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07.08.2021

16:00

Insight Innovation

TUM-Präsident Hofmann: „Universitäten sind keine verlängerte Werkbank von Unternehmen“

Von: Christoph Kapalschinski

Der Präsident der TU München fordert mehr Selbstbewusstsein von Hochschulen – und ein Bekenntnis zum Thema Gründungen.

Deutsche Hochschulen schaffen es besonders gut, ihre Forschung in die Praxis umzusetzen.

Technologietransfer

Deutsche Hochschulen schaffen es besonders gut, ihre Forschung in die Praxis umzusetzen.

Hamburg Im europäischen Vergleich sind die deutschen Hochschulen besonders gut darin, industrielle Partner für gemeinsame Publikationen zu finden – und so ihre Forschung in die Praxis zu bringen. Weniger gut gelingt es oftmals jedoch, Absolventen zu Gründern zu machen. Das zeigt eine Untersuchung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE).

Die Experten haben für das Handelsblatt untersucht, wie gut deutschen Hochschulen der Wissenstransfer in die Wirtschaft glückt. Dafür haben sie sich fünf Kriterien angeschaut: den Anteil der Publikationen gemeinsam mit der Industrie an allen Publikationen der Hochschule, den Anteil der gemeinsamen Patente, die Anzahl der Ausgründungen gemessen am akademischen Personal, den Anteil der Unternehmensgründer unter den Absolventen sowie den Anteil der wissenschaftlichen Publikationen, die in Patenten zitiert werden.

Daraus ergibt sich eine Übersicht über die erfolgreichsten Hochschulen in ihrem Feld.

In die Spitzengruppe derjenigen Hochschulen, die auf fast allen Feldern stark sind, schaffen es vor allem Technische Universitäten (TUs). Die Technische Universität München (TUM) gehört neben der TU Hamburg und der Universität Nürnberg-Erlangen zum vordersten Feld der stärksten Hochschulen beim Technologietransfer in die Wirtschaft.

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Standort erkennen

    Mitverantwortlich für den Erfolg der TUM bei der Vernetzung mit der Wirtschaft ist Thomas Hofmann. Der Lebensmittelchemiker ist seit 2019 Präsident der TUM. Er beschreibt im Interview, wie die TUM sich vernetzt – und wie sie so einen wesentlichen Beitrag zur Stärke des Hightech- und Start-up-Standorts München leistet.

    Details zur Untersuchung

    Gruppenzuordnung

    Die Untersuchung teilt die Hochschulen jeweils in fünf Gruppen – von A für die Spitzengruppe bis E für die Schlusslichter. Die Daten stammen aus dem U-Multirank, einem Transparenz-Tool, das das CHE zusammen mit internationalen Partnern erstellt.

    Die Stärke der TUs

    Es zeigt sich, dass in der Gesamtschau vor allem technische Universitäten (TUs) stark sind – etwa Hamburg und München. CHE-Experte Gero Federkeil differenziert: „Bei einzelnen Indikatoren schneiden auch Hochschulen, die es nicht in die Gesamtauswahl geschafft haben, sehr gut ab.“ So führen fünf Fachhochschulen (FHs) das Ranking bei Co-Publikationen an: Esslingen, Reutlingen, Aaalen, München und Bremen. Ein Grund ist die stärkere praktische Ausrichtung dieser Einrichtungen.

    Wo die Datenlage schlecht ist

    Auffällig sind viele Lücken in dem Datensatz. Besonders bei Spin-Offs und Gründungen von Absolventen sei die Datenlage schlecht, sagt Federkeil. Das zeige, dass das Thema an vielen Hochschulen keine große Beachtung finde. Eine Ausnahme sind offenbar private Hochschulen wie die WHU. Ein Drittel der Hochschulen in der Spitzengruppe bei Spin-Offs sind Privathochschulen. Auch hier sind FHs recht stark vertreten.

    Großstädte dominieren

    Nur drei Hochschulen liegen bei drei der fünf Indikatoren unter den Top-15, allesamt in den drei größten deutschen Städten: die TU Hamburg, die TU München und die HU Berlin. 37 Hochschulen sind nur bei jeweils einem Indikator in der Spitzengruppe.

    Europäischer Vergleich

    Ein weiterer Teil der Untersuchung ist der europäische Vergleich. Die deutschen Hochschulen sind besonders gut darin, industrielle Partner für gemeinsame Publikationen zu detaillierten Ergebnissen zu finden – und so ihre Forschung in die Praxis zu bringen. Weniger gut gelingt es im Schnitt, Absolventen zu Gründern zu machen.

