn auch inoffiziell.

Facebook ist bereits im Dating-Markt?
Die Facebook-Tochter Instagram ist tatsächlich – wenn auch nicht offiziell – ein großer Onlinedating-Markt. Dort ist viel nackte Haut zu sehen, ganz viel Sexualisierung. Die Menschen drehen sich dort nur um sich selbst. Und nutzen die Plattform als Dating-App. 

Was macht das mit der Gesellschaft?
Das große Versprechen des Online-Datings ist die Versachlichung der Liebe. Man ist der Meinung, dass Algorithmen besser vorhersagen können, wie es mit der Liebe funktioniert. Liebe ohne Herzscherz – danach suchen die Menschen dort. Weil man die Liebe zu berechnen versucht, glaubt man, sich die Enttäuschung ersparen zu können.

Das klingt sehr ernüchternd…
Ja, das ist es auch. Die Nutzer versuchen, die Liebe auf diese Weise zu entdramatisieren. Sie wollen es sich leichter machen. Wisch und weg – einer kommt weg, fünf neue kommen nach. So funktioniert das ja auf Plattformen wie Tinder.

„Die Algorithmen sorgen für eine Versachlichung der Liebe.“ Ulrike Reinker

Ines Imdahl

„Die Algorithmen sorgen für eine Versachlichung der Liebe.“

Aber man ahnt, dass die Entdramatisierung nicht funktioniert…
Genau. Sie funktioniert nicht. Das Drama kommt an einer anderen Stelle. Wir Deutschen sind sehr empfänglich für die Vorstellung, dass Liebe ohne Dramen abläuft. Wir suchen die Harmonie.

Wie beurteilen Sie Online-Dating?
Letztlich helfen uns die Portale, uns selbst zu befriedigen. Wir messen uns daran, welches Feedback wir bekommen, wie viele Likes, wie viel Zustimmung. Wir beschäftigen uns mit unserer eigenen Darstellung, mit uns selbst. Dann kann es sein, dass zufällig etwas dabei herauskommt. Aber die Menschen geben schnell wieder auf. Wenn der andere nicht 100 Prozent ins Bild passt, dann wisch und weg. 

Der Algorithmus kann also nicht die wahre Liebe finden?
Die Algorithmen sorgen für eine Versachlichung der Liebe. Das passiert gerade auf den Partnerschaftsportalen mit ihren psychologischen Tests und ihren Matching-Punkten. Der Algorithmus hat aber kein Gefühl. Das hat sich jemand überlegt. Es gaukelt einem vor, dass es eine 100-Prozent-Passung geben könnte. Das stimmt aber nicht. Es gibt vielleicht die perfekte Liebe, aber es gibt nicht den perfekten Partner.

Grafik

Wird der Online-Dating-Markt weiter wachsen?
Ja, das denke ich auf jeden Fall. Denn die Menschen glauben, dass der Algorithmus es besser kann. Das ist im Übrigen auch eine wunderbare Entlastung für den Fall, dass die Beziehung dann doch nicht funktioniert. Dann ist der Algorithmus eben schuld – und nicht wir selbst. Der entscheidende Punkt ist aber, dass man, wenn man jemanden gefunden hat, nicht weitersucht, sondern sich auch mal drauf einlässt.

Mehr: Algorithmen versachlichen die Liebe. Aus Gefühlen werden Berechnungen. Das führt zu einer boomenden Onlinedating-Branche, die sich stetig verändert.

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