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28.11.2019

10:57

Corporate Health Award

Gesundheits-Apps sollen Mitarbeiter fit machen

Von: Jan Wittenbrink

Die Digitalisierung eröffnet Gesundheitsmanagern neue Möglichkeiten. Das Potenzial ist hoch, doch nicht jedes technische Mittel erfüllt seinen Zweck.

Mehr als jedes dritte Unternehmen setzt laut einer Studie gesundheitsbezogene Apps ein, um etwa die Bewegung zu fördern. imago/Panthermedia

Fitness-App

Mehr als jedes dritte Unternehmen setzt laut einer Studie gesundheitsbezogene Apps ein, um etwa die Bewegung zu fördern.

Köln Am Anfang steht ein digitaler Fragebogen: Wie ernähren Sie sich? Wie oft machen Sie Sport? Oder auch: Sind Sie in der Lage, einen Kasten Mineralwasser die Treppe hochzutragen? Nach wenigen Minuten zeigt der „Digital Health Guide“ in groben Zügen, wie es um die Gesundheit bestellt ist.

Die Nutzer können dann am Handy oder PC einzelne Themen wie Ernährung oder Stress weiter vertiefen – und erhalten Vorschläge, wie sie ihr Verhalten im Alltag ändern oder welche Sportkurse sie belegen könnten.
Im Test ist das Programm bei der Deutschen Telekom – im Rahmen des Modellprojekts „Digitalisierung und Gesundheit“, das der Dax-Konzern mit der Krankenkasse Barmer gestartet hat.

Dabei werden zahlreiche Angebote des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) erprobt. „Neu entwickelte Produkte werden mit wissenschaftlicher Begleitung auf ihre Wirksamkeit hin geprüft“, sagt Anne-Katrin Krempien, Leiterin Health & Safety Management der Telekom.

Firmen schichten Budgets um

Die Partnerschaft von Barmer und Telekom folgt einem Trend im BGM. „Es gibt gerade einen Hype um digitale Innovationen“, sagt Volker Nürnberg, Spezialist für das Gesundheitsmanagement bei der Beratung BDO. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts EuPD Research setzen 38 Prozent der Unternehmen gesundheitsbezogene Apps ein, die beispielsweise die Bewegung fördern.

Vor drei Jahren waren es erst 15 Prozent. Nürnberg sieht insgesamt noch Luft nach oben. Er schätzt, dass derzeit etwa zehn Prozent aller BGM-Ausgaben in digitale Anwendungen fließen. In Zukunft werde sich der Anteil deutlich erhöhen. Digitale Lösungen hätten zahlreiche Vorteile, sagt Nürnberg. „Sie können zu jeder Zeit genutzt werden, auch von zu Hause aus.“

Zudem könnten sie die Hemmschwelle senken, etwas für die eigene Gesundheit zu tun: „Mancher scheut vielleicht den Gang zum Psychologen, lässt sich aber auf einen Onlinekurs zur Vorbeugung von Burn-out ein.“ Die Apps sind ein möglicher Einstieg in das digitale Gesundheitsmanagement. Vermehrt zum Einsatz kommen auch tragbare Geräte wie Fitnessarmbänder, die dem Nutzer direkt Daten über den eigenen Körper liefern.

Immer mehr Unternehmen nutzen darüber hinaus Online-Plattformen, auf denen Mitarbeiter aus digitalen und nichtdigitalen Gesundheitsangeboten wählen können. Diesen Schritt ist Anfang November Bayer gegangen.

Der Leverkusener Pharmakonzern arbeitet mit der Plattform „Machtfit“ zusammen, nach eigenen Angaben in Deutschland Marktführer bei betrieblichen Gesundheitsportalen.

