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20.04.2019

10:06

Granulat

Streit um Mikroplastik: Kunstrasenbauer fürchten um ihren Ruf

Von: Axel Höpner

Laut einer Studie sind Kunstrasenplätze eine der Hauptquellen für Mikroplastik in der Umwelt. Der deutsche Weltmarktführer wehrt sich gegen Vorwürfe.

Pro Jahr könnten die Fußballfelder laut einer Fraunhofer-Studie etwa 11.000 Tonnen Mikroplastik emittieren. dpa

Kunstrasen

Pro Jahr könnten die Fußballfelder laut einer Fraunhofer-Studie etwa 11.000 Tonnen Mikroplastik emittieren.

MünchenFür den Deutschen Fußball-Bund ist die Sache klar. Die Europameisterschaft 2024 im eigenen Land sei „für unseren Fußball an der Basis eine riesige Chance“, sagte der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel in seiner Ansprache zum Jahreswechsel.

Bei solchen Großereignissen fingen immer besonders viele Kinder und Jugendliche an, Fußball zu spielen. Darauf müsse man sich vorbereiten. Das Land brauche engagierte und gut ausgebildete Trainer und eine ausreichende Infrastruktur – „vor allem Kunstrasenplätze“.

Kunstrasenplätze sind pflegeleicht und können – anders als Naturrasen – intensiv bespielt werden. Kein Wunder, dass sie mittlerweile weit verbreitet sind. Doch nun sind Vereine und Kommunen verunsichert: Ein Fraunhofer-Institut hat eine Studie veröffentlicht, der zufolge Kunstrasenplätze eine der Hauptquellen für Mikroplastik in der Umwelt sind. Pro Jahr könnten die Fußballfelder demnach etwa 11.000 Tonnen Mikroplastik emittieren.

Der deutsche Weltmarktführer Sport Group mit der Marke Polytan fürchtet um seinen guten Ruf. Die Situation sei absurd, sagte Vorstandschef Frank Dittrich dem Handelsblatt. Die Diskussion um das Mikroplastik finde fast ausschließlich in Deutschland statt. Dabei würden gerade hier besonders umweltverträgliche und nachhaltige Beläge produziert und verlegt. „Wenn sich einer dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben hat, sind wir das.“

Bei dem Streit geht es vor allem um das Kunststoffgranulat, das auf den Plätzen die künstlichen Halme stützen soll. Dieses kann zum Beispiel durch Wind, durch die Spieler, wenn sie den Platz verlassen, oder im Winter beim Schneeräumen abgetragen werden. Die Platzwarte müssen daher regelmäßig neues Granulat ausbringen.

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Dass Mikroplastik vielfach die Natur und die Gewässer belastet, ist allgemein bekannt. Doch gibt es bislang nur wenig gesicherte Erkenntnisse, wo dieses herkommt. Und hier setzt das Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) auf breiter Basis an.

Das für viele überraschende Ergebnis: Nach dem Hauptverschmutzer Autoreifen – der Abrieb ist für mehr als die Hälfte aller Emissionen verantwortlich – gehörten die Kunstrasen zu den Hauptquellen. Seit dies bekannt wurde, haben einzelne Fußballvereine ihre Kunstrasenprojekte abgesagt oder erst einmal auf Eis gelegt.

„Die Granulate entsprechen der Spielzeugnorm“

Der Bayerische Fußball Verband erklärt auf Anfrage, man unterstütze selbstverständlich „als Mitglied der Bayerischen Klima-Allianz generell Lösungen mit hohen Umwelt- und Klimaschutzstandards“. Aufgabe sei es, die „Fußballvereine für diese Themen zu sensibilisieren, den Kontakt zwischen Vereinen und Experten herzustellen und im Idealfall durch Partnerschaften mit den Anbietern der entsprechenden Lösungen die entstehenden Kosten für Vereine zu senken“. Zu den Partnern des Verbands gehört auch Polytan, das den Vereinen Seminare zum Thema Kunstrasen anbietet.

Aufgrund ständig steigender Anforderungen und neuer Technologien sei die Menge an Infill-Granulaten in deutschen Kunstrasensystemen in den vergangenen Jahren bereits drastisch auf bis zu einem Fünftel der ursprünglichen Menge gesenkt worden, heißt es bei Polytan. Zudem würden hierzulande überwiegend spezielle entwickelte Gummigranulat-Mischungen eingesetzt, die zu 30 Prozent aus Kunststoff bestünden und ansonsten aus natürlichen Füllstoffen wie zum Beispiel Kreide.

Diese Materialien seien nach den strengen Definitionen des EU-Verbraucherschutzes für Umwelt und Gesellschaft nicht schädlich. „Diese Granulate entsprechen der Spielzeugnorm“, sagte Dittrich, „und unterliegen allerstrengsten Auflagen.“ Bei Billigrasen im Ausland würden dagegen oft noch immer recycelte Autoreifen als Infill-Granulat verwendet, die heute in Deutschland nur noch selten eingesetzt werde.

Die Zahl von 11.000 Tonnen zweifelt Dittrich an. Die im Umlauf befindlichen Studien basierten auf Befragungen und Annahmen, die den in Deutschland eingesetzten Systemen nicht entsprächen. Hier gelte ohnehin bereits seit 1993 eine DIN-Norm, die eine Bauweise mit elastischer Schicht und fünf Kilogramm pro Quadratmeter Einfüllgranulat vorgebe. Die Mengen seien daher gar nicht möglich.

