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29.11.2020

09:38

Pandemie

Die Menschen ziehen zurück aufs Land: Kommt die Corona-Stadtflucht?

Von: Milena Merten

In der Pandemie werden viele Angestellte unabhängiger vom Arbeitsplatz. Doch vom Zuzug des digitalaffinen Großstadtmilieus profitieren längst nicht alle ländlichen Regionen.

Altena hat fast die Hälfte seiner Einwohner eingebüßt. Arne Piepke

Altena in Südwestfalen

Während die Großstädte immer weiter wachsen, hat sich die Einwohner*innenzahl von Altena beinahe halbiert.

Düsseldorf Eigentlich ganz schön hier. Bäume in Sichtweite und Menschen, die dich auf der Straße grüßen. Weniger Hektik, weniger Stress, weniger „Craziness“.

Das fiel Carsten und Nina Meier-Hahasvili jedenfalls sofort auf, als sie zu Beginn des Corona-Lockdowns im Frühjahr einige Wochen auf dem Land verbrachten. Gemeinsam mit ihrem zweijährigen Sohn tauschten sie das Leben in der 100-Quadratmeter-Wohnung in Berlin-Friedrichshain gegen ein Haus von Carstens Familie im Main-Taunus-Kreis.

„Man hat den Kopf freier, wenn man nicht ständig aufpassen muss, dass der Kleine vors Auto rennt oder sich in der U-Bahn jemand über den Kinderwagen beschwert“, sagt Carsten Meier.

Ein halbes Jahr später spaziert die Familie über ein Kopfsteinpflaster von Altena, einer 17.000-Einwohner*innen-Kleinstadt in Südwestfalen, gut 180 Kilometer entfernt von Carstens Elternhaus. Gemeinsam mit etwa 30 anderen Interessent*innen sind sie gekommen, um Landluft zu schnuppern – und zwar im wahrsten Sinne: Wer will, kann im kommenden Jahr sechs Monate in Altena wohnen und arbeiten.

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    Es ist eine Art Landleben auf Probe für all jene, die raus aus der Großstadt wollen, aber nicht so recht wissen, wohin, und sich nicht sicher sind, ob das nur ein kurzfristiger Wunsch ist oder ein langfristiges Ziel.

    Abstand halten, von zu Hause arbeiten und Ruhe bewahren – all das geht möglicherweise auf dem Land einfacher als in der Stadt. Nicht nur bei den Meiers ist deshalb die Sehnsucht nach der Provinz gewachsen.

    Landruhe statt Großstadt-Stress

    Mindestens drei Faktoren treiben die Menschen derzeit aus den Metropolen. Da wäre zum einen die Entwicklung am Immobilienmarkt, die eine eigene Wohnung oder gar ein Haus für viele unerschwinglich macht. Hinzu kommt zum anderen die zunehmende Enge und die Beschränkungen während der Coronapandemie, die die Annehmlichkeiten des Stadtlebens trüben. Und nicht zuletzt ist da der erzwungene Digitalisierungsschub und Kulturwandel in vielen Unternehmen, der das Homeoffice binnen kürzester Zeit zur neuen Normalität erhoben hat.

    Kleinstadtleben in Altena: Ist das etwas für mich? Arne Piepke

    Kennenlernen in der Corona-Pandemie

    Gut 30 Menschen wollen erfahren, ob das Kleinstadtleben in Altena für sie infrage käme.

    Bereits vor der Pandemie zogen mehr Menschen aus deutschen Großstädten ins Umland als andersherum. Eine neue Phase der „Suburbanisierung“ hat eingesetzt, wie es das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung ausdrückt. Die Metropolen wachsen zwar weiterhin, allerdings nur wegen des Zuzugs junger Menschen und Migrant*innen.

    Die übrigen Gruppen zieht es zunehmend raus aufs Land. Dieser Effekt lässt sich auch in internationalen Metropolen beobachten. New York zum Beispiel verliert seit Jahren Einwohner*innen. Mit Ausbruch der Pandemie berichteten zahlreiche Immobilienunternehmen, dass immer mehr Menschen Richtung Vorort ziehen.

