Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

09.10.2019

13:53

Medizinforschung

Das steckt hinter dem Erfolg des chinesischen Einhorns iCarbonX

Von: Sha Hua

Das Gesundheits-Start-up profitiert bei seiner Expansion von besonderen Bedingungen der Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Großzügige Finanzhilfen sichert indes die Regierung zu.

Das Gesundheits-Start-up profitiert bei seiner Expansion von besonderen Bedingungen der Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Reuters

Firmenzentrale von iCarbonX in Shenzhen

Das Gesundheits-Start-up profitiert bei seiner Expansion von besonderen Bedingungen der Sonderwirtschaftszone Shenzhen.

Peking, Shenzhen Als der inzwischen 42-jährige Gründer des Gesundheits- und Wellness-Start-ups iCarbonX, Wang Jun, vergangenen Mai Bundeskanzlerin Angela Merkel traf, begrüßte er sie im Look eines dynamischen Unternehmers: grauer Anzug, schwarzes T-Shirt, schwarze Leder-Sneakers. „Die Kollegen sehen alle sehr gut aus mit ihren Krawatten. Meine konnte ich auch nach einem halben Tag suchen nicht finden“, postete er kurz nach ihrem Besuch.

Bei der Unterzeichnungszeremonie für die strategische Partnerschaft seines Start-ups mit der Stadtregierung der südchinesischen Stadt Zhuhai erschien er mit weißem Polo-Shirt und dunkler Stoffhose – und fiel unter den Kadern mit ihren weißen Hemden kaum auf.

Auf Kundenseite achtet das Start-up auch auf einen bestimmten Auftritt. Es gibt Ausstellungsräume, die bisweilen der Hollywood-Fantasie eines futuristischen Tech-Unternehmens gleichen: edles Holz, offene Decken mit freigelegten Rohren und gezielt eingesetztes Licht. Junge Menschen gehen in Kitteln und mit Mundschutz von Labor zu Labor; auf weißen Flächen stehen Reagenzgläser mit Tinkturen; „smarte Spiegel“ erfassen physiognomische Daten über Kunden und werten sie in Echtzeit aus; im zweiten Stock ist ein Großraumbüro, in dem Software-Ingenieure miteinander tüfteln.

Wangs Ziel ist es, sein 2015 gegründetes Unternehmen zu einem weltweit führenden Gesundheitsdienstleister aufzubauen. Durch die Auswertung von Kunden-Informationen, die von DNS, Schlafmuster, Herzschlag, Enzymen, Metaboliten und Proteinen über zum Lebensstil reichen, will iCarbonX Empfehlungen für ein besseres Leben und Vorhersagen über potenzielle Erkrankungen erstellen. Wer beispielsweise genetisch zu Diabetes neigt, dem empfiehlt das Start-up täglich 20 Minuten Ausdauersport. Eine Stuhl-Auswertung wiederum zeigt, dass für eine bessere Haut Probiotika nötig sind.

Investoren und Kunden scheinen seiner Vision zu glauben. iCarbonX gilt als eines der prominentesten chinesischen Biotech-Einhörner mit einem geschätzten Marktwert von einer Milliarde Dollar. Bereits jetzt, so behauptet Wang, hätten sich eine Millionen Kunden bei iCarbonX und Partnern registriert. Genaue Angaben über Umsatz und Gewinn gibt das Unternehmen aber nicht preis, einen Börsengang in nächster Zeit plant es auch nicht.

Wangs erfolgsversprechender Werdegang

Wangs Geschichte ist typisch für den Erfolg vieler chinesischer Start-ups, die rund 29 Prozent oder 79 aller 272 Einhörner weltweit ausmachen. Mehr als die Hälfte von ihnen, so fand eine Studie der Beratungsfirma PWC heraus, verdoppeln ihren Umsatz jedes Jahr. Unter ihnen befinden sich auch Giganten ihrer Industrie: der Social-Media-Riese Bytedance, das FinTech Ant Financial oder der Mitfahrdienst Didi. Ihren Erfolg verdanken sie zum einen der großzügigen Hilfe des chinesischen Staates, und zum anderen der Dynamik und Experimentierfreudigkeit des eigenen Marktes.

Grafik

Wang macht kein Geheimnis daraus, dass die Unterstützung der Stadtregierung Shenzhens eine entscheidende Rolle beim Wachstum seiner Firma gespielt hat. „Das Unternehmen hat seit seiner Gründung von allen Regierungsebenen immer wieder Hilfe bekommen, wenn es um Personal, Miete, Forschung und so weiter ging“, sagt er. Außerdem hätten die Kader früh erkannt, dass Biotechnologie eine aufstrebende Industrie sei und schon früh einen Strategieplan dafür entwickelt.

