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24.11.2022

09:07

Chipindustrie

Europäische Technologie-Branche schlägt Alarm

Von: Joachim Hofer, Julian Olk

Amerika lockt Halbleiterhersteller mit Milliardensubventionen. Die Förderung in der EU dagegen ist unsicher. Die Konzerne werden ungeduldig, auch die Bundesregierung drängt.

Der österreichische Chipzulieferer ist unzufrieden mit der staatlichen Förderung für die Branche in der EU. AT&S

Fertigung von AT&S

Der österreichische Chipzulieferer ist unzufrieden mit der staatlichen Förderung für die Branche in der EU.

München, Berlin Die von der EU zu Jahresbeginn angekündigte Aufholjagd in der Chipbranche kommt nach Ansicht führender Industrievertreter nicht voran. „Europa ist Ankündigungsweltmeister und Umsetzungszwerg“, sagte Andreas Gerstenmayer, Chef des österreichischen Technologiekonzerns AT&S, dem Handelsblatt.

Seit Monaten debattiert die EU über die Förderung der Halbleiterindustrie, bislang ohne Ergebnis. Derweil haben andere Nationen bereits milliardenschwere Förderprogramme beschlossen. „Wir werden links und rechts überholt, und zwar auch von Ländern wie Südkorea oder Japan, die kleiner sind als die EU“, kritisiert Gerstenmayer.

Zudem sei der von der EU-Kommission vorgeschlagene Chips Act, der Subventionen von 43 Milliarden Euro ermöglichen soll, auch noch deutlich zu klein, so der Manager: „Die Summe ist viel zu gering, um im weltweiten Maßstab etwas zu bewirken.“ AT&S beliefert die Halbleiterindustrie mit sogenannten IC-Substraten. Das sind Verbindungselemente zwischen Leiterplatte und Chip. Bekanntester Kunde ist Apple.

TSMC baut lieber in den USA

Dabei drängt die Zeit. Denn die weltweit führenden Chipkonzerne entscheiden sich gerade, wo sie in den nächsten Jahren ihre Milliarden investieren. Europa spielt in den Plänen bislang nur eine Nebenrolle. So hat TSMC aus Taiwan kürzlich angekündigt, ein weiteres Werk in den USA zu bauen. Der größte Auftragsfertiger der Halbleiterindustrie errichtet bereits eine Fabrik für zwölf Milliarden Dollar in Arizona. Sieben Milliarden Dollar stecken die Taiwanesen zudem in einen neuen Standort in Japan.

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    Europa kann zwar durchaus auch Erfolge verbuchen. So haben Intel und Infineon dieses Jahr milliardenschwere neue Werke in Deutschland angekündigt. Aber die geplanten Investitionen der Chiphersteller stehen unter dem Vorbehalt, dass die im Chips Act vorgesehenen Milliarden auch tatsächlich fließen.

    „Wir setzen auf eine angemessene Förderung“, sagte Infineon-Chef Jochen Hanebeck vergangene Woche. Details wollte der Manager aber nicht nennen. Fünf Milliarden Euro möchte Infineon für die neue Fabrik ausgeben. Der Manager ergänzte: „Wir stehen in Kontakt mit den Behörden.“ Einigt sich der Konzernherr mit dem Staat über die finanzielle Unterstützung, sollen die Bagger im Herbst kommenden Jahres anrücken.

    Chipindustrie: Branchenverband Silicon Saxony fordert mehr Tempo

    Frank Bösenberg, Geschäftsführer der Branchenvereinigung Silicon Saxony, fordert: „Die EU muss sich schnell beim Chips Act einigen. Denn wir brauchen Dutzende derartiger Werke in Europa.“ Selbst ein ranghoher Vertreter der Bundesregierung mahnt: „Die Unterstützung für die Halbleiterbranche darf kein Wort zum Sonntag bleiben.“ Es gebe eine reale Bedrohung, dass Deutschland aufgrund der Abhängigkeit von Asien irgendwann ohne die benötigten Chips dastehe.

