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01.07.2022

12:38

Fahrradboom

Wie Branchenpionier Sigma mit seinen Radcomputern gegen Garmin und Wahoo bestehen will

Von: Axel Höpner, Carina Kontio

PremiumDer Mittelständler hatte die GPS-Technologie und den E-Bike-Boom anfangs unterschätzt. Doch Robin Schendel brachte Sigma wieder auf Wachstumskurs.

Der Sohn des Sigma-Sport-Gründers Klaus Peter Schendel übernahm das Unternehmen ab 2016 und brachte es mit Fahrradcomputern wieder auf Kurs. Sigma Sport

Robin Schendel

Der Sohn des Sigma-Sport-Gründers Klaus Peter Schendel übernahm das Unternehmen ab 2016 und brachte es mit Fahrradcomputern wieder auf Kurs.

München Als Konkurrenten um die Jahrtausendwende die ersten GPS-Geräte entwickelten, glaubten sie beim Fahrradtacho-Hersteller Sigma Sport nicht recht an die neue Technologie. Auch den E-Bike-Boom unterschätzte man in den frühen Jahren. „Wenn ein Unternehmen fett ist, wird man in den Entscheidungen träge“, sagt Sigma-Chef Robin Schendel, „es musste uns erst schlechter gehen.“

Heute profitiert das Familienunternehmen, das auch Fahrradbeleuchtung und Pulsuhren entwickelt, vom Fahrradboom in der Coronapandemie. Mit einer komplett überarbeiteten Produktpalette will das Familienunternehmen neben den globalen Konkurrenten Garmin und Wahoo bestehen und weiter wachsen.

Sigmas Ansatz: technisch anspruchsvolle, aber einfach bedienbare Radcomputer für Freizeitradler. „Es geht uns um den Weekend-Bike-Enthusiasten, der seine Glücksmomente auf dem Rad findet – und die können durchaus sportlich sein“, sagt Robin Schendel, dessen Vater das Unternehmen 1982 gründete.

Sohn Robin glaubt nun, den Platz neben den Branchenriesen gefunden zu haben. „Wir kopieren weder Garmin noch Wahoo, sondern haben unsere ganz eigene Vorstellung von einem einfach zu bedienenden, aber dennoch voll ausgestatteten Bike-Computer“, sagt Robin Schendel.

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    Der Sigma Rox 11 hat eher die Größe eines Fahrradtachos – bietet aber eine vollständige GPS-Navigation. Mit solchen alltagstauglichen Geräten will Sigma mit großen Playern wie Wahoo und Garmin mithalten. Sigma Sport

    Bike-Computer

    Der Sigma Rox 11 hat eher die Größe eines Fahrradtachos – bietet aber eine vollständige GPS-Navigation. Mit solchen alltagstauglichen Geräten will Sigma mit großen Playern wie Wahoo und Garmin mithalten.

    Die Positionierung von Sigma liegt unter der von Wahoo und Garmin, die auf eine leistungsorientiertere, datenfixierte Klientel setzen. Deren Navigationsgeräte fangen bei ein paar Hundert Euro an und arbeiten sich im Highend-Bereich langsam an die 1000-Euro-Marke heran. Sigma bietet einen einfachen Tacho für 20 Euro an, die günstigsten GPS-Geräte für 60 Euro, und die teuersten Geräte kosten um die 300 Euro.

    Als Klaus Peter Schendel Anfang der 80er-Jahre das Segment der digitalen Tachos begründete, war Navigation noch kein Thema. Er brachte zunächst etwa 300 Stück seines „Cyclecoach“ für gut 100 Mark auf den Markt. Viele in der Branche waren anfangs skeptisch. Schließlich kostete der Cyclecoach das zehnfache traditioneller Tachos. Den Durchbruch brachten ein Messeauftritt in den USA und ein Großauftrag von Trainerlegende Wolfram Lindner, der für den radfahrenden Nationalkader der DDR 200 Exemplare orderte.

