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26.04.2021

20:01

Caresyntax

Der Gründer Björn von Siemens will mit KI Ärztefehler verhindern – sein Unternehmen sammelt Millionen ein

Von: Larissa Holzki

Die deutsche Medizintechnik-Firma Caresyntax erhält 83 Millionen Euro von Investoren. Ihre Software hilft bei Operationen – bisher aber vor allem im Ausland.

Mit mehr als 150 Mitarbeitern entwickelt der Gründer digitale Assistenzsysteme für Chirurgen. Peter Rigaud

Björn von Siemens

Mit mehr als 150 Mitarbeitern entwickelt der Gründer digitale Assistenzsysteme für Chirurgen.

Düsseldorf Eine falsche Entscheidung – und der Patient stirbt. Manche Ärztefehler im OP-Saal können dramatische Folgen haben. Der Gründer Björn von Siemens will sie mit Technologie verhindern: Seine Firma Caresyntax entwickelt Algorithmen, die während einer Operation Risikofaktoren analysieren und Entscheidungshilfe geben. Er spricht von „Abbiegeassistenten für Chirurgen“ – und stellt sogar einen „Autopiloten“ in Aussicht.

Internationale Investoren glauben an die Vision: Am Dienstag hat Caresyntax eine Finanzierung über rund 83 Millionen Euro bekanntgegeben – obwohl die Firma im vergangenen Jahr kaum Neukunden gewinnen konnte. „Wir haben Kunden, die haben bestellt und bezahlt, aber bisher aufgrund von Covid-19 noch keine Kapazitäten, die Lösung zu integrieren“, sagt von Siemens. Die Kliniken sind mit der Bewältigung der Coronakrise voll ausgelastet.

Die Geldgeber vertrauen auf das, was sie bei bisherigen Kunden sehen. Caresyntax berichtet trotz allem ein Wachstum von 250 Prozent, weil Bestandskunden ihre Nutzung ausweiten.

Zwar ist die Software noch lange nicht so intelligent, wie sie mal werden soll. Bisher hilft sie vor allem, Checklisten durchzugehen und sicherzustellen, dass alle Instrumente wieder aus der Wunde entfernt wurden. Aber insbesondere Mediziner in Ausbildung können schon viel damit lernen, weil sie die OP zudem aufzeichnet.

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Standort erkennen

    Philippe Liverneaux ist Chefarzt der Handchirurgie am Universitätsklinikum Straßburg. Er setzt die Software für Lehre und Forschung ein und sieht sich einige Eingriffe mit seinem Team noch mal an. „Das ermöglicht uns, Tipps und Tricks auszutauschen, aber auch zu erkennen, wo wir uns technisch verbessern können“, sagt er.

    Während die Ärzte durch die Software lernen, lernt die Software von den Ärzten. Denn viele der mehr als 1000 Kunden erlauben Caresyntax im kleineren oder größeren Umfang, ihre Daten für die Weiterentwicklung der Technologie zu nutzen. So kamen im vergangenen Jahr Daten aus zwei Millionen Operationen zusammen.

    Mit der Zeit soll die Software mithilfe von maschinellem Lernen erkennen, welche Schritte und Faktoren zu kritischen Situationen führen – und entsprechende Hinweise geben, auch für die Betreuung nach der OP. Heute entscheide die Person und Erfahrung des Operateurs zu mehr als 50 Prozent über den Ausgang einer Operation, sagt von Siemens: „Wir wollen das Patientenrisiko überall auf das Niveau von Topkliniken und Topchirurgen senken.“

    Bis solche Lösungen für alle angepeilten 200 Standard-OPs bereitstehen, ist es allerdings ein weiter Weg. Von Siemens schätzt, dass 10.000 Algorithmen nötig sind, um alle Entscheidungsschritte abzudecken. Dabei seien für die Entwicklung eines validen Algorithmus jeweils Daten aus 1000 bis 5000 Eingriffen nötig.

    Um schneller Machbarkeitsnachweise zu erbringen, fokussiere sich Caresyntax auf besonders risikoreiche Situationen, zum Beispiel in der Orthopädie, Herzchirurgie und minimalinvasiven Bauchchirurgie.

    In Deutschland bremsen Datenschutzbedenken die OP-Digitalisierung

    Der Urururenkel des Siemens-Gründers Werner von Siemens will zudem Partnerfirmen anbieten, mit seiner Basistechnologie selbst Algorithmen zu entwickeln. Seine Prognose: „In zehn bis 15 Jahren wird ein Großteil der Entscheidungsfindung im OP durch digitale Assistenzsysteme unterstützt.“ Dazu dürften auch Wettbewerber beitragen.

    Allerdings wird die OP-Software in anderen Ländern bisher besser angenommen als hierzulande. „In Deutschland läuft die Einführung der Analysetools eher zurückhaltend“, sagt von Siemens. „Es gibt hier viele Bedenken in Bezug auf den Datenschutz und die Überwachung am Arbeitsplatz.“

    Für Liverneaux von der Uni Straßburg ist das verbesserte Risikomanagement wichtiger. „Daran hat jeder ein Interesse, an oberster Stelle die Patienten“, sagt der Handchirurg. An seinem Klinikum werden die Daten nach sechs Wochen anonymisiert.

    Finanzielle Anreize könnten den Vertrieb antreiben. Zu den strategischen Investoren und Partnern von Caresyntax zählt die französische Relyens Group, die Kliniken versichert. „Wenn sicherheitsrelevante Arbeitsschritte digital nachvollziehbar sind, bekommen Krankenhäuser Nachlässe bei Versicherungsprämien“, erklärt von Siemens.

    Die weiteren Investoren kommen vorrangig aus den USA, darunter PFM Health Science, Optum Ventures, Intel Capital und die amerikanisch-französische Lauxera Capital. Sie stellen Wagniskapital und Venture Debt bereit, eine spezielle Kreditform für Start-ups. Von Siemens will das Geld in die Technologieentwicklung investieren und die Expansion in Frankreich, Spanien, Italien und in den USA vorantreiben. „Menschliche Fehler sind erlaubt“, sagt er, aber „nicht daraus lernen ist im OP nicht erlaubt.“

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