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22.02.2021

04:00

Bilanzcheck

Hinter Infineon liegt ein Jahr der Extreme – doch Aktionäre dürfen auf 2021 hoffen

Von: Joachim Hofer

Erst Stillstand, dann Lieferengpass: Der Chipkonzern hat ein wechselhaftes Geschäftsjahr hinter sich. Eine wichtige Weichenstellung hat die Lage stark verbessert.

Es war die letzte große Hauptversammlung in Deutschland im vergangenen Jahr: Das Aktionärstreffen von Infineon in München am 20. Februar. Dieses Jahr lädt auch Vorstandschef Ploss wegen der Pandemie nur zu einem virtuellen Treffen. Reuters

Infineon-Chef Reinhard Ploss

Es war die letzte große Hauptversammlung in Deutschland im vergangenen Jahr: Das Aktionärstreffen von Infineon in München am 20. Februar. Dieses Jahr lädt auch Vorstandschef Ploss wegen der Pandemie nur zu einem virtuellen Treffen.

München Die Hauptversammlung von Infineon war Ende Februar vergangenen Jahres das letzte ganz gewöhnliche Aktionärstreffen in Deutschland. Wenige Tage später legte das Virus die Republik lahm.

Dieses Jahr kann sich Vorstandschef Reinhard Ploss die Miete für das Münchner Kongresszentrum sparen. Wie alle großen deutschen Aktiengesellschaften lädt auch der Chiphersteller seine Anteilseigner am Donnerstag zur virtuellen Hauptversammlung.

Eine lebendige Diskussion wird es also nicht geben. Dabei hätten die Aktionäre Grund genug, kritisch nachzufragen. Eine Milliardenübernahme in den USA, ein riesiger Werksneubau in Österreich und zuletzt der Chipmangel in der Autoindustrie: Das vergangene Geschäftsjahr 2019/20 (30. September) verlief äußerst wechselhaft.

Dazu kommt, dass Ploss die Aktionäre knapphält. Die Dividende wird um knapp ein Fünftel auf 22 Cent je Aktie gesenkt. Damit bewegt sich der Konzern auf dem Niveau von 2016. Immerhin, alles sieht danach aus, als könnte der Ingenieur für das neue Geschäftsjahr wieder mehr ausschütten. Die Lage hat sich binnen kürzester Zeit stark verbessert.

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    1. Strategie: Übernahme soll das Wachstum beschleunigen

    2020 war ein Geschäftsjahr der Extreme: Einerseits hat sich Infineon wegen der Pandemie in fast allen Kennziffern verschlechtert. Andererseits ist der Aktienkurs zwischen Januar und Ende Dezember um mehr als die Hälfte geklettert. Damit war Infineon die Nummer zwei im Dax.

    Dazu kommt: Vorstandschef Ploss hat mitten in der Krise die Weichen für die kommenden Jahre gestellt. Für neun Milliarden Euro schluckte er den US-Wettbewerber Cypress. Es ist die größte Übernahme in der Geschichte des Konzerns. Mit der Akquisition verstärkt sich Infineon unter anderem mit Mikrocontrollern.

    Ploss kann so noch stärker auf Systeme statt einzelne Produkte setzen. Zudem baut Infineon mit der Übernahme die starke Position in der Autosparte weiter aus.

    Ob sich der Kraftakt lohnt? Ploss hat versprochen, dass Infineon durch die Akquisition künftig schneller wachsen und profitabler sein werde. Der Umsatz soll im Schnitt um neun Prozent pro Jahr klettern, die operative Marge auf 19 Prozent steigen. Im Corona-Jahr 2020 lag Infineon deutlich darunter.

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    Aber schon im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahrs hat sich gezeigt, dass die internen Vorgaben in einem freundlicheren Umfeld zu erreichen sind. Das honoriert die Börse: Seit Jahresbeginn haben die Papiere rund 15 Prozent an Wert gewonnen.

    2. Operative Lage: Entspannung nach einem schwierigen Start

    Deutschlands größter Halbleiterhersteller schnitt im abgelaufenen Geschäftsjahr in den meisten Kenngrößen nicht so gut ab wie im Vorjahr. Das lag an den Auswirkungen der Seuche, aber nicht nur.

    Die operative Rendite ist das zweite Jahr in Folge gefallen, und zwar auf 13,7 Prozent. Das sind 2,7 Prozentpunkte weniger als im Jahr zuvor. Gegenüber 2018 beträgt das Minus sogar gut vier Prozentpunkte. Diese sogenannte Segmentergebnis-Marge ist die zentrale Größe, an der Infineon Erfolg misst.

    Das Management hatte zu optimistisch geplant. Schon zu Beginn des Geschäftsjahrs konnte der Konzern seine Fabriken nicht voll auslasten. Das war ein halbes Jahr, bevor Corona die westliche Welt erreichte. Im Frühjahr standen dann noch mehr Maschinen still, als Aufträge wegen der Pandemie ausblieben. Auf 600 Millionen Euro beziffert Infineon die sogenannten Leerstandskosten.