Spielerische Elemente als Erfolgsfaktor

Auf dem Bayer-Portal haben Beschäftigte nun sowohl Zugriff auf konzerneigene Gesundheitsangebote als auch auf die von Machtfit. Das Unternehmen habe schon länger ein neues Gesundheitszentrum geplant, sagt Dirk Pfenning, BGM-Verantwortlicher bei Bayer. „Nun haben wir uns für eine virtuelle Realisierung entschieden.“

Der entscheidende Vorteil sei, dass Mitarbeiter an allen Bayer-Standorten darauf Zugriff haben. Bereits nach drei Wochen haben sich laut Pfenning 3000 Beschäftigte registriert – deutlich mehr als erwartet. Dazu tragen auch spielerische Elemente bei: Mitarbeiter verschiedener Standorte könnten in „Challenges“ gegeneinander antreten, sagt Pfenning. „Das fördert die Vernetzung und motiviert für das wichtige Thema Bewegung.“

Generell wichtig sei, dass digitale Angebote bestimmte Qualitätskriterien einhalten, sagt BGM-Experte Nürnberg: Von den Tausenden Gesundheits-Apps, die Firmen herunterladen könnten, hält er den Großteil für überflüssig. Entscheidend sei, dass bei der Entwicklung wissenschaftliche Erkenntnisse eine Rolle gespielt hätten. „Hinter dem digitalen Produkt sollten reale Ärzte, Psychologen oder Sportwissenschaftler stehen“, sagt er.

Eine wissenschaftlich begleitete App hat das Berliner Start-up Selfapy entwickelt. Es bietet dreimonatige Onlinekurse zur Behandlung und Prävention von psychischen Erkrankungen. Die Nutzer sollen dabei lernen, wie sie Krisen bewältigen und negative Gedanken in den Griff bekommen. Teil des Konzepts sind Telefonate oder Chats mit Psychologen.

Wissenschaftliche Qualität zählt

Seit zwei Jahren können auch Unternehmen die Onlineprogramme nutzen – 2000 Nutzer aus 30 Firmen haben sich laut Selfapy angemeldet. „Mitarbeiter werden geschützt, während gleichzeitig Fehltage reduziert werden“, teilt das Start-up mit. Psychische Erkrankungen seien der zweithäufigste Krankschreibungsgrund in Unternehmen. Vor allem den Mittelstand hat Selfapy als mögliche Kundschaft ins Auge gefasst.

Den Bogen zwischen Praxis und Prävention spannt der ostwestfälische Elektronikspezialist Weidmüller mit einer digitalen Lösung. Der Mittelständler verwendet „HoloLens“-Datenbrillen von Microsoft, um Mitarbeiter auch aus der Ferne an Maschinen einzuweisen – das soll die Arbeitssicherheit erhöhen. Möglich ist das über Kameras an der Brille sowie eine Skype-Funktion.

Besondere Gefahrenstellen an der Maschine etwa werden virtuell markiert. „Der Einsatz der Brille macht den Mitarbeitern Spaß und erhöht die Aufmerksamkeit für mögliche Gefahren“, sagt Gerrit Plaßmann, Arbeitsschutzexperte bei Weidmüller. Zusätzlich hat Weidmüller die Comicfigur „Ferdi“ entwickelt, die in Videos auf Risiken im Arbeitsalltag hinweisen soll.

Mitarbeiter können dank einer speziellen Software in deren Rolle schlüpfen. „Ferdi“ bewegt sich dann wie die Person vor der Kamera – und warnt vor typischen Gefahren an den Arbeitsplätzen. Die digitalen Maßnahmen fruchten offenbar: Die Arbeitsunfälle durch fehlerhaftes Verhalten von Mitarbeitern haben sich in den vergangenen 1,5 Jahren laut Firmenangaben halbiert.

Entscheidend für den Erfolg einer neuen BGM-Lösung sei die richtige Kommunikation, erläutert Experte Volker Nürnberg. „Die Führungskräfte müssen dahinterstehen. Sie können eine neue App etwa in Besprechungen weiterempfehlen.“ Wichtig sei auch, Bedenken beim Datenschutz auszuräumen.

„Natürlich sollte der Chef nicht sehen können, zu welchen Zeiten man genau Sport macht oder für welche Krankheiten sich ein einzelner Mitarbeiter interessiert“, sagt Nürnberg. Lediglich auf anonyme Nutzungsdaten solle den Verantwortlichen im Unternehmen der Zugriff erlaubt sein – diese würden schließlich wichtige Rückschlüsse auf die betriebliche Gesundheit erlauben.

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