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25.07.2019

16:52

Interview mit Feng Zhang

Erfinder der Genschere Crispr: „Eine ethische Grenze überschritten“

Von: Britta Weddeling

Der Neurowissenschaftler und Crispr-Pionier warnt vor der DNA-Veränderung von Embryonen. Zugleich schwärmt er von den Möglichkeiten der neuen Technik.

„Biologie ist oft sehr kompliziert und komplex. Wenn man eine Sache verändert, wirkt sich das auch auf etwas anderes aus.“ Stephen Voss/Redux/laif

Neurowissenschaftler Feng Zhang

„Biologie ist oft sehr kompliziert und komplex. Wenn man eine Sache verändert, wirkt sich das auch auf etwas anderes aus.“

Massachusetts Feng Zhang gilt als Erfinder der Genschere (Crispr/Cas). Seit mehreren Jahren gehört der Neurowissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu den Favoriten für den Nobelpreis. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über den ethisch umstrittenen Vorfall in China, wo mit Hilfe seiner Grundlagenforschung ein menschlicher Embryo verändert wurde. „Wir müssen die Oberhand behalten und darüber nachdenken, wie wir die Technologie regulieren können“, sagt Zhang.

Eine seiner Ideen ist es, die gesamte Gesellschaft über Regeln entscheiden zu lassen. Allerdings ist es nicht leicht, die komplexe Technologie und all ihre Möglichkeiten zu verstehen. Selbst der erfahrene Genforscher gibt zu bedenken: „Zu glauben, dass wir genug wissen, um die Biologie zu kontrollieren, ist nur Hybris.“

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Die Genschere Crispr gilt als größter biologischer Durchbruch der letzten Jahrzehnte. Sie haben als erster Wissenschaftler gezeigt, wie die Technik genutzt werden kann, um DNA in menschlichen Zellen zu verändern. Wird die Menschheit künftig ihre eigene Evolution steuern?
Wir sollten bescheiden sein. Biologie ist enorm kompliziert. Zu glauben, dass wir genug wissen, um die Biologie zu kontrollieren, ist nur Hybris.

Ihre Grundlagenforschung nutzten chinesische Forscher dazu, einen menschlichen Embryo zu verändern. Fühlen Sie sich verantwortlich?
Das hätte nicht passieren dürfen. Damit wurde eine ethische Grenze überschritten, die nicht überschritten werden darf. Ich habe deshalb sofort regulatorische Gesetze gefordert, die den Einsatz von Crispr für die menschliche Reproduktion streng reguliert. Diese Technologie hat eine große ethische Relevanz. Wir müssen die Oberhand behalten und darüber nachdenken, wie wir die Technologie regulieren können.

Sie wollen die DNA-Veränderung von Embryonen verbieten?
Das kann niemand allein entscheiden. Gemeinsam mit 17 anderen Genforschern fordere ich ein globales Moratorium für Genmanipulation. Die ganze Gesellschaft sollte darüber entscheiden, nicht ein Individuum allein. Aber ich hoffe, dass wir global zu einer Übereinstimmung kommen, zum Beispiel nicht die menschlichen genetischen Züge zu manipulieren. Es gibt einfach zu viel, was wir noch nicht wissen.

Vita Feng Zhang

Karriere

In China 1981 geboren, zog Feng Zhang mit seinen Eltern 1993 nach Iowa, wo er sich schon zu Schulzeiten für Genforschung interessierte. 2004 erwarb er seinen Bachelor in Physik und Chemie, forschte später unter anderem im Bereich Optogenetik an der Stanford University.

Crispr

Seit 2011 arbeitet er am renommierten MIT, am Institut für Hirnforschung und Kognitionswissenschaft. Der Neurowissenschaftler gilt als einer der Erfinder der Genschere (Crispr/Cas). Im Kern geht es ihm vor allem darum, zu entschlüsseln, wie im Gehirn Krankheiten entstehen.

Wo sehen Sie Probleme?
Crispr ist eine sehr mächtige Technologie mit vielen Anwendungsmöglichkeiten. Wir können sie nutzen, um die wissenschaftliche Forschung zu beschleunigen, neue Therapien für Krankheiten zu finden oder resistentes Getreide in der Landwirtschaft zu entwickeln. Doch wir müssen mehr dafür tun, damit das Verfahren verlässlich genug funktioniert. Technologie und Wissenschaft sind noch nicht so weit, jede Änderung sicher und effektiv durchführen zu können.

Wo liegen die Risiken?
Nehmen wir das Beispiel aus China: Mit dem Herausschneiden des Gens CCR5 könnte sich das Risiko für HIV reduzieren. Doch gleichzeitig steigt damit das Risiko für eine Erkrankung am West-Nil-Virus, und die Symptome im Fall einer Grippeinfektion fallen heftiger aus. Biologie ist oft sehr kompliziert und komplex. Wenn man eine Sache verändert, wirkt sich das auch auf etwas anderes aus. Wegen dieser Komplexität ist es schwer vorherzusehen, wie sicher die Veränderungen jeweils sein werden.