    Bislang war die Entscheidung, ob man in der Stadt oder auf dem Land leben möchte, allerdings eine kompromisslose Entweder-oder-Frage. Entweder kurze Wege, hippe Szenecafés und Zusammenarbeit im Co-Working-Space – oder viel Platz und Nähe zur Natur, aber kein Zugang zum pulsierenden Leben. Was die Stadt bietet, lässt sich nicht aufs Land mitnehmen und umgekehrt. Oder etwa doch?

    Das Friedrichshain der Provinz

    Frederik Fischer will sich mit diesem Dualismus nicht abfinden. Der 39-jährige Berliner Seriengründer hat sich eine neue Form überlegt, die die Vorzüge des Stadt- und Landlebens kombinieren soll. Er baut einfach sein eigenes Dorf. Genauer gesagt gleich zwei: eines entsteht in Wiesenburg, gelegen in Fläming zwischen Leipzig und Berlin; das andere im westfälischen Erndtebrück. In den sogenannten KoDörfern, dem Gegenentwurf zu Kuhdörfern, sollen Siedlungen mit Wohn- und Gästehäusern, Gemeinschaftsgarten, Hofladen, Co-Working-Spaces, Ateliers, Cafés und Spielplätzen entstehen. Ein genossenschaftlich organisierter Kiez mitten auf dem Land.

    Auch Familie Meier-Hahasvili interessiert sich für diese neue Form des Wohnens. Die KoDörfer sind allerdings frühestens in zwei Jahren bezugsfertig. Um die Zeit zu überbrücken – und nebenbei ein Geschäftsmodell in der Stadtentwicklung zu erschließen –, hat sich Fischer noch etwas Neues ausgedacht: den „Summer of Pioneers“. Kleinstädte, die mit Leerstand zu kämpfen haben, sollen für sechs Monate Experimentierwiese für großstadtmüde Digitalarbeiter*innen werden. Und das bringt Familie Meier-Hahasvili an diesem Samstagnachmittag Anfang Oktober nach Altena.

    Zugegeben, so richtig einladend wirkt es hier auf den ersten Blick nicht. Dunkle Wolken hängen über dem Ort, der einst 32.000 Einwohner*innen beherbergte und mittlerweile auf die Hälfte geschrumpft ist. Am Bahnhof erwartet Ankömmlinge ein leerer Döner-Imbiss, in der Fußgängerzone reihen sich leer stehende Läden und geschlossene Geschäfte und Cafés aneinander.

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    Man kann das als trist empfinden. Oder man begreift es pragmatisch als Chance, so wie Frederik Fischer. „Da lässt sich viel daraus machen.“ Er ist mit dem Zug aus Berlin angereist, es ist sein dritter Besuch in der Kleinstadt. Und doch lotst er die neugierige Menge, die seiner Einladung gefolgt ist, wie ein langjähriger Stadtführer durch den Ort.

    Vor einem leer stehenden Ladenlokal bleibt er stehen und deutet aufs Schaufenster. Hier soll einer der Co-Working-Spaces entstehen. „Wir können hier einen langen Tisch reinstellen oder mehrere kleine Räume einrichten. Das können wir alles so gestalten, wie wir wollen.“

    Um ihn geschart hat sich eine bunte Mischung an Interessent*innen: vom Agenturgründer über die Kommunikationstrainerin bis zum Abiturienten. Einige sind wie die Meiers aus Berlin angereist, andere sind in der Region aufgewachsen und erwägen den Schritt zurück, wieder andere kommen aus anderen Großstädten in NRW, etwa aus dem 40 Kilometer entfernten Dortmund.

    Sie bekommen bei dieser Schnuppertour die volle Ladung Standortwerbung zu hören. Der Bürgermeister preist günstige Immobilien und nachbarschaftliches Miteinander. Der Stadtkämmerer schwärmt von einer alten Industrieruine, für deren Umgestaltung neue Ideen gesucht werden.

