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28.11.2019

10:55

Preisverleihung

Das ist das Erfolgsrezept der Sieger beim Corporate Health Award

Von: Andreas Schulte

Motivation für fitte und gesunde Mitarbeiter: Der badische Maschinenbauer Werner Gießler hat für sein Gesundheitsmanagement den Corporate Health Award gewonnen

Fitnesstraining findet auch direkt am Arbeitsplatz statt. Photodisc/Getty Images

Hantel im Büro

Fitnesstraining findet auch direkt am Arbeitsplatz statt.

Köln Rund 7500 Kilometer in einem Monat – so lautete das Ziel. 34 Mitarbeiter des badischen Maschinenbauers Werner Gießler wollten diese Distanz in Summe zu Fuß laufen. Umgerechnet: vom heimischen Elzach bis zum Taj Mahal in Indien. „Wir haben gemeinsam gut neun Millionen Schritte gemacht“, sagt Ute Kaatz, Gesundheitsmanagerin bei Werner Gießler. „Symbolisch sind wir bis zur Grenze nach Indien gekommen.“

Auch wenn am Ende ein paar Hundert Kilometer fehlten: Der Gedanke, im Team auf den Subkontinent zu wandern, kam gut an. Fast jeder dritte Mitarbeiter lief mit. Die Fitnessaktion soll nun wiederholt werden.

Es ist nicht die einzige Maßnahme dieser Art bei Werner Gießler. Gesundheitsmanagement betreibt man dort seit 2011. „Wir haben damals mit vereinzelten Maßnahmen wie etwa Vorträgen angefangen. Dann haben wir uns aber zunehmend strategisch ausgerichtet“, sagt Kaatz.

Inzwischen steht jedes Jahr unter einem Gesundheitsmotto: 2017 Herz-Kreislauf-System, 2018 Hautkrebsvorsorge, 2019 Darmkrebsvorsorge und Schichtarbeit. Für 2020 werden die Themen Rücken und Zecken diskutiert. Alle Maßnahmen würden von der Geschäftsführung tatkräftig unterstützt, sagt Kaatz. „Der Chef macht immer mit.“ 

Vorbildliches Engagement

Mit seinem gezielten Gesundheitsmanagement hat Werner Gießler beim diesjährigen Corporate Health Award den ersten Platz in der Kategorie „Produktion – Mittelstand“ erreicht. Verliehen wurde der Preis für Engagement im betrieblichen Gesundheitsmanagement gestern vom Beratungs- und Marktforschungsunternehmen EuPD und dem Handelsblatt in 27 Kategorien.

Die Auszeichnung

Award

Der „Corporate Health Award 2019“ prämiert Unternehmen mit einem herausragenden betrieblichen Gesundheitsmanagement. In diesem Jahr wurden 17 Branchen- und neun Sonderpreise vergeben.

Initiatoren

Der Preis wird verliehen vom Bonner Beratungs- und Marktforschungsunternehmen EuPD Research Sustainable Management sowie vom Handelsblatt.

Bewertung

Dem Urteil zugrunde liegen schriftliche Auskünfte der Unternehmen und Audits. Die methodische Basis bildet ein Qualitätsmodell, das EuPD Research mit Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft sowie mit dem Bildungs- und Gesundheitswesen entwickelt hat.

Mission

Ziel ist es, gerade in den Führungspositionen der deutschen Wirtschaft die Einsicht in die Notwendigkeit von Investitionen in betriebliche Gesundheitssysteme zu stärken und die Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen.

Ein Trend sprang in diesem Jahr ins Auge: „An den Auswertungen unserer Trendstudie ‚Corporate Health Management‘ in Deutschland erkennen wir, dass betriebliches Gesundheitsmanagement in die Chefetagen vordringt. Zunehmend nehmen sich Geschäftsführer des Themas an“, sagt Steffen Klink, Direktor soziale Nachhaltigkeit und Leiter des Corporate Health Award bei EuPD Research.

Noch eine zweite Entwicklung macht Klink an der Erhebung fest: „Der Trend geht weg von der Einzelmaßnahme. Operative Gesundheitsförderung bleibt zwar etabliert, aber Unternehmen legen den Fokus mehr und mehr auf Corporate-Health-Strategien und -Strukturen.“

Das gilt auch in München, wo die Verwaltung der Landeshauptstadt einen Sonderpreis für psychische Gesundheit erhielt. Die Stadt setzt nicht auf das Gießkannenprinzip, sondern auf einen strategischen Ansatz, der strukturellen Ursachen für gesundheitliche Probleme von Mitarbeitern nachgeht. „Im ersten Schritt analysieren wir systematisch die Bedingungen, unter denen die Kollegen arbeiten“, sagt Sabine Can, Leiterin des betrieblichen Gesundheitsmanagements der Stadt.

