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12.10.2022

11:11

Chiphersteller

Intel will offenbar Tausende Stellen streichen

Von: Joachim Hofer

Die Geschäfte des Chipherstellers Intel laufen miserabel. Chef Pat Gelsinger greift deshalb durch. Die Aufbruchstimmung seit seinem Amtsantritt ist dahin.

Intel Reuters

Intel

Der US-Chiphersteller Intel könnte Tausende Stellen streichen.

München Abbau statt Aufschwung: Intel-Chef Pat Gelsinger will in den kommenden Wochen offenbar mehrere Tausend Stellen streichen. Einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg vom Mittwoch zufolge sollen die tiefgreifenden Einschnitte bis Ende des Monats verkündet werden. Der US-Chipkonzern reagiere damit auf den massiven Einbruch in seinem Kerngeschäft, dem Computermarkt.

Intel äußerte sich nicht zu den Plänen. Die Entlassungen wären indes eine Kehrtwende. Seit seinem Amtsantritt vor gut anderthalb Jahren hatte Gelsinger Aufbruchstimmung bei dem ehemaligen Branchenführer verbreitet.

Der 61-Jährige brachte das größte Investitionsprogramm aller Zeiten bei dem Halbleiterhersteller auf den Weg. Damit will der Manager zu TSMC aufschließen, dem Technologieführer der Chipindustrie. Für zweistellige Milliardenbeträge entstehen neue Werke in Amerika und Europa. Dafür warb Gelsinger Milliarden an staatlicher Unterstützung ein.

Intel: Wichtiger Absatzmarkt bricht weg

Zwischenzeitlich allerdings hat sich das Umfeld stark eingetrübt. Den Marktforschern von Gartner zufolge haben die PC-Hersteller im dritten Quartal knapp ein Fünftel weniger Geräte ausgeliefert als im Vorjahr. Sie sind die wichtigsten Kunden von Intel.

„Die Ergebnisse dieses Quartals könnten eine historische Talfahrt des PC-Marktes markieren“, warnte Gartner-Analyst Mikako Kitagawa. Dies sei der stärkste Markteinbruch aller Zeiten und das vierte Quartal in Folge mit einem Rückgang gegenüber dem Vorjahr.

Das Liefervolumen der PC-Produzenten im dritten Quartal sei zwar mit den Zahlen vor der Pandemie vergleichbar, meinen die Experten von Canalys. Außergewöhnlich sei aber die rapide schrumpfende Nachfrage. Das sei für die gesamte Lieferkette ein besorgniserregendes Zeichen. „Intel und AMD sehen sich mit Gegenwind durch die Schwäche in ihren PC-Geschäften konfrontiert“, heißt es bei Canalys.

Der Intel-Chef bei der Grundsteinlegung des neuen Werks im September in Ohio. Die Anlage kostet Milliarden. IMAGO/ZUMA Wire

Pat Gelsinger

Der Intel-Chef bei der Grundsteinlegung des neuen Werks im September in Ohio. Die Anlage kostet Milliarden.

Intel lebt im Wesentlichen von Prozessoren für PCs, Notebooks und Server. Sie sind das Gehirn eines jeden Rechners. Jahrzehntelang dominierte der Konzern den Milliardenmarkt fast nach Belieben. Doch der Abstand zur Konkurrenz schwindet, der Rivale AMD hat in jüngster Zeit massiv Marktanteile gewonnen.

Intel schreibt rote Zahlen

Das hinterlässt Spuren in den Zahlen von Intel. Im zweiten Quartal ist der Umsatz um ein Fünftel eingebrochen, der Konzern stürzte in die Verlustzone. Schlimmer noch: Gelsinger musste die Jahresprognose um gut zehn Prozent zurücknehmen. „Die Ergebnisse des Quartals liegen unter den Standards, die wir für unser Unternehmen und die Aktionäre gesetzt haben“, sagte der Manager im Sommer. „Wir müssen besser werden, und wir werden besser werden.“

Intel wandelt sich wie selten zuvor in seiner mehr als 50-jährigen Geschichte. „Gelsinger möchte als derjenige in die Geschichte eingehen, der Intel wieder auf Platz eins in der Chiptechnologie geführt hat“, sagt Richard Gordon, Halbleiter-Analyst von Gartner. Das aber ist mit milliardenschweren Investitionen verbunden – und kommt an der Börse gar nicht gut an. Denn die Investoren glauben schon lange nicht mehr an die Tech-Legende.

In den vergangenen drei Jahren hat der Konzern an der Börse mehr als die Hälfte an Wert verloren. So schlecht lief es für keinen anderen großen US-Chipkonzern. Trotz des jüngsten Kurssturzes hat Nvidia seinen Börsenwert im selben Zeitraum um 150 Prozent gesteigert, AMD kommt auf ein Plus von 90 Prozent.

Intel wird inzwischen lediglich mit dem Fünffachen des zu erwartenden Jahresgewinns bewertet. Nvidia kommt auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 30, AMD auf 25.

Grafik

Nun müssen die rund 113.000 Mitarbeitenden wieder einmal um ihre Jobs zittern. Bloomberg berichtet, dass in Bereichen wie Marketing und Vertrieb bis zu einem Fünftel der Jobs wegfallen könnten. In der letzten großen Entlassungswelle vor sechs Jahren habe sich Intel von 12.000 Angestellten getrennt, damals elf Prozent der Belegschaft.

Der Chip-Boom ist vorbei

Intel hat noch keine Zahlen zum dritten Quartal veröffentlicht. Die Ergebnisse der Wettbewerber deuten jedoch darauf hin, dass es nicht gut gelaufen ist. Vergangene Woche teilte AMD mit, dass der Umsatz zwischen Juli und Ende September rund 15 Prozent geringer ausgefallen sei als im Sommer vorhergesagt.

Statt 6,7 Milliarden Dollar verbuchte der US-Konzern lediglich Erlöse von 5,6 Milliarden. „Die makroökonomischen Bedingungen führten zu einer niedriger als erwarteten PC-Nachfrage und einer signifikanten Bestandskorrektur“, sagte Vorstandschefin Lisa Su.

Dass der Chip-Boom eines Tages zu Ende gehen würde, war klar. Doch nun brechen die Verkäufe in einem Tempo ein, das Firmen und Investoren gleichermaßen überrascht. Intel ist nun der erste große Chiphersteller, der mit einem umfangreichen Stellenabbau vorprescht. Andere führende Produzenten wie Micron kündigten bislang lediglich an, weniger als geplant zu investieren.

Erstpublikation: 12.10.2022, 02:30 Uhr (zuletzt aktualisiert: 12.10.2022, 11:11 Uhr).

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