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11.10.2021

19:18

Cloud-Computing

14 neue Rechenzentren geplant: Oracle greift Amazon, Microsoft und Google im Cloud-Geschäft an

Von: Christof Kerkmann

Der IT-Konzern kündigt neue Investitionen an. Dass Oracle konkurrenzfähig ist, muss das Management um Lautsprecher Larry Ellison aber noch beweisen. Die Entwicklung ist dennoch bemerkenswert.

Der Konzern baut das Cloud-Geschäft aus - beispielsweise mit massiven Investitionen in Rechenzentren. Oracle

Oracle-Zentrale in Texas

Der Konzern baut das Cloud-Geschäft aus - beispielsweise mit massiven Investitionen in Rechenzentren.

Düsseldorf Larry Ellison ist für Sticheleien gegen die Konkurrenz berüchtigt. Der Gründer von Oracle, der trotz seiner 77 Jahre als Technikchef immer noch maßgeblich im Tagesgeschäft mitmischt, teilt am liebsten gegen den ewigen Rivalen SAP aus. Bei der Vorlage der Quartalszahlen im September beschäftigte er sich aber noch mehr mit Google.

Eine Analystin des Marktforschers Gartner war kurz zuvor in einem Vergleich zu dem Ergebnis gekommen, dass Oracle bei IT-Infrastruktur aus der Cloud eine – minimal – bessere Punktzahl habe als Google. „Beachten Sie die Reihenfolge. Ich war nicht derjenige, der die Liste sortiert hat“, triumphierte Ellison. „Unsere Technologie wird wirklich gut und sehr wettbewerbsfähig.“

Die Liste mag subjektiv sein, für Oracle ist sie ein Erfolg. Im Wettbewerb der Cloud-Plattformen führen Marktforscher den Softwarehersteller in der Kategorie „Sonstiges“, der Abstand zu Amazon Web Services (AWS), Microsoft und eben Google ist enorm. Die Gartner-Analyse zeigt, dass der Konzern bei den Funktionen aufgeholt hat – was eine Voraussetzung dafür ist, Marktanteile zu gewinnen.

Dass Oracle es mit der Neuerfindung ernst meint, zeigt eine Ankündigung von diesem Montag: Das Unternehmen will an 14 Standorten neue Rechenzentren eröffnen und bis Ende 2022 in weltweit 44 Regionen präsent sein. Kein anderer großer Anbieter expandiere so schnell, hieß es in einer Mitteilung.

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    Allerdings bauen auch die Konkurrenten zahlreiche neue Serverfarmen. Dass Oracle den Abstand aufholen kann, muss das Management um Lautsprecher Larry Ellison noch beweisen.

    Cloud-Geschäft: Erst „Blödsinn“, dann eine Vision

    Die Entwicklung ist dennoch bemerkenswert. Ellison tat Diskussionen über Cloud-Computing noch 2008 als „Kauderwelsch“ und „Blödsinn“ ab. Da war Amazon gerade dabei, die Grundlagen für ein Geschäft zu legen, das die IT-Welt verändern würde.

    Erst mehrere Jahre später begann der Softwarehersteller, der sich mit Datenbanken weltweit einen Namen gemacht hatte, selbst eine Plattform aufzubauen. Die Konkurrenz hatte zu dem Zeitpunkt schon Milliarden investiert.

    Der Spätstart lässt sich an den Marktanteilen ablesen: Das Analyseunternehmen Synergy schätzt, dass AWS, Microsoft und Google rund 62 Prozent des Geschäfts auf sich vereinen. Oracle hat einen Marktanteil von nur zwei Prozent und damit noch weniger als IBM. Und Gartner bezeichnet das Unternehmen trotz des positiven Vergleichs als Nischenanbieter.