    Der Markt ist seither auch deshalb deutlich gewachsen, weil das Fahrradfahren immer populärer geworden ist. Während der Lockdowns in der Pandemie gab es dann noch einmal einen deutlich Schub. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz mit Fahrrädern und E-Bikes in Deutschland laut Branchenverband ZIV leicht auf 6,6 Milliarden Euro. Zum Vergleich: 2018 lag der Umsatz noch bei nur gut drei Milliarden Euro.

    Einschließlich Ersatzteilen und Zubehör kommt die Branche inzwischen auf mehr als zehn Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Ohne die Komponentenknappheit hätten die Händler noch deutlich mehr Räder verkaufen können. Auch Tacho-Pionier Sigma profitiert von der Entwicklung, die Umsätze betrugen im vergangenen Jahr etwa 38 Millionen Euro.

    Vernetzte Geräte für Alltags-Mountainbiker

    Auch im boomenden E-Bike-Segment hat das Unternehmen nach anfänglichen Schwierigkeiten inzwischen seine Position gefunden. Die Räder mit Elektromotor-Unterstützung sind in der Regel bereits mit Licht und Computer ausgestattet, anders als Gravel- und Rennräder. Für Spezialisten wie Sigma kann das dem Geschäftsmodell mit den Bike-Computern und Lampen die Grundlage entziehen.

    Doch geht laut Schendel der Trend inzwischen gerade bei den stark nachgefragten E-Mountainbikes wieder weg vom mitgelieferten Computer am Lenker. „Das Cockpit wird wieder freier, das schafft Platz für uns.“ Die Radcomputer von Sigma können sich mit dem E-Bike verbinden und zum Beispiel den Akkuladestand, Unterstützungsstufe und die Reichweite anzeigen. Manche Fahrradhersteller beliefert das Unternehmen auch direkt.

    Zudem steigt die Nachfrage nach Beleuchtung, weil gerade die E-Mountainbikes in der Regel ohne Licht ausgeliefert werden. „Der Durchschnittspreis ist gestiegen“, sagt Schendel zudem. Denn die Geräte werden technisch anspruchsvoller. Ein Modell zeigt dem Fahrer etwa am Vorderlicht an, ob das Hinterlicht eingeschaltet ist, bietet einen Automatikmodus, der das Licht nach Umgebungshelligkeit hoch- oder runterregelt und hat hinten ein separates Bremslicht.

    Klingt der Hype wieder ab?

    Der ganz große Fahrradhype aus der Pandemie könnte seinen Höhepunkt jedoch bereits überschritten haben. Robin Schendel bekommt das direkt vor seiner Haustür mit. Bei seinen Mountainbike-Runden im Pfälzer Wald sei es auf den Trails während der Lockdowns hoch hergegangen. „Jetzt hat es sich wieder etwas normalisiert“, sagt er. Doch die Branche konsolidiere gerade auf einem höheren Niveau. Die globalen Entwicklungen – von überfüllten Innenstädten bis zum Klimawandel – begünstigten die Fahrradbranche. „Mittelfristig spricht alles für das Fahrrad.“

    Auch beim Zweirad-Industrie-Verband ZIV ist man überzeugt: „Der russische Krieg gegen die Ukraine wird aufgrund der entstandenen Energieknappheit und steigenden Mobilitätskosten viele Menschen zusätzlich motivieren, häufiger auf das Fahrrad zu steigen.“ Auch für die nächsten Jahre sei eine hohe Nachfrage zu erwarten.

    Sigma will sich dabei mit technologischen Neuentwicklungen weiter zwischen den Großen behaupten. Das Unternehmen könne seine Entwicklungen selbst finanzieren und damit unabhängig bleiben, betont Schendel.

    Dass das gelungen sei, liege auch am gelungenen Generationenübergang. Vater Klaus Peter Schendel hatte mit seiner Erfindung des Bike-Computers das Fundament gelegt. Robin Schendel, der ab 2016 immer konsequenter die Führung übernahm, setzte dann in einer Schwächephase des Unternehmens seine eigenen Vorstellungen durch.

    Doch inzwischen profitiere er auch sehr von den Tipps seiner drei Söhne, Mountainbiker allesamt. Der älteste – neun Jahre alt – habe erst kürzlich bei einer gemeinsamen Ausfahrt einen kleinen Fehler in der Programmierung entdeckt.

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