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08.11.2018

13:23 Uhr

Umwelt

Pestizid-Cocktail belastet Europas Äcker

VonChristoph Kapalschinski

Forscher schlagen Alarm: Pflanzenschutzmittel reichern sich in europäischen Böden an. Sie fordern entschiedene Gegenmaßnahmen der Politik.

Pestizid-Cocktail belastet Europas Äcker dpa

Giftige Böden

In Deutschlands Äckern steckt immer mehr Pflanzenschutzmittel.

HamburgÄcker in Europa sind häufig durch einen Mix verschiedener Pflanzenschutzmittel belastet. Das zeigt eine neue Studie von Forschern der renommierten niederländischen Landwirtschafts-Universität Wageningen. „Das Vorhandensein von Rückstände gleich mehrerer unterschiedlicher Pestizide im Boden ist offenbar eher die Regel als die Ausnahme“, heißt es in der Studie.

Die Untersuchung wird zu einem Zeitpunkt öffentlich, zu dem Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) strengere Regeln für den Einsatz des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat durchsetzen will – auch gegen Widerstand von Bauernverbänden und Bedenken des Landwirtschaftsministeriums.

Die niederländischen Forscher haben Bodenproben von landwirtschaftlich genutzten Flächen aus mehreren EU-Ländern, darunter Deutschland, untersucht. Das Ergebnis: In 83 Prozent der Proben fand sich mindestens ein Pestizid, in 58 Prozent sogar mehrere.

Die Untersuchung sei eine der größten ihrer Art, schreiben die Forscher: Erstmals seien die Proben auf 76 verschiedene Rückstände und Abbauprodukte von Pflanzenschutzmitteln untersucht worden. Das sein allerdings nur ein Fünftel der insgesamt zugelassenen Pestizide in der EU.

Die Autoren gehen daher von einer hohen Dunkelziffer aus. Die Ergebnisse seien bedenklich, da die Folgen des Zusammenwirkens verschiedener Pestizid-Reste weitgehend unbekannt seien. Sie bemängeln, in der EU gebe es keine Standards für diese Art von Bodenbelastung. „Unglücklicherweise sind bislang keine adäquaten Bodenschutz-Maßnahmen ergriffen worden, um diese verborgene Gefahr zu bekämpfen“, schreiben die Autoren.

Häufiger als erwartet tauchte in den Bodenproben die Verbindung AMPA auf, ein Abbauprodukt von Glyphosat. Das Pestizid, das unter anderem von Bayer hergestellt wird, steht in der Kritik, weil es im großflächigen Einsatz die Artenvielfalt reduzieren kann.

Zudem ist umstritten, inwieweit es krebserregend ist. In den USA ist der Bayer-Zukauf Monsanto zu einem millionenschweren Schadenersatz verurteilt worden, weil der Hersteller nicht ausreichend vor gesundheitlichen Folgen gewarnt haben soll. In sieben Prozent der Böden fanden die Forscher zudem ein bienenschädliches Pflanzenschutzmittel, das inzwischen in der EU verboten ist.

Die Studie sieht weitere Gefahren durch die Belastung der Böden mit dem Chemie-Cocktail: Auf mit Pestizid-Resten belasteten Böden könnten Nutzpflanzen stärker belastet werden als in den Berechnungen für die üblichen Zulassungsverfahren angenommen, warnen die Forscher. Lange im Boden verbleibende Pflanzenschutzmittel-Reste könnten zudem auch Bio-Lebensmittel belasten, die auf ehemals konventionell genutzten Flächen erzeugt werden. So seien laut früherer Untersuchungen bereits 6,5 Prozent der Bio-Produkte in der EU mit Pestiziden belastet – gegenüber fast der Hälfte der konventionellen Produktion.

Insgesamt haben die Forscher 317 Bodenproben untersucht. Für Deutschland bewegen sich die Ergebnisse in etwa im EU-Schnitt. Besonders wenige, dafür stärker belastete Böden fanden die Forscher in Italien, dagegen waren alle polnischen Proben mit mindestens einem Stoff belastet.

Die Studie „Pesticide residues in European agricultural soils – a hidden reality unfolded“ erscheint in der Fachzeitschrift „Science of the Total Envirenment“.

Kommentare (1)

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Herr Michael Grethlein

09.11.2018, 08:20 Uhr

Hätte da nicht gesunder Menschenverstand ausgereicht, um zu diesem Ergebnis zu kommen? Wo sollen denn die Millionen Tonnen Gifte hin, die jedes Jahr ausgebracht werden? Außer in die Luft (Verdunstung), ins Grundwasser, in die Pflanzen (und damit auch in unsere Nahrungsmittel) bleibt doch nur die Möglichkeit, dass sie sich im Boden anreichern.

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