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04.03.2022

04:00

Wissenschaftsnetzwerk

Researchgate-Gründer Madisch revolutioniert die Klimaforschung

Von: Hannah Krolle

Ijad Madisch hat mit seiner Plattform Tausende Wissenschaftler vernetzt. Nun will er mit Künstlicher Intelligenz die Klimaforschung beschleunigen.

Fast 90 Millionen Dollar Startkapital sammelte Madisch von Star-Investoren wie Bill Gates, Ex-Facebook-Manager Matt Cohler und Tech-Milliardär Peter Thiel ein, Ex-Kanzlerin Angela Merkel besuchte Madisch im Berliner Büro.

Researchgate-Gründer Madisch und Angela Merkel

Fast 90 Millionen Dollar Startkapital sammelte Madisch von Star-Investoren wie Bill Gates, Ex-Facebook-Manager Matt Cohler und Tech-Milliardär Peter Thiel ein, Ex-Kanzlerin Angela Merkel besuchte Madisch im Berliner Büro.

Düsseldorf Der Klimawandel ist eine der größten Bedrohungen der Gegenwart. Bis zu 3,6 Milliarden Menschen leben dem Weltklimarat zufolge in einem besonders von der Erderwärmung gefährdeten Umfeld. Mit dem Wissenschaftsnetzwerk Researchgate will Ijad Madisch die Klimaforschung beschleunigen – indem er Forscher weltweit auf einer Plattform zusammenbringt. „Wissen und Technologie sind hinreichend vorhanden“, sagt Madisch im Podcast Handelsblatt Disrupt. „Wir müssen nur lernen, sie zu nutzen.“

Madisch ist Arzt, promovierter Virologe und Gründer von Researchgate, einer Art Facebook für Forscher. 20 Millionen Forscher sind dort vernetzt, Tausende tauschten sich auf der Plattform über ihre Erkenntnisse zu Covid-19 aus. Nun will Madisch das Netzwerk noch effizienter machen und mit Künstlicher Intelligenz aus vorhandenen Daten neue Erkenntnisse gewinnen.

„Ab Montag wird eine neue ,Spotlight' Funktion live gehen. Diese ermöglicht es unseren Nutzern, die Sichtbarkeit ihrer Forschungsergebnisse weiter zu steigern, indem eine ausgewählte Publikation aus dem eigenen Profil anderen Wissenschaftlern mit ähnlichen Interessen automatisch vorgeschlagen wird. Um die richtigen Schlüsse zu ziehen, brauchen wir ein System, bei dem Mensch und Maschine zusammenarbeiten“, sagt Madisch.

Eberhard Parlow, emeritierter Professor für Meteorologie, Klimatologie und Fernerkundung an der Universität Basel, nutzt Researchgate seit vielen Jahren. Die Plattform mache den Austausch von Publikationen „schnell und unkompliziert“, sagt er. Das Netzwerk sei „die moderne Antwort auf ein veraltetes Wissenschaftssystem“, so Parlow.

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    „Die moderne Antwort auf ein veraltetes Wissenschaftssystem“

    Früher war Forschungswissen nur in gedruckten Fachzeitschriften verfügbar. Wer die Ergebnisse mit Forscherkollegen teilen wollte, musste eine bestimmte Menge an Sonderdrucken beauftragen – meist nicht mehr als 25 – und diese per Post an die Kollegen schicken. „Das dauerte Wochen, manchmal war der wissenschaftliche Stand längst überholt“, sagt er.

    Parlow arbeitet mit Forschern weltweit zusammen, unter anderem aus Kanada, Namibia, Australien und Japan. „Wenn ich gestern etwas geschrieben habe, wissen meine Kollegen heute schon Bescheid“, sagt er. Die Texte lädt er direkt auf die Plattform – noch bevor sie in Wissenschaftsjournalen publiziert wurden.

    Parlow habe auch andere Plattformen wie Academia.edu genutzt – doch die seien teuer. Researchgate ist für Wissenschaftler dagegen kostenlos, Haupteinnahmequelle des Unternehmens sind Stellen- und Werbeanzeigen auf der Plattform.

    Noch sei Researchgate nicht profitabel, aber man sei „sehr nah dran“, betont Gründer Madisch. Er versuche, eine „Balance zwischen weiteren Investitionen in Wachstum und Profitabilität“ herzustellen. Researchgate finanziere sich außerdem durch Kooperationen mit Wissenschaftsverlagen. Diese könnten ihre Inhalte über die Plattform einer relevanten Leserschaft zugänglich machen und gleichzeitig neue Autoren für sich gewinnen, so Madisch.

    Knapp 90 Millionen Dollar Startkapital

    Madisch galt als Hoffnung der Berliner Start-up-Szene, heute ist er längst über die Landesgrenze hinaus bekannt. Fast 90 Millionen Dollar Startkapital sammelte er von Starinvestoren wie Bill Gates, Ex-Facebook-Manager Matt Cohler und Tech-Milliardär Peter Thiel ein. Ex-Kanzlerin Angela Merkel besuchte den Gründer in seinem Berliner Büro. „Deutschland hat alles, um ein Gründerland zu werden“, sagt er. Vor allem in Hamburg, Berlin und München würden Studenten durch Gründerprogramme unterstützt.

    Als Madisch selbst in den frühen Zweitausenderjahren gründen wollte, sah das anders aus. Sein Lebenslauf erfüllte sämtliche Kriterien einer erfolgreichen Wissenschaftskarriere: Medizinstudium, Harvard-Stipendium, Promotion. Als er seinem Professor in Deutschland die Idee vorstellte, Wissenschaftler auf einer Plattform zu vernetzen, reagierte der mit Ablehnung: „Schlag dir den Firlefanz schnell aus dem Kopf“, habe dieser damals gesagt.

    „In Deutschland sitzen viele Forscher im Elfenbeinturm, das ist ein Problem für den Erfolg von Ausgründungen.“ Anders in den USA: Madisch kündigte, ging als Postdoktorand an die Harvard Medical School zurück und gründete 2008 Researchgate. Sein Professor dort hatte ihm eine halbe Stelle als Forscher verschafft, die ihm genügend Zeit ließ, an seiner Geschäftsidee zu arbeiten, sagt Madisch. Er unterstütze ihn auch finanziell.

    Zurück in Deutschland schlug die damalige Kanzlerin Merkel ihn als Mitglied des Digitalrats der Bundesregierung vor. Seit 2018 setzt er sich dort für Gründertum in Deutschland und Digitalisierung ein. Mit seinem Professor hat Madisch Frieden geschlossen: Der habe sich selbst auf der Plattform angemeldet und entschuldigt. „Heute sind wir Freunde“, sagt er.

    Der Krieg in der Ukraine lässt auch Madisch nicht unberührt. Ein Teil der Wissenschaftscommunity fordere, russischen Forschern den Zugang zu blockieren. Madisch zögert: Researchgate habe er mit dem Ziel gegründet, allen Wissen zugänglich zu machen. „Es ist unsere Mission, Menschen zusammenzubringen – auch in Zeiten des Krieges.“

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