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Hofmann, die TU München versteht sich als unternehmerische Universität. Bedeutet das, dass Sie vor allem Unternehmer hervorbringen wollen?
    Nein, es beschreibt unsere Haltung und Denkeinstellung: Wir ruhen uns nicht auf Erfolgen aus, sondern bleiben agil in einer sich rasch wandelnden Welt, antizipieren neue Herausforderungen und nutzen neue Entwicklungschancen mit Pioniergeist und unternehmerischem Mut – genau so, wie es erfolgreiche Familienunternehmer eben tun.

    Was bedeutet dieses Leitbild für die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft?
    Wir entwickeln partnerschaftliche Allianzen in zukunftsfähigen Technologiebereichen mit Wirtschaftsunternehmen, denn wir müssen unsere Entdeckungen, Erfindungen und Entwicklungen schneller in marktorientierte Innovationsprozesse einspeisen. Da halte ich es für erfolgsentscheidend, dass diese Partnerschaften auf Augenhöhe und auf Vertrauen aufgebaut sind.

    Was tut die TU München dafür?
    Wir entwickeln Ökosysteme auf Zukunftsfeldern mit globalen Unternehmen, KMUs und Start-ups. Mit unserer Industry-on-Campus-Strategie bringen wir Wirtschaftsunternehmen in den Wirkungskreis der Spitzenwissenschaft am Campus Garching. Im Juli gab es beispielsweise den Spatenstich für ein gemeinsames Forschungslabor von SAP und TUM, in dem wir künftig auf rund 19.000 Quadratmetern gemeinsam forschen, entwickeln, lehren und lernen werden.

    Dietmar Gruchmann (Bürgermeister von Garching, v.l.), Elke Manjet (Head of Talent Attraction bei SAP), SAP-Vorstand Thomas Saueressig, Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU), TUM-Präsident Thomas Hofmann, Stefan Wagner (Managing Director, SAP Labs Munich) und Silvia Vögtle, Leiterin der SAP-Bauabteilung. Foto: SAP

    Spatenstich

    Dietmar Gruchmann (Bürgermeister von Garching, v.l.), Elke Manjet (Head of Talent Attraction bei SAP), SAP-Vorstand Thomas Saueressig, Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU), TUM-Präsident Thomas Hofmann, Stefan Wagner (Managing Director, SAP Labs Munich) und Silvia Vögtle, Leiterin der SAP-Bauabteilung.

    Foto: SAP

    Sind andere, etwa die privaten US-Universitäten, für so etwas nicht viel besser aufgestellt?
    Was deutschen Universitäten oft fehlt, ist ein selbstbewusstes Auftreten gegenüber den Unternehmen. Universitäten sind keine verlängerte Werkbank von Unternehmen, echte Innnovation entspringt nur bei der Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Und wenn die Vorstellungen über die Art oder die Rahmenbedingungen zu einer geplanten Zusammenarbeit auseinandergehen, dann müssen auch Universitäten den Mut haben, Nein zu sagen und auf die Kooperation zu verzichten. Dieses Selbstbewusstsein haben die führenden amerikanischen Universitäten stärker entwickelt – und das hilft ihnen.

    „Wir definieren die Spielregeln im Umgang mit Wirtschaftspartnern“

    Was würde nicht gehen?
    Wenn etwa ein Unternehmen bei der Einrichtung einer Stiftungsprofessur vorschreiben möchte, wer berufen wird oder an welchen Projekten die Professur forscht oder nicht forscht. Oder auch wenn ein Wirtschaftspartner die Publikation von Ergebnissen verbieten will.

    Haben Sie den Eindruck, dass sich andere deutsche Universitäten darauf einlassen?
    Das kann ich nicht beurteilen. Anders als viele andere deutsche Hochschulen haben wir einen Kodex zu gemeinsamer Forschung und einen zum Einwerben von Drittmitteln als TUM-weite Richtlinien erlassen und veröffentlicht. Damit definieren wir die Spielregeln im Umgang mit Wirtschaftspartnern nach innen und nach außen. Dies stärkt unsere Verhandlungsposition und beugt Fehlentwicklungen frühzeitig vor. Ein Compliance-Office sichert deren Einhaltung.