    Bei Oracle sieht man das naturgemäß anders. Es sei immer die Vision gewesen, einen Cloud-Anbieter mit einem breiten Angebot aufzubauen, sagt Clay Magouyrk, der 2014 von AWS zu Oracle stieß und seit dem vergangenen Jahr die Sparte Oracle Cloud Infrastructure (OCI) leitet. Aber: „Es hat sich herausgestellt, dass das Cloud-Infrastrukturgeschäft ziemlich hart ist und viele Investitionen erfordert.“

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    Es habe eine Weile gedauert, die Lücke zur Konkurrenz zu schließen, so der Manager im Gespräch mit dem Handelsblatt. Aber das sei jetzt gelungen, mit neuen Services, zusätzlichen Rechenkapazitäten sowie einer wachsenden Zahl Kundenbeispiele. „Den Analysten wird nun klar: Wir meinen es ernst“ , sagt Magouyrk.

    Oracle startet Neuanfang mit den Bestandskunden

    Der wohl wichtigste Faktor ist das bestehende Geschäft. Oracle ist seit Jahrzehnten Marktführer bei Datenbanken, auf denen Anwendungen von der Buchführung bis zur Steuerung der Lieferkette laufen. Zudem bietet der Konzern selbst Programme für die Steuerung der betriebswirtschaftlichen Prozesse an.

    „Unsere Kunden vertrauen uns seit Langem ihre wichtigsten Daten und Systeme an“, sagt Magouyrk. Zudem habe der Konzern die „beste Technologie“, um diese Aufgaben in der Cloud zu erledigen. Die Hoffnung: Wie in der Vergangenheit sollen die Datenbanken von Oracle auch in der heutigen Zeit die Grundlage für die IT sein, gewissermaßen das Herz-Kreislauf-System der Organisationen.

    Das könnte nach Einschätzung von Experten durchaus gelingen. Nach einem kompletten Neuanfang sei Oracle mit der Cloud-Infrastruktur mittlerweile wettbewerbsfähig, urteilt Holger Müller, Analyst bei Constellation Research. Amazon, Microsoft und Google sei es nicht gelungen, dem Unternehmen mit ihren eigenen Datenbanken nennenswert Kunden abzujagen.

    Der Chef der Cloud-Infrastruktur-Sparte hofft auf die Bestandskunden. Oracle

    Oracle-Manager Clay Magouyrk

    Der Chef der Cloud-Infrastruktur-Sparte hofft auf die Bestandskunden.

    Die Automatisierung von Geschäftsprozessen laufe zu einem beträchtlichen Teil entweder direkt auf Datenbanken von Oracle oder sei zumindest damit verbunden, erläutert Müller. Das mache die Einführung eines anderen Systems „nicht nur schwierig, sondern auch riskant“. Das ist eine Parallele zum Erzrivalen SAP, der ebenfalls von den vielen Bestandskunden profitiert.

    Für den Konzern geht es darum, eine Chance zu ergreifen und gleichzeitig eine Gefahr abzuwenden: Das Kerngeschäft mit Datenbanken hat sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt, Spezialanbieter wie Snowflake machen dem Konzern Konkurrenz. Der Marktanteil ist laut Gartner auf 28 Prozent gefallen.

    Sinnvoll bei „Datennervosität“

    Ein weiteres Argument von Oracle: Kunden können wählen, ob sie die Datenbanken in einem Rechenzentrum des IT-Konzerns oder hinter dem eigenen Zaun laufen lassen – das Angebot sei genauso umfangreich, heißt es. Diese Möglichkeit will beispielsweise die Deutsche Bank nutzen: Sie kündigte im Juni an, mehrere Datenbanken in kritischen Bereichen wie Zahlungsverkehr und Handel auf die neue Oracle-Plattform zu übertragen.

    Das trifft einen Nerv: Der unberechtigte Zugriff auf Unternehmensdaten ist für viele Manager eine große Sorge. Oracle biete den Kunden einerseits direkte Kontrolle, was mit den Daten geschehe, andererseits die Flexibilität, Daten zwischen dem eigenen Rechenzentrum und der Cloud hin- und herzuschieben, sagt Constellation-Analyst Müller. Damit handle es sich um eine „der attraktivsten Cloud-Infrastrukturen für Unternehmen, für die eine hohe Datennervosität haben“.