    Die Erlöse sind dennoch um sieben Prozent auf 8,6 Milliarden Euro gewachsen. Das Umsatzplus hat Ploss allerdings nur der Übernahme von Cypress zu verdanken. Die Amerikaner gehören seit Mitte April dazu. 857 Millionen Euro trug Cypress zum Umsatz bei. Ohne Cypress wären die Einnahmen um etwa 300 Millionen Euro oder rund drei Prozent gefallen.

    Unter dem Strich blieben 368 Millionen Euro Gewinn übrig, 58 Prozent weniger als im Vorjahr. Das Minus gründet auf den mit der Unterauslastung verbundenen Kosten. Es hat aber auch mit hohen Aufwendungen im Zusammenhang mit der Cypress-Übernahme zu tun. Zudem hat Infineon rund 200 Millionen Euro mehr für Forschung ausgegeben.

    Infineon hat in der Krise insgesamt nur knapp 1,1 Milliarden Euro investiert. Das sind rund 300 Millionen Euro weniger als im Vorjahr und entspricht 13 Prozent vom Umsatz. In den Jahren zuvor hatte das Unternehmen zum Teil deutlich mehr ausgegeben.

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    Schon im vierten Quartal des alten Geschäftsjahrs und auch in den ersten Monaten des neuen hat sich die Lage entspannt. Inzwischen kann Infineon ebenso wie zahlreiche Wettbewerber gar nicht so viel liefern, wie die Kunden bestellen. Ploss: „In vielen Bereichen ist der Bedarf größer als das Angebot.“ Vor allem die Autohersteller klagen über Engpässe.

    3. Sparten: Hier verdient Infineon sein Geld

    Am stärksten gelitten hat im vergangenen Jahr die Autodivision. Sie steht für 41 Prozent vom Umsatz. Das lag daran, dass die Konsumenten zu Beginn der Pandemie kaum noch Neuwagen bestellten. So stagnierte der Umsatz der Sparte bei etwa 3,5 Milliarden Euro; darin enthalten sind bereits Erlöse von Cypress.

    Ausgerechnet das größte Geschäftsfeld hat kaum Geld verdient. Der operative Gewinn der Auto-Sparte ist auf 155 Millionen Euro eingebrochen, gut 60 Prozent weniger als im Vorjahr. Dies entspricht einer Segmentergebnis-Marge von 4,4 Prozent. Infineon begründet dies mit „erheblichen Leerstandskosten“. Ohne Cypress wäre das Betriebsergebnis noch niedriger ausgefallen.

    Die Sparte Industrial Power Control verbuchte mit rund 1,4 Milliarden Euro einen stagnierenden Umsatz, allerdings rein aus eigener Kraft. Die Übernahme von Cypress spielte für den Industrie-Bereich keine Rolle. Weil die Division frühzeitig zu sparen begann, stieg die operative Marge um 0,5 Prozentpunkte auf 18,2 Prozent.

    Das sollte die Aktionäre aber nicht über Schwierigkeiten in diesem Bereich hinwegtäuschen: „Der Umsatz von Infineon fiel in manchen Produktkategorien stärker als der Markt“, heißt es im Geschäftsbericht. Infineon hat hier also Marktanteile verloren.

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    Die profitabelste Sparte von Infineon ist Power & Sensor Systems, die unter anderem Chips zur Stromversorgung von Servern entwickelt. Vergangenes Jahr nannte sich der Bereich noch Power Management & Multimarket. Er erzielte einen Umsatz von knapp 2,7 Milliarden Euro, ein Plus von gut acht Prozent.

    Darin enthalten sind Umsätze von Cypress. Weil das Management schon vor Corona einen Sparkurs eingeschlagen hatte, stieg die Segmentergebnismarge auf 24 Prozent.

    Am meisten vom Cypress-Kauf profitiert hat Connected Secure Systems, die kleinste Division. Vergangenes Geschäftsjahr hieß der Bereich Digital Security Solutions. Der Umsatz der Chipkarten-Sparte schoss bedingt durch die Akquisition um knapp die Hälfte auf 953 Millionen Euro in die Höhe.

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    Das verschleiert aber eine beunruhigende Entwicklung: „In den ursprünglichen Geschäftsaktivitäten wurden Umsatzrückgänge verzeichnet“, warnt Infineon im Geschäftsbericht. Chips für Pässe und Ausweise waren angesichts der Pandemie weniger gefragt. Die operative Marge der Sparte hat sich leicht auf 12,8 Prozent verbessert. Das lag vor allem daran, dass Cypress profitables Geschäft einbrachte.

    4. Cashflow: Operativ deutlich verbessert

    Wegen des Kaufs von Cypress fiel der Free Cashflow auf minus 6,7 Milliarden Euro. Ohne die Zahlungsmittelabflüsse im Zuge des US-Zukaufs hätte der Konzern dagegen einen Mittelzufluss von 911 Millionen Euro verbucht. Damit hätte sich Infineon wesentlich verbessert gegenüber dem Vorjahr. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Konzern weniger investiert hat als zuvor.

