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02.07.2022

17:30

Insight Innovation

Wie Ämter digital werden (könnten)

Von: Hannah Krolle, Teresa Stiens

Wartemarken, Aktenordner, Faxgeräte – nirgends scheint die Digitalisierung nötiger als in Behörden. Das ist eine Chance für Start-ups. Doch der Staat gilt als schwieriger Kunde.

Allein in Deutschland lag das Vergabevolumen öffentlicher Aufträge 2021 laut Bundesbeschaffungsamt bei sieben Milliarden Euro.

Insight Innovation

Allein in Deutschland lag das Vergabevolumen öffentlicher Aufträge 2021 laut Bundesbeschaffungsamt bei sieben Milliarden Euro.

Düsseldorf, Berlin Bei eineinhalb Jahren Bearbeitungszeit verlor Marc Hodapp die Geduld. So lange habe er als Architekt und Projektentwickler warten müssen, bis ein Bauantrag genehmigt war. 2020 hat er sich deshalb zwei Mitgründer gesucht und aus seiner Frustration eine Geschäftsidee gemacht: Mit seinem Start-up Urbanistic verkauft er Kommunen digitale Lösungen, mit denen die Bauplanung und viele andere Prozesse beschleunigt werden können.

Wartemarken, Aktenordner, Faxgeräte – nirgends scheint die Digitalisierung so nötig und überfällig wie in der Verwaltung. Zugleich ist der Staat mit seinen Milliardenausgaben ein potenziell großer und zuverlässiger Kunde. Doch lange hat sich die Digital- und Gründerszene in Deutschland mit Angeboten für Behörden schwergetan. Bis jetzt.

Allein in Deutschland hat der Datendienst Govmind zuletzt 300 „Govtechs“ gezählt. Das Kurzwort steht für Firmen, die der Regierung (englisch: Government) Technologie verkaufen oder einen starken Einfluss auf das öffentliche Leben haben. Die Beispiele reichen von Civical, das Software für die Social-Media-Kommunikation von politischen Akteuren anbietet, bis zu E-Scooter-Anbietern wie Tier, dessen Elektroroller ins Verkehrsgeschehen der Städte einbezogen werden müssen.

Für Europa kommt Govmind-Gründer Manuel Kilian auf knapp 1500 Govtechs, die seit 2010 gegründet wurden. Gleichzeitig seien etwa 20,7 Milliarden Dollar Wagniskapital in das europäische Govtech-Universum geflossen, sagt er. Zum Vergleich: Die gesamte deutsche Start-up-Szene hat im vergangenen Rekordjahr laut der Unternehmensberatung EY 17,4 Milliarden Euro eingesammelt. Das Potenzial in dem Markt ist also groß – wenn man nur erst einmal hineinkommt. Dabei können neue Govtech-Unternehmen von den Erfahrungen der Pioniere lernen.

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    Am Anfang braucht es Geduld und finanziellen Spielraum

    Der frühere Architekt Marc Hodapp brauchte auch für seinen Einstieg ins neue Geschäft zunächst einmal wieder Geduld. Nachdem ihn seine Erfahrungen mit der Verwaltung 2020 dazu gebracht hatten, das Start-up Urbanistic zu gründen, wollte er seine Lösungen für moderne Stadtentwicklung möglichst schnell in die Kommunen bringen. Eines der Produkte ist ein digitaler Zwilling, mit dem sich modellieren lässt, ob und wo sich bei einer Bebauung Hitzeinseln bilden.

    Und tatsächlich: Mit Kirchheim in Bayern fand er schnell eine Kommune, die begeistert von dem Angebot war. Dann die Ernüchterung: „Wir dachten am Anfang, wir können in einem Monat loslegen“, sagt Hodapp. Doch auch in diesem Fall sollte sich der Start noch eineinhalb Jahre hinauszögern. Die Kommune musste erst mal einen langwierigen Ausschreibungsprozess auflegen, um dem Start-up den Zuschlag erteilen zu können. So will es das Vergaberecht.

    Die Zahl der Govtechs könnte wohl noch deutlich höher sein, wenn die öffentlichen Vergabeverfahren in Deutschland anders gestaltet wären. Ausschreibungen sind bisher oft unübersichtlich, schwer zu finden und nicht auf junge Unternehmen zugeschnitten.

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    Bei einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom vor zwei Jahren gab nur jedes dritte der 206 befragten Start-ups an, dass es sich schon einmal auf eine öffentliche Ausschreibung beworben hatte. Die am häufigsten genannten Gründe: langwierige Vergabeprozesse, fehlende Zeit zum Durchlesen von Ausschreibungen, zu viele geforderte Unterlagen und Nachweise.

