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08.12.2021

17:16

Corona-Vakzin

Biontech und Pfizer rechnen mit geringerer Wirksamkeit bei Omikron – Drosten: „Sieht nicht gut aus für zweifach Geimpfte“

Von: Siegfried Hofmann

Erste Studien zeigen deutlich reduzierten Schutz nach zwei Impfungen. Die Hersteller sind optimistisch, dass eine dritte Dosis Omikron neutralisiert.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte Omikron am 26. November als „besorgniserregende Variante“ eingestuft. Reuters

Impfung mit Biontech-Wirkstoff

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte Omikron am 26. November als „besorgniserregende Variante“ eingestuft.

Frankfurt Der Covid-19-Impfstoff von Biontech und Pfizer bietet nach zwei Dosen deutlich weniger Schutz gegenüber Infektionen mit der neuen Omikron-Variante als gegenüber den bisher zirkulierenden Coronavirus-Varianten. Das haben die beiden Hersteller am Mittwoch auf Basis eigener Laboruntersuchungen bestätigt.

Allerdings gehen Biontech und Pfizer davon aus, dass eine zusätzliche Boosterimpfung mit dem bisherigen Impfstoff die Schutzwirkung gegenüber Omikron deutlich erhöht. Nach vorläufigen Daten werde die Konzentration von neutralisierenden Antikörpern gegen Omikron auf ein ähnlich hohes Niveau gesteigert wie nach zwei Impfungen gegen die herkömmlichen Coronavarianten.

„Unsere ersten vorläufigen Daten sprechen dafür, dass eine dritte Dosis auch bei der Omikron-Variante noch einen ausreichenden Schutz gegenüber Coviderkrankungen jeglichen Schweregrades bietet“, erklärte Biontech-Chef Ugur Sahin am Mittwoch. „Großflächige Impf- und Auffrischungskampagnen könnten uns dabei helfen, Menschen weltweit besser zu schützen und durch den Winter zu kommen.“

Investoren reagierten zunächst positiv auf die Meldungen der beiden Unternehmen. Nach anfänglichen Kursgewinnen notierte die Biontech-Aktie allerdings im Verlauf des Nachmittags wieder leicht im Minus, ebenso wie die Titel von Moderna und Pfizer.

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    Bei der herkömmlichen zweifachen Impfung sind die Antikörper-Konzentrationen gegen Omikron nach Analysen von Biontech und Pfizer um den Faktor 25 geringer als gegen die bisherigen Virusvarianten. Allerdings verweisen die Unternehmen darauf, dass diese Impfung auch bei Omikron noch einen Schutz vor schweren Erkrankungen bieten dürfte.

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    Grundlage dafür ist die Erwartung, dass der zelluläre Immunschutz durch die Mutationen der Omikron-Variante weniger stark reduziert wird als die Wirkung von Antikörpern. Denn etwa 80 Prozent der Proteinstrukturen auf dem Spike-Protein des Virus, die typischerweise von T-Zellen des Immunsystems erkannt werden, sind nach Einschätzung des Biontech-Wissenschaftlers nicht von den Mutationen berührt.

    Biontech arbeitet am Impfstoff gegen Omikron

    Biontech und Pfizer treiben aber auch die Arbeiten an einem speziell auf Omikron zugeschnittenen mRNA-Impfstoff voran. Man gehe davon aus, ihn im März verfügbar zu haben, falls dies erforderlich sein sollte, um Stärke und Dauer des Impfschutzes zu erhöhen, hieß es am Mittwoch. An der geplanten Produktionskapazität von vier Milliarden Dosen im kommenden Jahr werde sich damit nichts ändern.

    Biontech testet bisher bereits Impfstoffmodifikationen gegen andere Varianten. Sie zeigten nach Aussage Sahins in Labortests zum Teil ebenfalls eine stärkere Antikörperwirkung gegen Omikron als der etablierte Impfstoff. Insbesondere gilt das nach Daten von Biontech für ein Vakzin, das auf die Alpha-Variante ausgerichtet ist. Denn sie enthält viele Mutationen, die nun auch bei Omikron aufgetaucht sind.

    Das Produktionsverfahren für einen modifizierten Impfstoff ist im Prinzip identisch mit dem bisherigen Prozess. Ausgetauscht wird dabei lediglich die DNA-Vorlage, die am Anfang des Herstellungsverfahrens zum Einsatz kommt. Die Produktionsumstellung gilt daher im Prinzip als nicht kompliziert.