Wer sich wie iCarbonX in einem sogenannten „Unternehmens-Inkubator“ ansiedelt, dem werden im ersten Jahr 80 Prozent seiner Mietkosten erlassen; im zweiten Jahr sind es 50 und im dritten 20 Prozent. Im Rahmen eines Talentförderungsprogrammes namens „Pfau“, das Firmen in Shenzhen dabei helfen soll, Mitarbeiter aus Übersee anzuwerben, bekam iCarbonX zweimal jeweils einen Bonus von mehr als umgerechnet 120.000 Dollar

Zudem müssen Start-ups, die in Schlüsselsektoren aktiv sind, in ihren ersten zwei Jahren keine Unternehmenssteuern zahlen. Gleichzeitig können sich die Gründer für Kredite mit garantiert niedrigen Zinsen bewerben. Auch auf nationaler Ebene wurden schon früh vorteilhafte Rahmenbedingungen geschaffen. Das mehr als 30-jährige Torch-Programm vom Ministerium für Wissenschaft und Technologie (MoST) spielt dabei eine entscheidende Rolle.

So entstanden mehr als 150 High-Tech-Zonen, wohin fast die Hälfte aller Unternehmensinvestitionen hinfließen und Patente erzeugt werden. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist der im Nordwesten Pekings angesiedelte High-Tech-Park Zhongguancun im Universitätsbezirk Haidian. Wer dort eine Firma gründet, erhält Steuervergünstigungen, finanzielle Unterstützung für Forschung- und Entwicklung sowie Gelder für marktorientierte Projekte.

Chinesische Regierung mischt auf allen Ebenen mit

Auch in Sachen Risikokapitalinvestitionen mischt die Regierung mit und überlässt die Herausbildung von nationalen Champions nicht bloß dem Wettbewerb von Marktkräften. Für Schlüsselbranchen wie zum Beispiel Halbleitern setzte die Zentralregierung erst in diesem Sommer einen fast 30 Milliarden Dollar schweren Fonds aus staatlichen Geldern auf. Die Stadt Shenzhen etablierte einen 70 Millionen Dollar schweren Fonds, der Start-ups vor allem in ihrer Frühphase zugutekommen soll. Zudem bietet die chinesische Regierung ausgabewilligen Venture Capital Firmen eine Reduktion der Besteuerungsgrundlage um 70 Prozent.

Den meisten Einfluss jedoch üben die etablierten Tech-Konzerne wie Baidu, Alibaba und Tencent aus, die an der Hälfte aller chinesischen Einhörner beteiligt sind. So ist auch bei iCarbonX schon seit der ersten Finanzierungsrunde der Tech-Gigant von nebenan, Tencent, mitbeteiligt.

Seitdem die Konjunktur Chinas sich aber verlangsamt hat, sitzt auch das Geld nicht mehr so locker: im zweiten Quartal 2019 steckten Investoren nur noch 9,4 Milliarden Dollar in Tech-Unternehmen, 77 Prozent weniger als im Vorjahr. Doch immer noch können Ideen nicht nur schnell entwickelt, sondern auch umgesetzt, angewendet und hergestellt werden. Das einstige Fischerdorf war die erste Sonderwirtschaftszone der Volksrepublik Chinas und wurde von Peking dazu ermuntert, ohne viele politischen Auflagen und geringen Steuern in allen ökonomischen Bereichen zu experimentieren.

Schon in den 1990er Jahren entwickelte sich die Region zum High-Tech-Produktionshub. Gleichzeitig zog die Stadt dynamische und risikobereite Talente aus dem ganzen Land an, die dort ihr Glück probieren wollten. Auch Wang war einer von ihnen: um die Jahrtausendwende kam er aus dem Nordosten Chinas nach Shenzhen. Mit 23 Jahren war er einer der Gründer vom Beijing Genomics Institute, das vom Wissenschaftsmagazin Nature als „DNS-Supermacht“ bezeichnet wurde. Das Institut entschlüsselte 2011 innerhalb kürzester Zeit die DNS des EHEC-Viruses und 2016 verzeichnete es einen Umsatz von 250 Millionen Dollar. 2015 verließ Wang das Unternehmen und gründete iCarbonX. Er wollte seine eigenen Entscheidungen treffen und seine Vision über die Genetik hinaus erweitern.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×