    Das Problem ist erkannt, sagt Markus Richter, Staatssekretär und oberster IT-Chef der Bundesregierung: „Es sind schnell tolle Ideen da“, sagte er jüngst beim Handelsblatt Govtech-Gipfel. Aber wenn Start-ups dann mit den Formularen allein gelassen würden, seien sie schnell überfordert.

    Und: Nicht jedes Start-up hat den finanziellen Puffer, anderthalb Jahre auf die ersten Umsätze zu warten.

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    Es kann aber auch sehr schnell gehen. Tobias Fischer hat sein Govtech-Start-up Roadia gewissermaßen nach einer „Nahtoderfahrung“ gegründet, wie er selbst sagt. Nachdem er in Berlin auf seinem Fahrrad ganz knapp von einem Auto überholt worden war, begann er zu überlegen, wie man den Verkehr sicherer machen könnte. 2021 gründete er mit zwei Mitstreitern Roadia. Noch im selben Jahr brachten sie ihr erstes Produkt zur Verkehrsdatenerfassung an den Markt, mit dem sie direkt einen Auftrag für die Verkehrszählung in Schleswig-Holstein bekamen.

    Bei Vergabeverfahren sollten Gründer wie eine Verwaltung denken

    Der Trick? Roadia-Mitgründer Mykhaylo Filipenko rät anderen Gründern, sich genau zu überlegen, welche Interessen die Verwaltung an einer Kooperation haben könnte. „Bei Unternehmen sind die Ziele in der Regel wirtschaftlich orientiert“, sagt er. Für Verwaltungen hingegen seien andere Punkte wichtig: die Straßen sicherer zu machen, die Infrastruktur zu verbessern oder den Bürgerservice zu vereinfachen. Anders gesagt: Start-ups dürfen in der Amtsstube nicht ihre Profitmaximierungsstory pitchen, mit der sie sonst ihre Wagniskapitalinvestoren zu überzeugen versuchen. Das stößt eher auf Abwehrreaktionen.

    Inzwischen hat Roadia auch außerhalb von Deutschland an öffentlichen Ausschreibungen teilgenommen – irgendwo in Europa, wo genau möchte Filipenko nicht verraten. Aber: „Das Vergabeverfahren war dort sehr viel transparenter“, sagt der Gründer. Das Beispiel zeigt auch: Die meisten Govtechs sind keineswegs an ein einziges Land gebunden.

    Nach Angaben der Weltbank wurden 2020 weltweit Waren und Dienstleistungen im Wert von 85 Billionen Dollar hergestellt, rund 14 Prozent davon bestellt und bezahlt von Regierungen: „Der Business-to-Government-Markt ist das Zwölf-Billionen-Dollar-Rückgrat der globalen Wirtschaft“, sagt John Witt. Mit seiner in London ansässigen Firma Stotles hat er eine Plattform entwickelt, über die Unternehmen einfacher Geschäfte mit dem öffentlichen Sektor abwickeln können sollen.

    Allein in Deutschland lag das Vergabevolumen öffentlicher Aufträge 2021 laut Bundesbeschaffungsamt bei sieben Milliarden Euro. Fast drei Viertel der Ausgaben entfielen dabei auf digitale Dienstleistungen und Informationstechnik. Wie viele der Aufträge schließlich an Start-ups gehen, erhebt das Beschaffungsamt nicht.

    Über 46.000 IT-Fachkräfte bräuchte es, um das Ziel des OZG, bis 2022 alle Verwaltungsdienste digital abzubilden, zu erreichen. obs

    Behörden mit reichlich Faxverkehr

    Über 46.000 IT-Fachkräfte bräuchte es, um das Ziel des OZG, bis 2022 alle Verwaltungsdienste digital abzubilden, zu erreichen.

    Aus Sicht von Stotles-CEO John Witt gilt: je mehr es werden, desto besser. Über Stotles lässt sich zum Beispiel der Verkauf von Materialien wie Tackern, Lochern und Bürostühlen steuern. Es vermittelt aber auch Arbeitskräfte und Softwaredienstleistungen. „Stepstone für die digitale Verwaltung“, nennt es Christian Miele, Investor und Vorstandsvorsitzender des Startup-Verbands. Seine Wagniskapitalfirma Headline hat mit weiteren Investmentgesellschaften jüngst 6,5 Millionen US-Dollar in die Firma investiert. Insgesamt konnte die Firma seit ihrer Gründung etwa neun Millionen US-Dollar einsammeln.