Wo sehen Sie aussichtsreichere Anwendungsmöglichkeiten für Crispr?
Klinische Studien mit Menschen testen bereits den Einsatz von Crispr für Thalassämie, eine Erbkrankheit, bei der nicht genug rote Blutkörperchen gebildet werden, bei vererbter Blindheit, Sichelzellenanämie oder Krebs. Es gibt die Möglichkeit, Immunzellen mithilfe von Crispr so zu bearbeiten, dass sie Tumorzellen besser erkennen. Die klinischen Studien werden Effizienz und Sicherheit dieser Therapien steigern, und sobald wir diese Informationen haben, können wir Crispr nutzen, um sehr viel mehr Krankheiten zu behandeln.

Was sind die größten Hürden?
Um Crispr effektiv nutzen zu können, muss die Genschere die richtigen Zellen im Körper ansteuern. Dazu müssen wir verlässlichere Liefersysteme entwickeln. Bislang können wir nur auf Blutzellen zielen und einige sehr spezifische Organe wie das Auge. Es wird wichtig sein, andere Liefertechnologien zu entwickeln, um so viele Gewebeformen im Körper wie möglich behandeln zu können.

Was ist Crispr?

Genschere

Crispr, in Deutschland auch bekannt als Genschere, ist eine neu entwickelte molekularbiologische Technik, mit der die DNA gezielt geschnitten und im Anschluss verändert werden kann. So können einzelne Gene, Bausteine der DNA, umgeschrieben werden. Zusammenfassend werden diese Verfahren auch als Gen-Editing bezeichnet.

Mechanismus

Die Genschere sorgt für ein Herbeiführen eines DNA-Doppelstrangbruchs, der im Anschluss repariert wird. In gleicher Weise entstehen in der Natur zufällige Mutationen.

Welche Organe sind am schwersten zu erreichen?
Da gibt es viele! Nieren, das Herz oder alle Muskelzellen im Körper zu behandeln ist sehr schwer.

Bei der Krebstherapie werden die Immunzellen mithilfe von Crispr außerhalb des Körpers verändert und in den Körper zurückinjiziert, was sehr aufwendig und teuer ist. Wann werden Ärzte Crispr direkt in den Körper injizieren können?
Es ist schwierig, das Timing vorherzusagen. Aber wir brauchen ein effizientes Liefersystem, das Crispr nur zu den beabsichtigten Immunzellen im Körper schafft. Viele Wissenschaftler arbeiten gerade daran, und hoffentlich wird sich ein Verfahren bald als verlässlich genug herausstellen.

Heute kostet die Crispr-Behandlung Millionen. Wann wird sich jeder so eine Therapie leisten können?
Die Crispr-Behandlung ist so teuer, weil sie die jahrelange Entwicklung und Wissenschaft finanzieren muss. Je mehr sich die Therapien entwickeln, desto stärker werden die Kosten sinken.

James Clapper, der frühere amerikanische Geheimdienstdirektor, fürchtet, dass mithilfe von Crispr biologische Massenvernichtungswaffen gebaut werden können. Sie auch?
Alle diese Probleme sollten wir im Kopf behalten und an ihnen arbeiten.

Grafik

Sie streiten sich mit der Wissenschaftlerin Jennifer Doudna von der Universität Berkeley über bestimmte Crispr-Patente. Wem gehört der technologische Durchbruch?
Ich denke, viele Leute haben dazu beigetragen, das Crispr-System zu verstehen. Wir am Broad Institute haben Crispr als eine Technologie entwickelt, um Gene in immuntherapeutischen Zellen zu verändern. Wir sollten darauf Wert legen, die Technologie zugänglich für so viele Menschen auf der Welt wie möglich zu machen.

Gleichzeitig wollen Sie mit Ihrer Erfindung Geld verdienen. Ihre Firma Arbor Biotechnologies kommerzialisiert die Technologie gerade. Wie passt das zusammen?
Ich habe eine Firma gegründet, um die Technologie mit den besten Leuten weiterzuentwickeln und sie in echte klinische Medizin zu verwandeln. Ich leite ein akademisches Labor, aber um die Forschung in ein Medikament zu verwandeln, braucht man Leute, die schon einmal erfolgreich Medikamente entwickelt haben, die wissen, wie man klinische Studien entwickelt, Medikamente produziert, Patienten auswählt und mit Regulatoren zusammenarbeitet. Genau das soll diese Firma leisten.

Herr Zhang, vielen Dank für das Interview.

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