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05.03.2018

15:04 Uhr

Deutschland erlebt derzeit seine stärkste Grippewelle seit vielen Jahren erlebt. dpa

Grippe

Deutschland erlebt derzeit seine stärkste Grippewelle seit vielen Jahren erlebt.

Influenza

Warum niemand die wahre Zahl der Grippe-Fälle kennt

VonUlf Sommer, Maike Telgheder

Die Grippewelle ist auf dem Höhepunkt. Zehntausende Fälle werden jede Woche gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein.

Düsseldorf, FrankfurtDie diesjährige Grippewelle hat mit rund 40.000 gemeldeten Influenza-Fällen in der vergangenen Woche einen neuen Höhepunkt erreicht. Seit Jahresbeginn steigt die Zahl der Erkrankten stetig an.

Eine Grippewelle dauert normalerweise zwischen drei und vier Monate. „Demnach müssten wir den Gipfel jetzt erreicht haben“, sagte eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts am Montag. Für eine Entwarnung sei es aber noch zu früh, solange die Zahl der Erkrankten Woche für Woche steige.

Bei der gemeldeten Zahl handelt es sich nicht um Hochrechnungen auf der Basis von Stichproben, sondern ausschließlich um Krankheitsfälle, bei denen das Virus im Labor zweifelsfrei nachgewiesen wurde.

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Doch genau dies geschieht in der Realität gar nicht, wie Recherchen des Handelsblatts in mehreren Städten und Bundesländern zeigen. Deshalb ist die Dunkelziffer an Grippefällen um ein vielfaches höher. Wer Arztpraxen in den vergangenen Tagen besucht hat, kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland Anfang März 2018 seine stärkste Grippewelle seit vielen Jahren erlebt.

Ob München, Düsseldorf, Neuss, Essen, Bremen oder Hamburg: Aus allen Großstädten berichteten Betroffene von langen Warteschleifen am Telefon und langen Menschenschlangen in den Wartezimmern, an der Rezeption und sogar im Treppenhaus vor den Eingangstüren der Hausärzte.

Tatsächlich weiß niemand, wie viele Menschen sich derzeit mit dem Grippe-Virus plagen. Der Grund: Kaum eine Arztpraxis führt angesichts des hohen Andrangs überhaupt noch Tests durch, um Grippe bei Erwachsenen nachzuweisen. Ausnahme sind Kinder bis zwölf Jahren, bei denen die meisten Kinderärzte nach wie vor Schnelltests durchführen, um den Virus zu identifizieren.

„Wenn wir auf den Grippevirus testen, bleiben wir auf den Kosten sitzen“, klagt eine Neusser Ärztin. Sie will anonym bleiben. Angesichts der Vielzahl an Neuerkrankten und übervoller Wartezimmer reiche das Budget und die Zeit einfach nicht aus, um die Tests durchzuführen.

Auch ihre drei Kollegen in der Gemeinschaftspraxis veranlassen keine Grippetests. Im Essener Stadtteil Steele sieht es genauso aus. Übervolle Wartezimmer und Flure, wo Patienten auf dem Boden sitzen, zwingen die Ärzte zum raschen Handeln, um möglichst viele Neuerkrankte rasch zu versorgen. Für Labortests bleibt keine Zeit.

Darüber hinaus stehe der finanzielle Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen, heißt es in Essen. Der Grund: Ob grippaler Infekt oder echte Grippe, die anschließende Therapie bleibt dieselbe – auch wenn die echte Grippe meist länger dauert und größere Schmerzen samt Übelkeit bereitet.

Dennoch, außer Schmerzmittel, Hustenlöser und homöopathische Hausmittel wie heiße Tees und Wadenwickel gibt es kaum Behandlungsmöglichkeiten. Antibiotika helfen weder beim grippalen Infekt noch bei der echten Grippe.

„Die seit Dezember andauernde Grippewelle bringt viele unserer Krankenhäuser an ihre Kapazitätsgrenze“, sagte Jochen Brink, Präsident der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (NRW). Von der Grippewelle betroffen sind inzwischen alle 16 Bundesländer, am stärksten – so legen es die gemeldeten Fälle nahe – Nordrhein-Westfalen (NRW), Rheinland-Pfalz, Saarland und Sachsen.

Sogar einzelne Krankenhäuser sind betroffen: Im Rhein-Maas-Klinikum in Würselen bei Aachen musste der Kreißsaal vorübergehend geschlossen werden, ebenso der Kreißsaal im Malteser Krankenhaus in Bonn. Insgesamt starben in diesem Jahr bislang 216 Menschen an den Folgen der Grippe.

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