Tatsächliche Messungen lägen zudem gar nicht vor. Polytan habe zudem in den vergangenen Jahren neue Rasen mit gekräuseltem Untergarn entwickelt, das das Füllmaterial besonders gut halten. Was dann doch vom Platz getragen werde, gelange größtenteils in Roste und Drainage-Rinnen am Spielfeldrand und könne so aufgefangen und im Müll entsorgt werden. In Summe müssten daher bei modernen Plätzen jährlich etwa nur noch 250 Kilogramm Granulat nachgestreut werden.

Ralf Bertling vom Fraunhofer-Institut, der die Studie befasst hat, bestätigt, dass sich die Forscher bei vielen Quellen, für die es keine Messungen gebe, auf Schätzwerte stützen mussten. Basis seien die Angaben der Hersteller, wieviel Ersatzmaterial im Jahr ausgestreut werden muss. Dies wurde dann auf knapp 2900 große Kunstrasen-Fußballplätze und rund 1900 kleine und Mini-Plätze hochgerechnet.

Dabei zeigten sich bei den Herstellern deutliche Unterschiede. Manche Plätze haben einen Granulatverlust von 500 Kilogramm im Jahr, andere von 4000. Die Studie untersuchte nicht, wo die Emissionen landen, ob im Grundwasser, in der Erde oder im Abfall. „Die Menge, die gegebenenfalls durch Klärwerke und Straßenreinigung zurückgewonnen wird, kennen wir nicht.“

Granulat ist kaum ersetzbar

Polytan sei eher ein Hightech-Anbieter, sagt auch Bertling, und zum Beispiel das Konzept mit dem gekräuselten Untergarn interessant. „Doch gibt es in Deutschland noch extrem viele Altplätze.“ Zudem sei ja nie gesichert, dass der Originalhersteller auch den Auftrag für das Ersatzmaterial bekomme.

Welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind, wird derzeit diskutiert. Die Landesregierung von Niedersachsen zum Beispiel erklärte Anfang des Jahres, es gebe noch viele Wissenslücken. Aufklärung soll das Verbundprojekt „Plastikbudget“ bringen, das unter der Koordination von Fraunhofer gestartet wurde. „Es wird nach Vorliegen der Ergebnisse zu prüfen sein, ob und welche Maßnahmen zu ergreifen sind.“

Die Fraunhofer-Wissenschaftler wollen in weiteren Untersuchungen nun unter anderem bei den Betreibern von Plätzen erfragen, wieviel Ersatzmaterial tatsächlich ausgebracht wird.

Ein Kunstrasen ohne Gummigranulat ist nach Einschätzung der Hersteller nicht geeignet. Bei Sand gibt es häufiger Verletzungen. Polytan bietet auch Kork als Füllmaterial an, doch sei auch hier mit Einschränkungen zu rechnen. So seien die Korkgranulate sehr leicht und könnten bei starken Regen leicht ausgespült werden.

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Die Sport Group verkauft bereits seit Jahrzehnten Bodenbeläge für Sportstätten. Der Umsatz in der Gruppe lag zuletzt bei etwa 600 Millionen Euro. Ging es früher vor allem um Tartanbahnen spielt heute Kunstrasen eine immer größere Rolle.

Konkurrent Eurogreen, der auch Naturrasen anbietet, vermarktet die Alternativen offensiver. Die Fraunhofer-Ergebnisse seien nicht überraschend, heißt es auf der Internetseite des Unternehmens. „Wir hoffen nur, dass es bezüglich des Abriebes von Gummi-/Kunststoffpartikeln während des Spielbetriebes vor allem in der heißen Jahreszeit nicht noch mehr unangenehme Überraschungen bezüglich der ‚Atemluft‘ für Fußballer auf den Plätzen gibt.“

Alternativen seien gut gepflegte Naturrasen und bei extremer Belastung ein natürlich verfüllter Hybridrasen, hier sind Gräser und Kunststofffasern gemischt. Bei sehr intensiver Nutzung komme auch ein sandverfüllter Kunstrasen infrage, „der alle Bedenken ausräumen kann“.

Wissenschaftler Bertling sieht noch viel Forschungsbedarf. Eine klare Empfehlung für Vereine und Kommunen will er deshalb nicht abgeben. „Eine faire Bewertung muss ganzheitlich sein und Daten aus Ökobilanzen, Toxikologie und sozialen Effekten berücksichtigen.“

Vielleicht sei es empfehlenswert, im Einzelfall noch etwas abzuwarten und alle Folgen durchzudenken. So sei in städtischen Gebieten zum Beispiel der Platz knapp und es gebe nur wenig Möglichkeiten für Kinder, draußen Fußball zu spielen. Da könne ein moderner Kunstrasen trotz des Mikroplastiks eine Überlegung wert sein. Anderswo sei vielleicht Naturrasen die bessere Wahl.

Doch auch der hat nicht nur Vorteile, ist Hersteller Dittrich überzeugt. „Auf die Gesamtlebensdauer gesehen sind moderne Kunstrasensysteme bei wesentlichen Umweltkriterien selbst den Naturrasensystemen überlegen.“ Dies betreffe zum Beispiel den Flächen- und Wasserverbrauch, die Gesamt-CO2-Bilanz und die Nitrateinbringung in den Boden durch Düngung und Unkrautbekämpfung.

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