    Sind deutsche Hochschulen bislang zu oft auf wissenschaftliche Karrieren ausgerichtet?
    Die Förderung von Talenten aller Karrierestufen ist Kernaufgabe der Universitäten. Dazu gehört es auch, dass Technische Universitäten herausragenden Nachwuchs für die globalen Arbeitsmärkte der Wirtschaft entwickeln. Dies gilt für globale Unternehmen wie auch für Start-ups. In Stanford beenden viele Studierende ihr Studium gar nicht, sondern gründen während des Studiums, ohne einen Abschluss zu machen. Auch an der TUM gründen zahlreiche Studierende während ihres Studiums, und wir unterstützen sie darin. Aber wir unterstützen unsere gründungsaffinen Studentinnen und Studenten auch, ihr Studium trotzdem erfolgreich zu Ende zu bringen.

    Wieso ist der formale Abschluss für Gründer überhaupt wichtig?
    Die zukünftige Entwicklung von Unternehmensgründungen ist eben nicht vorhersehbar, und die Erfolgsspanne ist groß, vom Scheitern bis hin zu weltweitem Durchschlag, wie wir es gerade beim TUM-Start-up Celonis erleben. Deshalb sollten sich unsere Studierenden mit dem Abschluss des Studiums weitere Perspektiven offenhalten. Wir müssen den Studierenden aber auch den Mut zum Scheitern mit auf den Weg geben. Denn erfolgreiche Gründerinnen und Gründer haben oft zuvor zwei, drei Versuche in den Sand gesetzt, bevor sie mit einem Start-up dann wirklich erfolgreich wurden. Mit Pioniergeist und Mut voranzuschreiten, beim Hinfallen wieder aufzustehen, aus Fehlern zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen – diese Einstellung müssen wir unseren Studierenden mit auf dem Weg geben.

    Vermittelt eine Universität mit ihren Prüfungen und dem Aussiebprozess nicht genau das Gegenteil?
    Nein, denn auch in einem universitären Studium geht man durch Höhen, die neue Motivation geben, und Tiefen, aus denen man lernt und sie als neue Chance nutzt. Auch der Weg zur Professur ist riskant. Deshalb fördern wir bei unseren Studierenden ihre Einstellung, neue Wege zu beschreiten, sich nicht entmutigen zu lassen, agil und immer wieder offen zu bleiben für das Neue. Darauf kommt es an – in der Wissenschaft ebenso in der Wirtschaft.

    „Crossfunktionale Teams haben die besten Erfolgsaussichten“

    Wie kann es gelingen, für eine Gründung zu motivieren?
    Das beginnt sehr früh bei der Sensibilisierung von Forschenden und Studierenden, geht über das klare Bekenntnis der Hochschule, neben Forschung und Lehre eben die Einspeisung von Technologieentwicklungen in marktorientierte Innovationsprozesse zu unterstützen, bis hin zum Aufbau von Experten- und Investorennetzwerken. So haben wir beispielsweise den „TUM Presidential Entrepreneurship Award“ und den „TUM IdeAward“ ausgelobt, um auch unsere erfolgreichen Entrepreneure auszuzeichnen und als Rollenmodelle sichtbar zu machen. Und das richtige Gründerteam ist entscheidend für den Erfolg des neuen Unternehmens.

    Wieso ist das wichtig?
    Es reicht eben nicht, beispielsweise einen Physiker oder eine Physikerin in Marketing und Buchhaltung zu schulen. Nach unserer Erfahrung haben crossfunktionale Teams, in denen die Chemie stimmt, mit geteilten Kompetenzen und Zuständigkeiten die besten Erfolgsaussichten.

    Wie kann eine Universität solche Teams aufbauen helfen?
    An der TUM unterstützen ein Team von mehr als zehn Gründungsberaterinnen und -beratern sowie unser An-Institut UnternehmerTUM das proaktive Partner-Matching für den Aufbau potenzialreicher Gründungsteams und verbinden diese dann mit dem Experten-, Unternehmens- und Investorennetzwerk in der Metropolregion München – da ist München sehr gut positioniert.

    Welche Rolle spielt das Gründungszentrum UnternehmerTUM?
    UnternehmerTUM ist ein An-Institut der TU München, das den Weg für Gründungsteams aus der Universität hinaus unterstützt. Die integrative Zusammenarbeit von TUM und UnternehmerTUM ist ein Riesenerfolg. Mit seiner Gründung im Jahr 2002 noch klein begonnen, kommen aus dem TUM//UnternehmerTUM-Ökosystem heute stattliche 70 bis 80 technologieorientierte Unternehmensgründungen pro Jahr heraus. Im laufenden Jahr haben unsere Start-ups bereits zwei Milliarden Euro an Risikokapital eingesammelt. Und wir arbeiten daran, die Start-ups und ihre Arbeitsplätze in Deutschland zu halten, und liefern damit einen Beitrag zur Wohlstandssicherung unseres Landes.