    Und Vertreter*innen der Regionalvermarktung sind angerückt, um die schönsten Ecken der Kleinstadt zu präsentieren: darunter natürlich die mit- telalterliche Burg, die am Hang über dem Ort thront. Und tatsächlich reißt sogar im Laufe des Nachmittags der Himmel auf und die Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Wolkendecke bahnen, lassen das Städtchen gleich viel freundlicher erscheinen.

    Hygge-Traum im Wendland

    Und dennoch: Den meisten Menschen schwebt anderes vor, wenn sie vom Landleben à la „Landlust“ und „Hygge“ träumen. Ein Fachwerkhaus aus rotem Backstein mitten im Grünen. Im Garten blühen Obstbäume, im Wohnzimmer knistert das Feuer im Kamin.

    Diesen Traum vom alten Bauernhaus im Nirgendwo haben sich Anne und Jan Bathel erfüllt. Die Digitalunternehmer*innen haben in den vergangenen zwei Jahren ein 150 Jahre altes Bauernhaus im südlichen Wendland renoviert. Wer auf Instagram durch die Bilderwelt der beiden scrollt, sieht sich bereits mit frischgebackenen Zimtschnecken in der Hand und wohligem Glücksgefühl im Bauch am Lagerfeuer sitzen.

    Es gibt nur ein Problem: die schlechte Internet- und Mobilfunkverbindung im 185-Seelen-Dorf. Zum Telefonieren musste Anne Kjær Bathel sich gelegentlich draußen unter einer großen Eiche positionieren, da nur dort der Empfang gut war.

    Die gebürtige Dänin gründete im Jahr 2015 die ReDi School of Digital Integration, in der sie Programmierkurse für Geflüchtete anbietet und sie mit Unternehmen zusammenbringt. „Wir reden in der Start-up-Welt immer davon, dass wir noch schneller werden und größer denken müssen“, sagt sie.

    „Aber es gibt eben auch ein Bedürfnis nach Entschleunigung und Tiefgang.“ Um die richtige Balance zu schaffen, pendelt das Paar zwischen Berlin und dem Wendland hin und her: Dienstag bis Donnerstag Termine in der Hauptstadt und dann wieder raus ins Bauernhaus. Seit der Coronapandemie haben sie allerdings den Großteil ihrer Zeit im Wendland verbracht.

    Susanne Dähner vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung führte für eine Studie Interviews mit Stadtflüchtigen, die auf dem Land neue Wohn- und Arbeitsformen ausprobieren. Demnach zieht es kreative, digitalaffine Menschen, denen Nachhaltigkeit und Freiräume zum Gestalten wichtig sind, aufs Land.

    Da für die meisten der Traum vom eigenen Bauernhaus nicht bezahlbar ist, verbünden sie sich in Genossenschaften und sanieren alte Gutshöfe, Klosteranlagen oder ehemalige Fabrikgebäude. „Das sind Menschen, die Gleichgesinnte suchen, die mit ähnlichen Ideen und Erfahrungen aufs Land kommen“, sagt Dähner.

    Vom Zuzug des digitalaffinen Großstadtmilieus profitieren allerdings bislang vor allem Regionen, die ans schnelle Internet angeschlossen und relativ gut angebunden sind. Deshalb findet sich ein Großteil dieser innovativen Wohnprojekte in Brandenburg. Für die meisten ist eine Pendelentfernung zur Hauptstadt weiterhin wichtig. Ob der Trend zur Stadtflucht durch die zunehmende Akzeptanz von Heimarbeit andauern wird? Unklar, sagt Dähner: „Dauerhaft den Wohnsitz zu verlagern ist ja eine längerfristige Entscheidung. Die trifft man nicht von heute auf morgen.“

    So sehen das auch Carsten und Nina Meier-Hahasvili. Das zehnköpfige Team des Gründerpaars sitzt in Berlin, die Stadt ist ihr Lebensmittelpunkt. Selbst wenn sie sich für einen Testsommer in Altena entscheiden: Die Wohnung in Friedrichshain wollen sie erst einmal behalten.

    ada - Heute das Morgen verstehen

    Mehr: Dieser Text entstammt dem neuen ada-Magazin. Wenn auch Sie schon heute das Morgen verstehen wollen, schauen Sie doch mal vorbei: join-ada.com.

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