    Anders als klassische Online-Vergabeplattformen individualisiert Stotles die Suche für jedes Unternehmen. Dazu werden die Interessen und Präferenzen der Kunden automatisch abgefragt. Eine Software gleicht diese Angaben mit den verfügbaren Ausschreibungen ab und generiert daraus eine fortlaufende Trefferliste, einen „personalisierten Feed“, sagt Co-Gründer Taj Kamranpour. Zu den Kunden gehören etablierte Konzerne wie Vodafone, Nokia und die Boston Consulting Group (BCG), aber auch jüngere Tech-Unternehmen wie UiPath und Freshworks.

    Das Geschäftsmodell lasse sich leicht skalieren, also mit relativ wenig Aufwand vielen Kunden gleichzeitig anbieten. Für die Nutzung der Plattform zahlen Unternehmen eine Jahresgebühr, die von der Anzahl der Mitarbeiterzugänge abhängig ist. Ausschlaggebend für den Erfolg werde die zunehmende Produkterweiterung hin zum „zentralen öffentlichen Beschaffungstool“, sagt Investor Miele.

    Erst vernetzen, dann verkaufen

    Die Erfahrung von Stotles-Gründer Witt: Nicht nur die Start-ups, auch viele Verwaltungen hätten ein Interesse, vorhandene Innovationen für sich nutzbar zu machen. Doch veraltete Strukturen und strenge Vorgaben im Vergaberecht oder bei der Einstellung erschweren die Modernisierung.

    In der letzten Finanzierungsrunde erhielt Stotles 6,5 Millionen US-Dollar Kapital. (Foto: Stotles)

    GovTech Start-up Stotles

    In der letzten Finanzierungsrunde erhielt Stotles 6,5 Millionen US-Dollar Kapital.

    (Foto: Stotles)

    Hier setzt Lars Zimmermann an, der selbst drei Jahre lang ein Govtech- Unternehmen gemanagt hat. Er nennt Deutschland gern einen „Rahmenvertragsstaat“ mit Grundlagen „aus dem Industriezeitalter“. Bund, Ländern und Kommunen falle es immer schwerer, die Voraussetzungen für ihre eigene Modernisierung zu schaffen, sagt Zimmermann.

    Er hat deshalb im März gemeinsam mit Bundesministerien und Vertretern der Bundesländer in Berlin den „Govtech Campus“ gegründet. Dort sollen sich Behörden und Technologieexperten begegnen und zusammen Lösungen erarbeiten. Aus Sicht von Bundes-CIO Markus Richter der richtige Ansatz: Entscheidend sei, das von „vornherein auch mitbedacht“ werde, wie der Einkaufsprozess ist, damit dieser „leichtgängig“ stattfinden könne.

    In den Räumlichkeiten ist auch der neu gegründete Campus für Künstliche Intelligenz (AI Campus) untergekommen. (Copyright Vitra: Eduardo Perez)

    Gebäude des „Govtech Campus“ in Berlin

    In den Räumlichkeiten ist auch der neu gegründete Campus für Künstliche Intelligenz (AI Campus) untergekommen. (Copyright Vitra: Eduardo Perez)

    Einige Kommunen schlagen derweil schon einen anderen Weg ein. Als die Stadt Bochum 2018 beschloss, eine Website einzurichten, holte sie externen Rat ein. Doch das Ergebnis der Konsultation: Bochum hatte eine digitale Generalüberholung nötig. Kurzerhand gründete die Stadtverwaltung über die Wirtschaftsförderung selbst ein Start-up – Shift Digital.

    David Latz ist Geschäftsführer von Shift Digital und preist die Vorteile des Modells: „Wir können moderne Arbeitsbedingungen bieten und ziehen junge und digital-affine Leute an“, sagt er. Durch die enge Anbindung an die Stadt könnten die späteren Nutzer direkt an der Entwicklung beteiligt werden.

    Als erstes Projekt wurde eine Plattform für Ideenmanagement ins Leben gerufen, die einen Briefkasten im Rathaus ersetzen sollte. Langfristig will das Bochumer Eigengewächs seine Produkte auch an andere Städte weitergeben. Doch für Nina Ferreira da Costa, Produktmanagerin bei Shift Digital steht auch fest: „Wir können die Digitalkompetenzen innerhalb der Verwaltung nicht ersetzen.“
    Mit anderen Worten: Die Transformation lässt sich weder beschaffen noch ausgründen. Ein bisschen digitalisieren müssen sich die Kommunen schon auch selbst.

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