    So reichen die bislang in Europa geplanten neuen Fabriken bei Weitem nicht aus, um das von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ausgegebene Ziel zu erreichen. Demnach sollen Endes des Jahrzehnts 20 Prozent aller Chips weltweit aus europäischen Fabriken kommen, mehr als doppelt so viele wie bislang. Da der Halbleitermarkt laut den Prognosen führender Marktforscher gleichzeitig rasant wachsen wird, muss die EU ihre Kapazitäten bis 2030 vervierfachen. Ziel ist es, Europa unabhängiger von Lieferungen aus Fernost zu machen. Seit inzwischen fast zwei Jahren leidet vor allem die Autoindustrie darunter, dass die Auftragsfertiger in Asien nicht genügend Kapazitäten zur Verfügung haben.

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    Der Chips Act wird allerdings frühestens Anfang kommenden Jahres verabschiedet. In der Zwischenzeit soll das „zweite IPCEI Mikroelektronik“ helfen, ein Förderprogramm, bei dem für Europa wichtige Vorhaben der Chipindustrie vorangebracht werden sollen. 32 Projekte aus Deutschland hat die Bundesregierung bereits Ende vergangenen Jahres ausgewählt und in Brüssel zur Genehmigung eingereicht. Im Herbst, spätestens im Winter hätte die EU-Kommission ihr Okay geben sollen, heißt es aus Regierungskreisen.

    Inzwischen rechnet man in der Bundesregierung aber damit, dass die Genehmigungen frühestens im ersten Quartal 2023 kommen. „Man kann es der Kommission nicht so richtig vorwerfen, durch die deutsche Energiekrise hat Brüssel Anträge am laufenden Band aus Deutschland auf dem Schreibtisch“, sagt eine Regierungsvertreterin. Andererseits müsse man sich schon fragen, wie der Wunsch nach technologischem Aufholen und die langen Wartezeiten zusammenpassten.

    AT&S schaut sich in Amerika um

    Einige Experten warnen unterdessen davor, Fabriken zu subventionieren, die Europa überhaupt nicht braucht, weil der Markt fehlt. Für das neue Werk von Intel in Magdeburg etwa gebe es in der EU nicht genügend Abnehmer, kritisiert Alan Priestley vom Marktforscher Gartner.

    Denn die Elektronikfertigung sei wegen der niedrigeren Löhne in Asien angesiedelt. Intel will an der Elbe ab 2027 die fortschrittlichsten Prozessoren der Erde herstellen, wie sie insbesondere für Computer und Smartphones verwendet werden.

    Intel argumentiert, dass von Sachsen-Anhalt aus der Weltmarkt bedient werde. Und die Abnehmer dieser hochgezüchteten Chips sind offenbar durchaus interessiert daran, Bauelemente aus allen Regionen der Welt zu beziehen. Apple-Chef Tim Cook habe bei einem Besuch in München vor Mitarbeitern gesagt, er würde auch Halbleiter aus europäischen Werken kaufen, berichtete jüngst die Nachrichtenagentur Bloomberg.

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    Bislang stammen die Prozessoren des iPhone-Herstellers von TSMC in Taiwan. Weltweit kämen 60 Prozent aller Prozessoren von der Insel, das sei aber auf Dauer zu riskant, erläuterte Cook dem Bericht zufolge.

    AT&S baut derzeit seinen Stammsitz im österreichischen Leoben massiv aus. Es fließen 500 Millionen Euro in ein Forschungs- und Entwicklungszentrum. Ob das Unternehmen in seiner Heimat weiter expandiert, lässt Vorstandschef Gerstenmayer indes offen: „Wir prüfen, ob wir im Rahmen des US-Chips-Act in Amerika investieren. Die Bedingungen dort sind inzwischen höchst attraktiv.“

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