    Die Herstellung von modifizierten DNA-Vorlagen läuft nach den Worten von Biontech-Produktionsvorstand Sierk Poetting bereits in gewissem Umfang. Im ersten Schub werde man nötigenfalls 25 bis 75 Millionen Dosen produzieren können. Man versuche, die gesamte Produktionskapazität für Covidimpfstoffe noch über die vier Milliarden Dosen hinaus zu erhöhen.



    Ob und wann gegebenenfalls der Einsatz eines angepassten Impfstoffs nötig sein wird, ist aus Sicht des Biontech-Chefs nach wie vor völlig offen. „Wir brauchen dazu weitere Labordaten und auch Real-World-Daten“, sagte Sahin. Diese dürften erst in sechs bis acht Wochen zur Verfügung stehen. Entscheidend werde dabei letztlich auch sein, wie stark Omikron sich ausbreite und die derzeit noch vorherrschende Delta-Variante verdränge. Sollte es tatsächlich nötig sein, könne man einen Impfstoff entwickeln, der sowohl gegen Omikron als auch gegen Delta wirke.

    Die Omikron-Variante, die Mitte November erstmals in Südafrika entdeckt wurde und sich inzwischen weltweit ausbreitet, hat Alarm ausgelöst. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie aufgrund der besonders hohen Zahl an Mutationen im Spike-Protein deutlich ansteckender ist und den bestehenden Impfschutz leicht überwinden kann. Damit wäre die Gefahr einer sehr schnellen Ausbreitung verbunden.

    Laboruntersuchungen geben Hinweise auf mangelnde Wirksamkeit

    Diese Einschätzung wurde durch erste Laboruntersuchungen untermauert. So haben Wissenschaftler in Südafrika das Blutserum von zwölf geimpften und teilweise auch vorinfizierten Personen auf seine Wirkung gegen die Omikron-Variante getestet und kamen dabei zu dem Schluss, dass die Antikörper-Konzentration um den Faktor 41 verringert ist. Die Neutralisierung der Omikron-Variante habe im Vergleich zu einem früheren Coronastamm „sehr stark abgenommen“, erklärte Alex Sigal, Professor am Africa Health Research Institute in Südafrika.

    Das Blut von fünf der sechs geimpften und zuvor mit Corona infizierten Personen konnte die Omikron-Variante allerdings noch immer neutralisieren. Die Ergebnisse seien damit immer noch besser als erwartet, erklärte Sigal: „Je mehr Antikörper man hat, desto größer ist die Chance, dass man vor Omikron geschützt ist.“

    Noch bedrohlicher wirken die Daten, die die Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt am Main am Mittwoch veröffentlichte. Danach lag die Neutralisation von Omikron-Viren sechs Monate nach einer zweifachen Impfung mit den Vakzinen von Biontech, Moderna oder der Kombination von Astra-Zeneca und Biontech jeweils bei null Prozent.

    Ciesek sprach auf Twitter von einer bis zu 37-fach reduzierten neutralisierenden Wirkung der Antikörper im Vergleich zur Delta-Variante. Selbst drei Monate nach einer Boosterimpfung lag die neutralisierende Wirkung bei Omikron danach nur bei 25 Prozent gegenüber 95 Prozent bei der Delta-Variante. Die Daten bestärkten die Auffassung, „dass die Entwicklung eines an Omikron angepassten Impfstoffs sinnvoll ist“, schrieb die Virologin.

    Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sprach von sehr wichtigen Daten und kommentierte auf Twitter: „Sieht nicht gut aus für zweifach Geimpfte. Dritte Dosis notwendig.“

    Allerdings sprechen erste Analysen aus Südafrika dafür, dass die Omikron-Variante tendenziell weniger schwere Erkrankungen auslöst als die bisherigen Varianten. Nach Ansicht des führenden US-Experten für Infektionskrankheiten, Anthony Fauci, deuten vorläufige Ergebnisse darauf hin, dass die Variante zwar einen höheren Grad der Übertragbarkeit aufweist, aber weniger schwerwiegend ist.

    Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte Omikron am 26. November als „besorgniserregende Variante“ eingestuft. Bisher gebe es jedoch keine Hinweise auf eine nötige Anpassung der bestehenden Covid-19-Impfstoffe auf die Omikron-Variante, hatte ihr Notfalldirektor Mike Ryan erklärt.

    Mit Agenturmaterial.

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