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    5. Finanzkraft: Höhere Schulden, aber bessere Bewertung

    Neun Milliarden Euro hat Vorstandschef Ploss für den Wettbewerber Cypress bezahlt. Infineon ist jetzt hochverschuldet. Zum Ende des Geschäftsjahrs 2018/19 hatte der Konzern abzüglich aller Verbindlichkeiten gut 2,2 Milliarden Euro auf dem Konto. Wegen der Übernahme hat sich das dramatisch verändert. Die sogenannte Netto-Cash-Position fiel auf minus 3,8 Milliarden Euro.

    Die Aktionäre müssen sich trotzdem keine Sorgen machen, zumindest wenn die Experten von S&P richtigliegen. Die Ratingagentur hat Infineon Anfang des Monats sogar ein wenig besser bewertet als zuletzt. S&P stuft den Chipproduzenten zwar nach wie vor mit BBB- ein. Allerdings jetzt mit einem „positiven“ Ausblick, zuvor war er „neutral“.

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    6. Konkurrenzvergleich: Die Wettbewerber legen teils stärker zu

    Im vierten Kalenderquartal ging es kräftig aufwärts in der gesamten Chipindustrie, das zeigt sich in den Zahlen praktisch aller Anbieter. Gemessen an den wichtigsten Wettbewerbern sind die Münchner allerdings mit einem Umsatzplus von sechs Prozent im Vergleich zum Vorquartal nicht besonders stark gewachsen.

    Vor allem der französisch-italienische Rivale ST Microelectronics, der im Vergleich zum Vorquartal um 21 Prozent zulegte, zeigte deutlich mehr Dynamik. Die Erlöse von Texas Instruments wiederum legten nicht viel stärker zu als bei Infineon. Die Amerikaner sind aber ungleich profitabler. Alles in allem schwimmt Infineon im Strom der Branche mit, sticht mit seinen Zahlen aber nicht heraus.

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    7. Stärken: Führend bei Leistungshalbleitern

    Die ehemalige Siemens-Tochter ist der größte Hersteller von Leistungshalbleitern weltweit. Das Unternehmen kommt auf 19 Prozent Marktanteil, das ist mehr als doppelt so viel wie der zweitgrößte Wettbewerber, On Semi. Vor allem in der Elektromobilität werden immer mehr Leistungshalbleiter benötigt.

    Infineon reagiert darauf: „Wir erhöhen unsere Investitionen in Fertigungskapazität und ziehen den Starttermin für die neue Leistungshalbleiterfabrik in Villach in das letzte Quartal des laufenden Geschäftsjahres vor“, erklärte Vorstandschef Ploss jüngst. 1,6 Milliarden steckt Ploss in das Werk in Kärnten. Damit will der Konzernlenker die führende Position weiter ausbauen.

    8. Schwächen: Immer abhängiger von China

    Die Bayern werden immer abhängiger von China. Im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftete der Konzern 29 Prozent vom Umsatz in der Volksrepublik, das sind zwei Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor. Im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahrs ist der China-Anteil sogar auf 30 Prozent gestiegen.

    Momentan ist das zwar kein Problem, im Gegenteil: Infineon profitiert davon, dass die Wirtschaft in dem riesigen Land besser läuft als im Rest der Welt. Das große Chinageschäft birgt aber Risiken. Zuletzt hat sich das gezeigt, als der ehemalige US-Präsident Donald Trump westlichen Herstellern verbot, den chinesischen Großkunden Huawei zu beliefern.

    Zudem hat sich das Land zum Ziel gesetzt, eine eigene leistungsfähige Chipindustrie aufzubauen. Damit könnten in Zukunft wesentliche Einnahmequellen in China versiegen.

    9. Ausblick: Das neue Werk startet früher

    Seit Beginn des neuen Geschäftsjahrs läuft es bei Infineon rund. Wenn es so weitergeht, dürfte die operative Marge kräftig klettern. Ploss verspricht 17,5 Prozent, das entspricht einem Plus von fast vier Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Anfang November hatte der Konzernherr 16,5 Prozent in Aussicht gestellt.

    Das liegt unter anderem daran, dass die Werke inzwischen wesentlich besser ausgelastet sind. Die Leerstandskosten werden vermutlich auf 200 Millionen Euro sinken, ein Drittel des Vorjahrs. Der Umsatz, so die Prognose, soll auf rund 10,8 Milliarden Euro klettern. Das sind 300 Millionen mehr als im Herbst vorhergesagt.

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    Ein wichtiger Grund für das gute Geschäft: „Der Automarkt erholt sich“, erläuterte Ploss Anfang des Monats. Infineon spürt vor allem, dass sich immer mehr Konsumenten Elektroautos zulegen. Die Stromfahrzeuge benötigen deutlich mehr Halbleiter als herkömmliche Fahrzeuge. „Wir sind bestens aufgestellt, um von der flächendeckenden Verbreitung der Elektromobilität zu profitieren“, erläuterte Ploss.

    Spätestens nächstes Jahr dürfte er daher den Standort für die nächste neue Fabrik bekanntgeben, heißt es in Konzernkreisen. Infineon bleibt in Bewegung, so viel steht fest.

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