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08.11.2018

11:22 Uhr

Umweltverschmutzung

Norwegische Insel wird zum Testlabor für den Kampf gegen Plastikmüll

Norwegen ist für seine unberührte Natur bekannt. Doch der Golfstrom treibt immer mehr Plastikmüll an die Küste. Eine seit Jahrzehnten verdreckte Insel wird nun Forschungsobjekt.

Eine Insel wird zum Testlabor für den Kampf gegen Plastikmüll dpa

Müll auf norwegischer Insel

Über Jahrzehnte hat die Strömung hier angeschwemmt, was Menschen achtlos weggeworfen haben.

BergenMit unsicheren Schritten bewegt sich Rune Gaasø über die kleine Heideinsel. Der 62-Jährige ist unter Fischern aufgewachsen, ein echter Naturbursche, der weiß, wie man sich im Terrain bewegt. Doch hier, auf der kleinen Insel westlich der Stadt Bergen, setzt er nur vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Denn wo er auch hintritt, knirscht es.

Unter Moos, Heidekraut und Erde liegen Plastikflaschen und anderer Unrat verborgen. Das vermeintliche Inselidyll vor der norwegischen Küste ist eine Müllhalde.

Über Jahrzehnte hat die Strömung hier angeschwemmt, was Menschen achtlos weggeworfen haben: Öltonnen und Kanister, Planen, große Plastikwannen, wie sie in der Fischindustrie benutzt werden, die Reste einer Mülltonne. Sogar ein Kühlschrank schwimmt in einer braunen Brühe.

„Diese Insel zeigt nicht nur uns hier an der Küste, sondern der ganzen Welt, welche Folgen unsere Konsumgesellschaft für die Natur hat“, sagt Gaasø, der sich bei der Umweltorganisation Clean Shores engagiert. „Es ist einfach nur schrecklich.“

Diese Müllkippe in der See ist nicht die einzige an der norwegischen Küste. Auf einem Abschnitt von 66 Kilometern – und das ist nur ein Prozent der norwegischen Küstenlinie – hat der Geologe Eivind Bastesen von der Universität Bergen 660 Buchten ausgemacht, in denen Müll angeschwemmt wurde. 250 davon sind ähnlich schlimm verschmutzt wie die kleine Heideinsel.

Trotzdem ist dieses Eiland für die beiden Männer etwas Besonderes. Denn hier hat nie jemand aufgeräumt. Für die Wissenschaft ist das eine gute Nachricht.

„Wir wollen aus dieser Insel ein Forschungsprojekt machen“, erklärt Bastesen. „Wir fragen uns: Was passiert hier? Ist das hier eine Fabrik, die Mikroplastik produziert und ihn ins Meer freilässt? Vielleicht ist es aber auch ok, wie es ist. Das versuchen wir, herauszufinden.“

Der ganze Boden besteht aus Plastik

Mit bloßen Händen graben die beiden Männer in der Erde und holen Plastikflaschen aus Großbritannien, Reste einer Glühbirne aus den Niederlanden und eine Chipsverpackung aus Deutschland hervor. „Wir wollen herausfinden, wann das alles angefangen hat“, erklärt Bastesen. „Der ganze Boden hier besteht ja aus Plastik.“

Er misst mit dem Zollstock. Einen Meter tief haben sie schon gegraben. „Ich glaube, dass wir Plastik aus den 50er Jahren finden werden. Denn an diese Insel wurde aufgrund der Strömung schon immer viel angeschwemmt.“

Die Verursacher sind nicht leicht auszumachen. Der Müll kommt aus verschiedenen Ländern, teilweise von Booten, der Fischindustrie. Plastikbesteck und Ketchupflaschen weisen auf ein Picknick am Strand hin. Bei vielen Gegenständen ist es schwer zu verstehen, wie sie hier landen konnte.

84 Prozent des Mülls, der an den europäischen Stränden angespült wird, ist aus Plastik, hat die gemeinsame Forschungsstelle JRC der Europäischen Kommission herausgefunden. Und davon sei rund die Hälfte für den einmaligen Gebrauch bestimmt: Plastikflaschenverschlüsse, Zigarettenkippen, Bonbonpapier, Wattestäbchen, Schokoriegelverpackungen.

Will man diesen Müll vermeiden, muss man die Industrie ins Boot holen. Die Europäische Kommission hat deshalb eine Richtlinie zur Verringerung der Abfälle aus Einwegkunststoffen und Fanggeräten vorgeschlagen. Sie will einige der problematischsten Einwegkunststoffe verbieten, für die es bereits Alternativen auf dem Markt gibt.

Dass ausgerechnet in der schönen norwegischen Natur solche Müllhalden entstehen konnten, hat viele Norweger geschockt – und aktiviert. Bei den freiwilligen Strandsäuberungsaktionen sind in diesem Jahr über 900 Tonnen Müll gesammelt worden. 131.633 Freiwillige haben zusammen 3500 Kilometer Küste von Abfall befreit.

Norwegen kämpft um saubere Meere

Die Bereitschaft aufzuräumen, ist enorm. Seit man 2017 hier in der Nähe einen Wal gefunden hat, der verhungerte, weil sein Magen voller Plastik war, hat sich was geändert, bestätigt Lise Keilty Gulbransen von der Organisation „Hold Norge Rent“ (Haltet Norwegen sauber), die diese Strandaktionen organisiert.

Auch die Regierung zieht mit. Norwegen sieht sich im Kampf für saubere Meere in einer globalen Führungsrolle. 1,6 Milliarden norwegische Kronen (170 Millionen Euro) stellt das Land für die Vermeidung und Beseitigung von Plastikmüll in den nächsten vier Jahren bereit.

„Ich glaube, wir haben gerade einen guten Moment“, sagt Gaasø. „Das Thema bekommt Aufmerksamkeit, nicht nur lokal, auch global, die Regierung reagiert, die EU reagiert, wir sehen ein globales Interesse, das direkt in die Korridore der Macht einzieht. Große Konzerne wie Coca Cola ändern ihre Methoden, um diesen Plastikärger zu vermeiden, und ich bin zuversichtlich, dass wir diesen Kampf aufnehmen können.“

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Aber dazu seien internationale Anstrengen erforderlich, meint Gaasø. Denn auch andere Länder in Europa haben mit dem Problem zu kämpfen, wie zum Beispiel Spanien. Am schlimmsten betroffen ist dort einem Bericht der Umweltorganisation Ecologistas en Acción zufolge der Strand der spanischen Nordafrika-Exklave Melilla. Pro Quadratmeter wurden dort 33 Müllteile aufgesammelt.

Aber auch in Urlaubsregionen wie Mallorca sind die Küstengebiete zum Teil völlig verdreckt. Dort wurden nach Angaben des regionalen Umweltministeriums allein im Juli 2017 am Strand und in Küstennähe neun Tonnen Müll gefischt. Rund 40 Prozent davon sei Plastik gewesen, hieß es.

„Wir sind für all das hier verantwortlich. All das hier haben Menschen weggeworfen“, sagt der Wissenschaftler Eivind Bastesen. Das einzige, was man machen könne, sei, die ganze Küste aufzuräumen. „Aber dazu brauchen wir die Hilfe der Regierung. Im Moment sind es nur Freiwillige, die den Müll aufsammeln. Wir brauchen Maschinen und Technologie, um den Job zu machen. Es nicht unmöglich, aber es kostet Zeit und Geld.“

Von

dpa

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