    Damit ist Oracle nicht unbedingt Ersatz für Amazon oder Microsoft, aber eine Ergänzung. „Es gibt keine Kunden mehr, die alles in einer Cloud laufen lassen“, sagt Magouyrk – das gelte besonders für komplexe Unternehmen mit unterschiedlichen Divisionen, die zudem noch Übernahmen tätigen. Heute nutze man mehrere Anbieter gleichzeitig und sorge für einen reibungslosen Datenaustausch.

    So führte der Videokonferenzdienst Zoom im vergangenen Jahr neben AWS zusätzlich Oracle ein, um Lastspitzen während der Pandemie zu bewältigen. Ein Prestigeerfolg.

    Große Hoffnung auf Tiktok-Deal

    Dass Oracle mit allen Mitteln aufholen will, zeigte sich 2020: Als die chinesische Firma Bytedance auf Druck der US-Regierung die Kontrolle über die Videoplattform Tiktok abgeben sollte, diente sich das Unternehmen als „Technologiepartner“ an – Microsoft war damit außen vor. Der enge Kontakt zwischen Gründer Larry Ellison und dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump dürfte bei der Anbahnung geholfen haben.

    Der Deal scheiterte. Doch auch so baut der Konzern, dessen Sitz mittlerweile in Austin, Texas liegt, das Geschäft aus. Im laufenden Geschäftsjahr will der Konzern die Investitionen auf vier Milliarden Dollar verdoppeln, ein beträchtlicher Teil der zusätzlichen Ausgaben dürfte in das Netzwerk an Rechenzentren fließen.

    Die genauen Ausgaben will Magouyrk nicht beziffern. Die Cloud-Sparte OCI sei im Vergleich zur Konkurrenz relativ neu, sagt er – „und wir wussten immer, dass wir schnell auf eine große Anzahl von Regionen skalieren müssen“.

    Im Vergleich zu den Marktführern, die man in der IT aufgrund ihrer schieren Größe als Hyperscaler bezeichnet, ist das jedoch immer noch wenig. „In den letzten zwölf Monaten haben sowohl Microsoft als auch Google mindestens zehnmal so viel investiert wie Oracle“, sagt John Dinsdale, Analyst von Synergy Research – und Amazon habe beide noch übertroffen. „Es ist ein Spiel der Größe, und das Ergebnis ist größtenteils bereits bekannt.“

    Trotzdem sieht der Marktforscher Chancen. Denn: Der Markt wächst trotz seiner enormen Größe weiter. Kleinere Cloud-Anbieter könnten davon profitieren, betont Dinsdale. Das gelte auch für Oracle, das mit der großen Kundenbasis das Geschäft ausbauen könne.

    Aktie auf Allzeithoch

    Oracle ist nicht das erste IT-Unternehmen der alten Garde, das sich für das Cloud-Zeitalter neu erfindet. Auch Microsoft, IBM und SAP haben neue Strategien finden müssen, mit unterschiedlichem Erfolg. Wie sich das Geschäft genau entwickelt, ist aus den Geschäftszahlen indes nicht exakt abzulesen.

    Im September bezifferte das Management um Chefin Safra Catz und Technikvorstand Larry Ellison die „Run Rate“, also den hochgerechneten Umsatz für die nächsten zwölf Monate, auf zehn Milliarden Dollar – dieser Wert enthält allerdings sowohl das Infrastrukturgeschäft als auch Geschäftsanwendungen. Das Wachstum der Sparte OCI habe im vergangenen Geschäftsjahr bis Ende August im „mittleren 30-Prozent-Bereich” gelegen.

    An der Börse kommt das gut an. Der Aktienkurs steht mit rund 94 Dollar nahe dem Allzeithoch, die Marktkapitalisierung erreicht 258 Milliarden Dollar. Nach der starken Kursentwicklung der vergangenen Monate warten viele Analysten inzwischen indes ab, die meisten empfehlen, das Papier zu halten.

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    Das wachsende Cloud-Geschäft erleichtere es dem Konzern, das Wachstum zu beschleunigen, urteilt die Investmentbank Needham. Der Anstieg der letzten Monate berücksichtige das Potenzial aber bereits. Larry Ellison wird noch weitere Beweise liefern müssen, dass seine Strategie aufgeht.

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