    UnternehmerTUM wird mitfinanziert von der BMW-Großaktionärin Susanne Klatten. Welche Rolle spielt solches Mäzenatentum?
    Wir brauchen beherzte Visionärinnen wie Frau Klatten, die für eine Idee brennen und mit Mut und Tatendrang diese Realität werden lassen. Schon vor 20 Jahren, als kaum jemand in Deutschland über aktive Start-up-Unterstützung ernsthaft nachgedacht hat, hat Frau Klatten mit der Gründung der UnternehmerTUM begonnen, Entrepreneure und wachstumsorientierte Tech-Start-ups aus der TUM strategisch zu unterstützen. Sie ist eine wahrhaft sozial verantwortungsbewusste Entrepreneurin mit dem Willen, die Zukunft zu gestalten.

    Wie gewinnt man so jemanden? Es liegt ja wahrscheinlich nicht daran, dass Frau Klatten als Münchenerin die TUM mit der Straßenbahn erreichen konnte …
    Indem man mit einem exzellenten Forschungs- und Lehrumfeld an der Hochschule und einem Bekenntnis zu Ausgründungen die innovationsorientierte Umgebung schafft, an deren Zukunftserfolg Entrepreneure und Entrepreneurinnen wie Frau Klatten eben glauben und mit ihren Möglichkeiten helfen, diesen zu hebeln.

    „Universitäten müssen sich zum Thema Gründungen wirklich bekennen“

    Lässt sich UnternehmerTUM von anderen TUs kopieren, oder ist das spezifisch für München?
    Ich denke schon, dass sich andere da etwas abschauen können. Allein damit ist es aber nicht getan. Es braucht eine ganze Kaskade an Maßnahmen. Metropolregionen haben dabei sicherlich Vorteile. Das sehen wir weltweit. Innovationsmetropolen bringen Spitzenuniversitäten, ein starkes Wirtschafts- und Investorenumfeld und ein einzigartiges Lebens- und Kulturumfeld zusammen. So gäbe es keine Innovationsmetropole Boston ohne Harvard und MIT, kein London Triangle ohne Cambridge, Oxford und Imperial College und natürlich kein Isar Valley München ohne TUM und LMU. Diesen Standortvorteil haben ländliche Regionen nicht und sind deshalb auch weniger attraktiv für international orientierte Gründungsteams.

    Was muss sich tun bei der Organisation von Universitäten?
    Universitäten müssen sich zum Thema Gründungen wirklich bekennen und sollten dies von der Hochschulspitze in die Breite der Einrichtung hineintragen und durch konkrete Maßnahmen unterstützen, wie zum Beispiel Gründungsfreisemester für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – ganz analog zum Forschungsfreisemester. Größere rechtliche Freiräume braucht es bei der Nutzung von Messtechnik und Laboren der Universitäten durch Start-ups.

    Lohnt sich das für die Universität auch wirtschaftlich?
    Unser Lohn sind die Talente! Aber durch Lizenzgebühren oder Beteiligungen für die Nutzung geistigen Eigentums, das an der Hochschule entsteht, können wir wiederum neue Gründergenerationen bestmöglich unterstützen.

    Welche Rolle spielt die Politik in München? Sie haben beispielsweise gerade eine Fakultät für Luftfahrt, Raumfahrt und Geodäsie eröffnet. Hilft die Politik in Bayern besonders?
    Mit seiner Hightech-Agenda hat Ministerpräsident Markus Söder die Innovationspolitik Bayerns bewiesen. Dazu gehört die Stärkung der Universitäten auf Zukunftsfeldern wie auch die Unterstützung von Start-ups und Mittelstandsunternehmen in Bayern. So gehen wir mit den TUM Venture Labs hier ganz neue Wege an der Schnittstelle Universität und Wirtschaft. Aber es braucht auch stärkere bundesweite Initiativen, um die Gründungsaktivitäten zu skalieren. Dazu müssen wir beispielsweise für Privatpersonen kräftigere Anreize bieten, in wachstumsorientierte Gründungen zu investieren.

    Herr Hofmann, vielen Dank für das Interview.

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