Hemmschwellen überwinden

Zur psychischen Gefährdungsbeurteilung setzt man in München niederschwellige anonymisierte Fragebögen ein. Denn die Hemmschwelle, am Arbeitsplatz über psychische Probleme zu sprechen, ist noch immer groß.

20 Prozent der Beschäftigten schließen laut einer Studie des Personaldienstleisters ADP aus, sich bei psychischen Erkrankungen Kollegen oder Vorgesetzten anzuvertrauen. In München sind Führungskräfte der Stadt verpflichtet, in Gesprächen mit Mitarbeitern das Thema psychische Gesundheit anzuschneiden. Und Fachkräfte des Teams Gesundheitsmanagement durchleuchten auf Wunsch von Managern deren Abteilung langfristig.

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Erkenntnisse werden systematisch ausgewertet. Wo nötig, leitet man Maßnahmen ab. So entdeckten die Gesundheitsmanager bei Befragungen einen überraschenden Stressfaktor: Mitarbeiter waren beim Bearbeiten von Anträgen zu sehr von der Unterschrift ihrer Vorgesetzten abhängig.

Geschäftsvorgänge verzögerten sich, so entstand Stress. Das Gesundheitsmanagement reagierte – und erwirkte erweiterte Zeichnungsbefugnisse. Das half: „Das Wohlbefinden von Mitarbeitern hängt oft auch von Kleinigkeiten ab“, sagt Can. Für viele Maßnahmen müsse man gar nicht viel Geld in die Hand nehmen. „Die Beschäftigten wissen am besten, wo Verbesserungen erforderlich sind, die zu mehr Wohlbefinden und höherer Leistungsfähigkeit beitragen.“

Aus diesem Grund beteiligt in München das Gesundheitsmanagement Mitarbeiter der Stadt an Entscheidungen über Maßnahmen und Arbeitsbedingungen. „Wir bekommen dafür ein sehr positives Feedback von ihnen“, sagt Can.

Strategisch geht auch SAP vor: Der IT-Konzern erforscht die Arbeitsbedingungen, bevor es darangeht, Maßnahmen umzusetzen. Schon seit dem Jahr 2014 erheben die Walldorfer einen sogenannten Gesundheitskulturindex. In regelmäßigen Befragungen geben Mitarbeiter auf einer Skala von eins bis fünf zum Beispiel Auskunft über Stressfaktoren im Alltag, über ihr gesundheitliches Befinden und die Identifikation mit dem Unternehmen. Alle Antworten werden nach einem Schlüssel in einen Index übertragen.

Je höher der Wert, desto besser das Wohlbefinden der Mitarbeiter. 2019 lag er bei 78 Prozent. Begonnen hatte SAP mit 61 Prozent. Die Steigerung hilft SAP auch beim Rekrutieren begehrter IT-Kräfte. „Über das Gesundheitsmanagement positionieren sich Unternehmen am Markt und steigern in Zeiten des Fachkräftemangels die Arbeitgeber-Attraktivität“, sagt EuPD-Experte Klink.

Zufriedenheit bringt Millionen

Doch SAP geht noch einen Schritt weiter. Der Konzern berechnet mit einer Unternehmensberatung den Einfluss der Mitarbeiterzufriedenheit auf den Geschäftserfolg. „Je zufriedener die Beschäftigten mit ihrem Unternehmen, desto besser gelingt es ihnen, auch ihre Kunden zufriedenzustellen“, sagt Natalie Lotzmann, Leiterin des weltweiten Gesundheitsmanagements bei SAP.

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Das wirkt sich auch auf die Konzernbilanz aus. Laut Lotzmann entspricht ein Prozentpunkt Erhöhung des Indexes einer Zunahme des operativen Gewinns von 90 bis 100 Millionen Euro.

Schon lange nimmt der Autozulieferer Magna PT das strategische Gesundheitsmanagement ernst. Ein konzernweites Programm verlangt seit 2012 von jedem Standort einen Ergonomie-Ausschuss, der jeden Arbeitsplatz im Blick hat. Aktuell verankert Magna die sogenannte aufsuchende Gesundheitsförderung, die unmittelbar am Arbeitsplatz stattfindet. Ein Pilotprojekt am Sitz in Untergruppenbach steht Pate.

„Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg kommen“, erklärt Unternehmenssprecher Stefan Seibert. Zuvor sei der Erfolg von Fachvorträgen zum Thema Rückenprobleme „überschaubar“ gewesen, sagt er mit Blick auf die Beteiligung. Nun finden Gesundheitskurse eben im Büro der Beschäftigten statt.

Im ersten Schritt schickte Magna einen Physiotherapeuten direkt an die Schreibtische. Das Resultat: positive Rückmeldungen und eine Teilnehmerquote von 50 Prozent. „Das übertraf unsere Erwartungen“, sagt Seibert. Die Maßnahme werde nun so lange fortgeführt, bis alle Büros am Standort vorsorgt worden sind.

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